Veit Medick

Clinton vs. Trump Eine große Chance für Amerika

Jetzt steht es fest: Im Herbst ringen Hillary Clinton und Donald Trump um die US-Präsidentschaft. Ja, das wird sehr schmutzig. Aber das Rennen birgt auch Möglichkeiten für das Land.
Anhänger von Hillary Clinton

Anhänger von Hillary Clinton

Foto: JUSTIN SULLIVAN/ AFP

Nein, schön waren diese Vorwahlen nicht. Man kann sogar sagen, dass es in der politischen Auseinandersetzung in den Vereinigten Staaten selten kulturloser zuging als in den vergangenen fünf Monaten.

Ob Penislängen, Schweißausbrüche oder die Frage, wie groß der Bissen sein darf, den ein Politiker sich unterwegs in den Mund schiebt - es ging um vieles, nur eben kaum darum, wie es mit den USA weitergehen soll. Und jetzt? Werden sich Hillary Clinton und Donald Trump ein Death Match ums Weiße Haus liefern. Gute Nacht, Amerika. So könnte man denken.

Oder aber anders. Nämlich so: Was jetzt folgt, ist eine große Chance für die Amerikaner. Warum? In einem Moment, in dem der halbe Westen rechten Menschenfängern zu verfallen scheint, haben die USA die Gelegenheit, gegen den Trend zu wählen. Fünf Monate hat das Land nun Zeit, dem Rest der Welt die andere Seite Amerikas zu zeigen, und zwar die einer gefestigten Demokratie, die die eigenen Institutionen nicht leichtfertig einem Demagogen überlässt.

Ja, Trump hat eine Chance zu gewinnen und man muss ihn ernst nehmen. Aber bei all dem Entsetzen über seinen steilen Aufstieg geht ein wenig unter, dass Amerika noch immer ganz gut gerüstet scheint, um eine Trumpsche Präsidentschaft zu verhindern. Die Demokratie in den USA ist alt. Das System der "checks and balances" hat über die Jahrhunderte dafür gesorgt, dass viele Amerikaner ein feines Gespür dafür besitzen, wann die Machtkonzentration ein ungesundes Niveau erreicht. Man kann das zum Beispiel daran sehen, dass Affären, Korruption und Skandale in den USA noch immer so hart verfolgt werden wie nur in wenigen anderen Staaten. Und es wäre überraschend, wenn der skandalumwölkte Trump diese Beharrlichkeit auf dem Höhepunkt des Wahlkampfs nicht noch zu spüren bekommen würde.

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Die Schlacht zwischen Clinton und Trump ist auch für die amerikanische Zivilgesellschaft eine große Chance. Schon jetzt ist zu beobachten, wie sehr der Wahlkampf Trumps Gegner mobilisiert. Studenten stürmen Veranstaltungen. Einwanderer demonstrieren. Der Grund ist einfach auszumachen: Anders als bei vielen anderen Wahlen geht es um die fundamentale Frage, wie tolerant und weltoffen Amerika künftig sein will und wie wertvoll die Freiheiten noch sind, die von Bürgerrechtlern, Frauen und vielen anderen Teilen der Zivilgesellschaft einst so hart erkämpft werden mussten.

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Man darf annehmen, dass sich bei der Beantwortung dieser Frage auch jenseits der Wahlurnen noch viel mehr Menschen einmischen werden als das schon jetzt der Fall ist. Trump gibt sich als Patriot. Aber viele seiner Gegner werden ihren eigenen Patriotismus entdecken.

Eine Chance ist die Wahl zudem, weil sie die Veränderungen, die Obama in der Sozial- und Gesellschaftspolitik angestoßen hat, gewissermaßen unumkehrbar machen könnte. Trump tritt als radikaler Gegenentwurf zu Obama an. Wenn Amerika die Reformen und Initiativen des Präsidenten wirklich zurückdrehen möchte, dann wäre jetzt der beste Zeitpunkt. Das heißt aber auch: Sollte der Milliardär verlieren, wäre das nicht nur ein Votum für Clinton, sondern auch eine Bestätigung für den Modernisierungskurs Obamas, an den die Ex-Außenministerin sich so kettet. Ob die Republikaner in vier oder acht Jahren noch einmal eine ähnliche Strategie des Zurückdrehens fahren würden, ist mindestens fraglich.

Schon richtig: Clinton müsste für diese Szenarien am 8. November auch wirklich siegen. Aber dass sich diese Wahl überhaupt noch irgendwie in einen Gewinn für Amerika drehen könnte, wird bei der derzeitigen Hysterie allzu leicht vergessen. Man sollte es zumindest im Hinterkopf haben.

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