Wahlkampf in den USA Schönheitswettbewerb der Kriegsgegner
Orangeburg - Der größte Sieger stand schon fest, da waren die Bewerber auf das Amt des demokratischen Präsidentschaftskandidaten noch im Anflug. Er heißt Orangeburg, genauer gesagt die Universität der Stadt. Bis vor ein paar Tagen meldeten Handys an vielen Ecken des Campus keinen Empfang, und drahtloses Internet gab es sowieso gar nicht. Jetzt haben eine halbe Million Dollar Sponsorengelder für diesen einen Abend aus der South Carolina State University eine echte High-Tech-Hochburg gemacht.
Erster TV-Showdown für die demokratischen Präsidentschaftsbewerber: Chris Dodd, John Edwards, Joe Biden, Barack Obama, Hillary Clinton
Foto: APOrangeburg liegt tief im Süden der USA, hier starben am 8. Februar 1968 drei Studenten durch die Schüsse der Polizei, als sie gegen die Rassentrennung auf der örtlichen Bowlingbahn protestierten. Doch James Clyburn, der Fraktionsgeschäftsführer der Demokraten im Kongress, wollte nicht, dass man sich an Orangeburg nur als Ort eines Massakers erinnert. Clyburn, der höchstrangigste gewählte Schwarze in den USA, hatte einst in Orangeburg studiert und in den sechziger Jahren gemeinsam mit dem Bürgerrechtler Martin Luther King für Bürgerechte protestiert. Er setzte sich für Orangeburg als Austragungsort ein, ihm hat das 13.000-Einwohner Städtchen die landesweite Aufmerksamkeit zu verdanken.
600 Journalisten belagerten gestern den sonst eher verschlafenen Campus. Schon in der Mittagshitze tanzten die mit T-Shirts und Plakaten gut ausgestatteten Hillary-Fans auf den Straßen und postierten sich als kameragerechte Kulisse vor den Open-Air Studios der US-Fernsehsender. Wann immer das Sendelicht einer Kamera aufflammte, brandete ihr gut organisierter Jubel auf. Aufpasser mahnten die Freiwilligen, ihre Schilder stets schön hoch zu halten. Da war von Obama- oder Edward-Fans noch weit und breit nichts zu sehen. Denn auch hier in Orangeburg hatte Hillary alles perfekt organisiert. Und sich mal wieder beinahe perfekt präsentiert.
Zwei Favoriten, zwei Außenseiter
Doch zur Siegerin des gestrigen ersten Schlagabtausches machte sie dies noch lange nicht. Punkt sieben Uhr traten die Bewerber ins grelle Scheinwerferlich der frisch renovierten Martin-Luther-King-Aula, im Saal roch es noch nach frischer Farbe. Sieben Männer und eine Frau nahmen Aufstellung, es ist ein höchst unterschiedliches Kandidatenfeld. Da sind die Spitzenreiter Hillary Clinton und Barack Obama, John Edwards, den man nicht unterschätzen darf und Bill Richardson, der Gouverneur von New Mexico. Er hat zumindest noch geringe Außenseiterchancen.
Die Übrigen haben keinerlei Aussicht je ins Weiße Haus einzuziehen: Die Senatoren Chris Dodd und Joe Biden, der Abgeordnete Dennis Kucinich (der gerade im Alleingang einen Antrag auf Amtsenthebung gegen Vizepräsident Dick Cheney im Abgeordnetenhaus einbrachte) und ein Mann namens Mike Gravel der ganz rechts auf der Bühne stand. Gravel, ein ehemaliger Senator aus Alaska, sagt selbst vielen Polit-Insidern des Landes nicht viel. Seit 26 Jahren bekleidet er kein Amt mehr.
Die Hackordnung machte schon die Vorfahrt der Kandidaten deutlich: Biden quetschte sich mit drei Begleitern in einen Streifenwagen, für Hillarys Wagenkolonne sperrte die Polizei die Straße. Ausgeglichener ging es auf der Bühne zu. 60 Sekunden hatte jeder der Kandidaten zur Beantwortung der gestellten Fragen, 30 Sekunden um auf Attacken der Gegner zu reagieren. Eingangstatements waren verboten.
Clintons Schwachstelle Irak
Es begann, natürlich, mit Irak und Hillary Clinton duckte sich gleich nicht sonderlich kunstvoll weg. Ob sie wie Harry Reid, Mehrheitsführer der Demokraten im Senat, den Krieg für verloren erklären würde, wollte NBC-Moderator Brian Williams wissen. Clinton ignorierte die Frage einfach und sprach davon, Präsident Bush von der Notwendigkeit eines Abzuges zu überzeugen. Sie jedenfalls, versprach die ehemalige First-Lady, werde den Krieg sofort beenden, wenn Amerika sie denn wähle.
Irak ist Clintons schwache Stelle, sie hat für den Krieg gestimmt, entschuldigen will sie sich dafür bis heute nicht. Anders als Edwards, der gestern noch hinzufügte, mit dieser falschen Entscheidung "müsse er für ewig leben." Obama hingegen nutzte die Gelegenheit die Nation noch einmal daran zu erinnern, dass er von Beginn an gegen die Irak-Invasion gestimmt habe. Jetzt komme es darauf an, im Senat unter den Republikanern um Stimmen zu werben, damit das von Bush angekündigte Veto gegen den Abzugsplan überstimmt werden könne. Obama: "Wir sind 16 Stimmen davon entfernt den Krieg zu beenden."
Wie sehr sich die demokratische Basis ein noch tafferes Vorgehen wünscht, zeigte die Reaktion auf Gravels aggressive Attacken auf die "arroganten" Spitzenreiter: "Wir müssten es nur zu einem Verbrechen erklären, weiter im Irak zu bleiben", rief Gravel. Und in der Basketballhalle der Uni, wo Tausende die Debatte vor Großbildleinwänden verfolgten, brach Jubel aus. In einer zweiten Fragerunde grillte der Moderator die Kandidaten - Obama wegen eines anrüchigen Spenders für seine Kampagne. Edwards wegen zwei insgesamt 800 Dollar teurer Haarschnitte, die er aus der Wahlkampfkasse bezahlte. Clinton traf es mit der spitzen Bemerkung, sie sei doch die Traumgegnerin der Republikaner.
Am Ende erklären sich alle zum Sieger
Weitere Höhepunkte: Hillary gestand mal wieder, sie habe bei ihrer einst so desaströs gescheiterten Gesundheitsrefom in der Amtszeit von Bill Clinton wirklich "Fehler" gemacht. Obama möchte die im Süden noch immer verbreiteten Konföderiertenflagge "ins Museum" verbannen. Kucinich will als Präsident auf militärische Macht verzichten.
Edwards hat drei Vorbilder: Gott, seine Frau und seinen Vater. Ex-Senator Gravel klang bisweilen gar wie ein Revolutionär, als er die Macht des "militärisch-industriellen Komplexes" anprangerte. Und der sonst so geschwätzige Biden fasste sich wenigstens einmal kurz. "Ja" sagte er nur auf die Frage, ob er sein berüchtigtes Temperament im Oval Office zügeln könnte. Dann waren die 90 Minuten auch schon vorbei und im "Spin"-Room erklärten die Polit-Berater erwartungsgemäss ihre Kandidaten zu den klaren Siegern des Abends.
Die Meinungsumfragen kurz vor der Debatte zeigten Clinton vorne, aber sie verliert gerade an Zustimmung. Obama und Edwards holen auf. Viel ändern wird sich an diesem Trend wohl nicht, keiner brach gestern ein, keiner stach heraus. Wenn es denn gestern in Orangeburg einen Debatten-Sieger gab, dann heißt er Mike Gravel. Die Amerikaner wissen jetzt zumindest, wer er ist.