Wahlkampf der US-Demokraten Vier Strategen planen den Obama-Hype

Vom Außenseiter zum Favoriten: Barack Obama lässt Hillary Clinton und ihr Wahlkampfteam blass ausehen. Doch wer beeinflusst den Mann, der nächster US-Präsident werden will? SPIEGEL ONLINE stellt seine wichtigsten Berater vor.

Washington - Im Januar 2007 spazierte Barack Obama vom Senat in Washington drei Blöcke weiter zu einem unauffälligen Bürogebäude. Ein paar Tage vorher hatte er dort ein paar Räume angemietet, die waren noch leer bis auf einige Plastikmöbel. Der Senator zog einen Klappstuhl heran, war in der "Washington Post" zu lesen, und setzte sich Julianna Smoot gegenüber - der erfolgreichen Spendensammlerin, die er angeheuert hatte, um die nötigen Millionen für seine Bewerbung um das Weiße Haus einzutreiben.

Smoot blätterte durch die dünne Liste an Spendern, die Obama bislang zusammengetragen hatte. Der fragte laut "Washington Post" besorgt: "Was sollen wir tun?" Smoot antwortete nüchtern: "Greif sofort zum Telefon. Und vergiss nicht, sie nach ihren Kreditkartennummern zu fragen."

Knapp ein Jahr später nimmt Barack Obama eine Million Dollar an Spendengeldern ein - pro Tag. Zu seinen Auftritten strömen derzeit im Schnitt 20.000 Zuschauer. Obamas Botschaft vom Wandel dominiert den Wahlkampf. Wie schaffte es das Obama-Team, die Begeisterung einer Massenbewegung mit einem soliden organisatorischen Unterbau zu verbinden - und die mächtigen Berater um seine Rivalin Hillary Clinton kalt zu erwischen?

SPIEGEL ONLINE stellt vier Köpfe seines Teams vor.

David Axelrod - der Stratege

Die TV-Debatten zwischen Hillary Clinton und Barack Obama sind ein Auf und Ab. Nur auf David Axelrod ist Verlass: Der Obama-Chefstratege wird im "Spin-Room", in dem die PR-Strategen gleich nach der Debatte ihre Sicht der Welt in die Köpfe der Journalisten schrauben wollen, leicht traurig dreinblickend warten.

Der 52 Jahre alte ehemalige Journalist hat dunkle Hundeaugen und einen leicht hängenden Schnauzbart, was ihm einen melancholischen Zug verleiht - egal ob sich Obama in der Debatte gut geschlagen hat oder nicht. Axelrod arbeitet seit Jahrzehnten für demokratische Bewerber, und stets trieb ihn eine Frage um: Wie lässt man einen Bewerber neu und anders klingen? "Wenn wir einen herkömmlichen Wahlkampf führen, verlieren wir", sagte er, als er seinen Job für Obama antrat.

Also bastelte Axelrod als Startschuss von Obamas Bewerbung einen auf nostalgisch gemachten TV-Spot und ließ Obama von seiner Zeit als Sozialarbeiter in Chicago erzählen. Wofür der Bewerber politisch steht, verrät der Film eigentlich nicht. Aber dass Obama den Wandel will, prägte sich ein. Mittlerweile dreht sich Obamas Botschaft längst nicht mehr um spezifische Politikvorschläge, sondern fast ausschließlich um die Sehnsucht nach einem Neuanfang - in Washington, in den USA, in der Welt. Eine leere Projektionsfläche der Hoffnung, kritisieren das manche. Doch im Wahlkampf wirkt es.

Aber Axelrod ist nicht nur Idealist, er ist auch ein geübter Organisator. Früh hat er sichergestellt, dass die klassische Basisarbeit in seinem Team genauso viel Priorität genießt wie die luftige Botschaft des Bewerbers. Etwa: Wie kommen die Wähler am Wahltag eigentlich zu den Urnen? So hat Obama insbesondere in kleinen US-Bundesstaaten - wo der Einfluss weniger begeisterter Aktivisten entscheidend ist - Clinton überraschend klar ausgestochen. Axelrods Wahlkampf funktioniert aber auch deshalb so gut, weil er Hillary Clinton kühl kalkulierend als Kandidatin der Vergangenheit zeichnet. Dabei ist er ihr eigentlich aufs Engste verbunden: Wie kaum ein anderer Politiker hat sie eine Stiftung unterstützt, die Axelrod für seine durch Epilepsie schwer behinderte Tochter gegründet hat. Doch das ist jetzt vergessen: Vor TV-Debatten fungiert Axelrod als Hillary-Clinton-Double, um Obama perfekt auf deren Argumente vorzubereiten.

Julianna Smoot - das Finanzgenie

Barack Obamas Bank hat ihren Sitz im 11. Stock eines Hochhauses in Chicago. Hier arbeiten seine Geldsammler. Die "Washington Post" beschreibt die Szenerie: An den Wänden hängen Motivationssprüche wie: "Lauf dem Geld nach!" Das wirkt: Allein im Januar hat Obamas Team 32 Millionen Dollar eingenommen; Hillary Clinton kam im gleichen Zeitraum auf 13 Millionen.

Doch die Anfänge waren weit bescheidener. Julianna Smoot, die schon für erfahrene Demokraten wie die Senatoren Charles Schumer oder Tom Daschle Spenden eingetrieben hat, erinnert sich lächelnd, wie sie Obama erst überzeugen musste, mögliche Geldgeber am Telefon in der Warteschleife zu halten, um mehrere gleichzeitig anrufen zu können - und unverblümter und schneller im Gespräch um Geld zu betteln.

Doch Smoot, eine sehr schnell redende Mittvierzigerin, trieb ihm solche Zögerlichkeiten rasch aus. Gleichzeitig baute sie eine Internet-Datenbank auf, die mittlerweile mehr als 650.000 Online-Spender zählt. Die kann das Obama-Team derzeit immer wieder um Hilfe bitten, weil erst drei Prozent von ihnen das gesetzlich vorgeschriebene Pro-Kopf-Spendenlimit von 2300 Dollar für den Vorwahlkampf ausgeschöpft haben.

Daneben vernachlässigte Smoot aber nicht die Geldgeber mit den tiefen Taschen an Wall Street oder in noblen Anwaltskanzleien - ihr gelang es, Clinton wichtige Großspender abzuwerben, etwa den Hollywood-Mogul David Geffen. Im Gespräch mit der "Washington Post" spielt die Obama-Finanzchefin ihre eigene Leistung herunter: "Alle Demokraten respektieren und bewundern die Clintons. Aber die Leute wollen nun etwas anderes. Es ist also gar nicht so schwer, Spender von Obama zu überzeugen."

Jon Favreau - der Wortakrobat

Als Barack Obama Anfang Januar überraschend die Vorwahl in Iowa gewann, lautete der erste Satz seiner Siegesrede: "Sie sagten, dieser Tag werde niemals kommen." Es war der Auftakt einer denkwürdigen Ansprache. David Gergen, PR-Guru für vier Präsidenten, staunte danach: "Das war die beste Rede, die ich je gehört habe" - und die Experten stritten sich, ob Obamas Rhetorik eher mit Martin Luther King oder John F. Kennedy zu vergleichen ist. Dann sieht man den Redenschreiber von Obama - und es ist auf den ersten Blick klar, dass der sich dieser Frage nur theoretisch nähern kann. Jon Favreau ist 26 Jahre alt, und er sieht keinen Tag älter aus.

Favreau hat vor vier Jahren, da kam er gerade frisch aus dem College, Reden für den demokratischen Präsidentschaftsbewerber John Kerry geschrieben und dabei auch Obama kennengelernt. Als der ihn anheuerte, hat Favreau die Monate vor Beginn des heftigen Wahlkampfes genutzt, um Obamas ungewöhnliche Rhetorik in sich einzusaugen. Immerhin hatte der Senator vor vier Jahren in Boston schon eine Parteitagsrede gehalten, die die Zuhörer von den Stühlen riss, und zwei Bestseller geschrieben. Der junge Redenschreiber las auch die Schriften von Robert F. Kennedy zur Inspiration.

Aus diesem Ideen-Pool schöpfte Favreau, als Obama in seinen Reden auf Rückschläge reagieren musste. Nach dessen Niederlage in New Hampshire baute Favreau in seine Ansprache am Abend den optimistischen Slogan "Yes, we can" ein - der seitdem in jeder Rede Obamas vorkommt. Als Hillary Clinton begann, Obamas Versprechen anzugreifen, formulierte Favreau Sätze wie diese: "Falsche Hoffnung? Hat das auch John F. Kennedy gedacht, als er einen Menschen auf den Mond schicken wollte? Hat nicht alles Gute in Amerika mit Hoffnung angefangen?"

Doch Favreau wird sich neue Konter einfallen lassen müssen. Seit Obama in den Umfragen vorne liegt, verschärft seine Rivalin Clinton ihre Kritik an dessen angeblich leerer Rhetorik. "Reden machen nicht satt. Reden füllen nicht den Tank des Autos. Worte sind billig", stichelte sie dieses Wochenende. Obama hat darauf reagiert und baut nun mehr Politikdetails in seine Reden ein - die im regen E-Mail-Austauch mit Fovreau entstehen. Zweifel an seinem Redenschreiber scheint er aber nicht zu haben. "Barack vertraut ihm seine Worte an", sagt David Axelrod über Fovreau.

Michelle Obama - die Frau an seiner Seite 

Vielleicht hätte er sich nicht in die erste Reihe setzen sollen. Am Pult steht Michelle Obama, 150 junge Leute drängen sich in einem kleinen Raum der University of South Carolina in Columbia. Sie soll über ihren Mann reden, aber jetzt erzählt sie erstmal, wie Jungs Mädels das Blaue vom Himmel quatschen können über ihre Pläne im Leben. Und dann kriegen sie am Ende doch nichts hin. "Mädels, hört genau hin", grinst Obama. Sie schiebt das Kinn vor, und fixiert den armen Kerl direkt vor dem Pult in der ersten Reihe: "Was willst Du denn eigentlich erreichen?"

Michelle Obama, Ehefrau von Präsidentschaftsbewerber Barack Obama, ist fast 1,80 Meter groß, gertenschlank - und bekannt für ihre scharfe Zunge. Aufgewachsen ist sie in einfachen Verhältnissen, doch sie schaffte es nach Princeton und studierte Jura in Harvard. Lange war die 44-jährige Mutter zweier kleiner Töchter kaum zu sehen im Wahlkampf. In Interviews meldete sie sogar Zweifel an, ob das harte Schaulaufen nicht ein zu großes Opfer für ihre junge Familie sei. Doch in den letzten Wochen ist sie fast täglich für ihren Mann im Einsatz. Sie spricht davon, für "gewöhnliche Leute" wie sie sei es seit Jahrzehnten in den USA nur bergab gegangen. "Aber manchen Leuten ist alles egal, die gehen noch nicht einmal wählen", schüttelt sie den Kopf. Obama schiebt einen halb erstickten Lacher nach. Der klingt wie: "Unglaublich."

Diese erstickten Lacher ziehen sich durch ihre Reden. Manchmal gelten sie ihrem Mann. Dass der nicht die Socken wegräumt, erzählte sie, dass er so einen komischen Namen hat, dass sie ihn bei der ersten Verabredung abblitzen ließ. Die Zuhörer lachen darüber, doch Journalisten haben die Stirn gerunzelt. Sie schrieben: Darf man das sagen über einen Mann, der vielleicht bald Führer der freien Welt sein wird? Aber sie lassen Obama, um den fast schon ein Personenkult getrieben wird, eben normaler erscheinen. Zumindest in der Schlacht mit Hillary Clinton ist ihr selbstbewusstes Auftreten kein Nachteil - ihr Pendant im anderen Lager ist immerhin Bill Clinton.

Hinweis: Für diesen Text wurde in mehreren Passagen auf einen Artikel der "Washington Post" Bezug genommen. Die "Washington Post" wurde auch als Quelle zitiert, nach Ansicht einiger Leser wurde allerdings nicht deutlich genug, welche Informationen von der "Washington Post" übernommen wurden. Die betreffenden Stellen wurden nun entsprechend gekennzeichnet.

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