Wahlkampf im Internet Elvis ist schuld an McCains Sieg

Die Unterstützer von Barack Obama haben das Internet als Wahlkampf-Plattform perfektioniert. Ihr jüngster Coup: Ein personalisierbares Video zeigt die USA nach der Wahl. Das Szenario: John McCain hat gewonnen - allein wegen Elvis. Oder waren Sie das etwa?

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Hamburg - Es ist Freitag, der 7. November 2008. Ernst schaut der Nachrichtenmoderator in die Kamera, sein Name: Bill Peterson. Im Hintergrund eine Wand aus Video-Bildschirmen. "Präsidentschaftswahlen in den USA gehen immer knapp aus", sagt er. Dann der Hammer: "Aber die Nation ist schockiert über den Ausgang der Wahl am Dienstag. John McCain hat mit einer Stimme Vorsprung gewonnen." Und jetzt hat sich herausgestellt, wer dafür verantwortlich ist. DU.

Seit gut einer Woche steht das knapp anderthalb Minuten lange Video auf der Website der linken US-Bürgerrechtsorganisation Moveon.org - und ist ein gigantischer Erfolg.

Laut Moveon.org wurde es bis Donnerstagnachmittag bereits mehr als neun Millionen Mal verschickt. Ziel der Videomacher ist es, die US-Wahlberechtigten dazu aufzufordern, ihre Stimme auch wirklich abzugeben. Damit Obama gewinnt, so die Botschaft an das Lager der Anhänger des demokratischen Präsidentschaftskandidaten, kommt es auf jede einzelne Stimme an.

Das Video lässt sich einfach personalisieren. Wer will, kann es an jede beliebige Adresse schicken und beliebige Vor- und Nachnamen eintragen: Max Mustermann, Joe Sixpack oder Elvis Presley - geht alles. Innerhalb weniger Minuten erreicht die entsprechend angepasste Version des Clips den Adressaten. Und es wirkt erstaunlich realistisch.

In diversen Inserts taucht der jeweilige Name auf. Mal wird eine Zeitung eingeblendet, die auf der ersten Seite den Namen veröffentlicht. Dann ein Graffiti, auch hier steckt der Name drin. Eine alte Dame zetert über den Verantwortlichen, und Präsident George W. Bush lobt den Einen als Patrioten.

In den USA ist die Wahlbeteiligung traditionell niedrig. Vor vier Jahren lag sie bei knapp 57 Prozent. Bei der Präsidentschaftswahl 1996, aus der Bill Clinton als Sieger hervorging, gab nicht mal jeder zweite Wahlberechtigte seine Stimme ab.

"Geht wählen!", lautet auch die Aufforderung eines momentan erfolgreichen Spots bei YouTube.

Selten waren in einem nur wenige Minuten dauernden Clip so viele Hollywood-Promis zu sehen: Leonardo DiCaprio, Harrison Ford, Will Smith, Julia Roberts, Cameron Diaz, Tom Cruise, Justin Timberlake, Orlando Bloom, Scarlett Johansson und einige mehr.

Sie alle versuchen sich unter der Regie von Steven Spielberg an dem Text: "Geh nicht wählen. Auf eine Stimme mehr oder weniger kommt es sowieso nicht an." Und keiner bekommt ihn über die Lippen. "Das ist doch sinnlos", kritisiert etwa Julia Roberts. Justin Timberlake meckert: "Ich war mal in einer Boyband, ich kann alles." Schließlich fordern alle die Zuschauer auf, natürlich zur Wahl zu gehen. Eben weil es um jede Stimme geht.



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