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11. April 2011, 15:15 Uhr

Wahlkampf in Finnland

Angriff der Panzerknacker

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Sie sind gegen Sex vor der Ehe, Ausländer und die EU: Die "Wahren Finnen" setzen zum großen Sprung bei der Parlamentswahl an, Umfragen sehen sie bei fast 20 Prozent. Die Politik im Nordosten Europas wird nie wieder so korrekt, harmonisch, sozialdemokratisch sein wie früher - was ist passiert?

Sieht so ein Radikaler aus, ein Rechtspopulist und Ausländerfeind, der Einwanderung und "kurzsichtige Multikulturprojekte" stoppen will, der Minderheiten und Muslime verachtet und den Euro abschaffen möchte?

Timo Soini, 48, lächelt milde und beißt herzhaft in sein Krabbenbrot. "Ich bin traditionalistisch finnisch, mehr nicht", sagt er, und so sieht er auch aus: leicht übergewichtig, strähnig zurückgekämmtes Haar, rundes, gemütliches Gesicht. Soini liebt die Sauna, sein Sommerhaus und Trabrennen. "Jeder braucht seine Wurzeln", sagt er, "in diesem Sinne bin ich auch populistisch."

Soini ist Parteichef der "Wahren Finnen", dem jüngsten Rechtsausleger in der europäischen Parteienlandschaft. Noch sitzt er als einziger Abgeordneter der fremdenfeindlichen Populisten im Europaparlament. Am kommenden Sonntag will er die Hinterbank in Straßburg mit einem komfortableren Sitz in Helsinki tauschen, mindestens im Reichstag, lieber noch in der Regierung. Wäre da nicht das rechte Image seiner Partei.

"Es stimmt, ich arbeite gut mit der Dänischen Volkspartei zusammen", sagt Soini. Das sind die Rechtspopulisten aus Kopenhagen. "Aber ich rede auch mit unserem Außenminister Alexander Stubb und mit Verteidigungsminister Jyri Häkämies." Die sind konservativ und von der finnischen Sammlungspartei.

Beide hofierten ihn erst kürzlich zusammen mit seiner Fraktion "Freiheit und Demokratie" aus dem Europaparlament, in der auch Rechte aus Dänemark, Griechenland, Italien oder Großbritannien sitzen. Soini freut sich. "Niemand hat mehr Berührungsängste vor uns."

Gegen außerehelichen Sex, Ausländer und die EU

Nun also auch die Finnen. Nach Dänemark und Schweden, nach Marine Le Pen in Frankreich und den meisten EU-Mitgliedstaaten - außer Deutschland - sind die Rechtspopulisten auch in Helsinki angekommen. Die "Wahren Finnen" schwören auf die "Sitten des Landes" wollen das "Finnischtum" fördern, sie lehnen die Homo-Ehe und die Abtreibung ab, sind gegen außerehelichen Sex und Frauen im Pfarramt, und gegen Ausländer und die EU sind sie sowieso.

In den Umfragen liegen sie, je nach Institut, mit etwa 18 Prozent Kopf an Kopf mit den drei etablierten Parteien, die gewöhnlich die Macht unter sich aufteilen - den oppositionellen Sozialdemokraten, der Zentrumspartei von Regierungschefin Mari Kiviniemi und ihrem Koalitionspartner, der konservativen Sammlungspartei.

Die finnischen Prognosen bestätigen, wie nachhaltig sich die politische Landschaft auch in Skandinavien verändert hat, das über Jahrzehnte als Heimatregion der Sozialdemokratie galt: Die Rechtspopulisten in Stockholm kamen 2010 auf 5,7 Prozent, bei der letzten Wahl in Dänemark erzielten sie 13,9 und in Norwegen 2009 sogar 22,9 Prozent. Die "Wahren Finnen" hatten es zuletzt nur auf 4,1 Prozent gebracht. Noch hocken ihre sechs Abgeordneten wie Parias im Reichstag, die fünf männlichen, in seriöse, dunkle Anzüge gezwängt, als "Panzerknackerbande" verspottet.

Im vorigen Sommer drehte die Stimmung. Jahrelang stand das Nordland bei Pisa-Studien ganz vorn; bei internationalen Vergleichen über Lebensqualität, Wirtschaftskraft, Finanzstabilität oder Kampf gegen Filz und Korruption erreichten die Finnen Bestnoten. Seit vorigem Sommer ist alles anders. Auf einmal ist der schöne Schein der politisch korrekten Finnen nachhaltig beschädigt.

Peinlichkeiten, die am sauberen Bild der feinen Finnen kratzen

Eine unendliche Parteispendenaffäre bringt die etablierten Parteien in Misskredit, allen voran die größte Regierungspartei, das Zentrum.

Und das sind längst nicht alle Peinlichkeiten, die am sauberen Bild der feinen Finnen und ihrer Parteien kratzen.

Die "Wahren Finnen" präsentieren sich als patriotischer Gegenentwurf. Dabei kommt ihnen das ausgeprägte Nationalbewusstsein zugute, das viele Finnen teilen. Die sind nicht wirklich nationalistisch, wohl aber konservativ, traditionell und bodenständig - also ungefähr so, wie auch Parteichef Soini zu sein vorgibt.

Seit 42 Jahren lebt Soini in Espoo, der zweitgrößten Stadt des Landes, im selben Viertel, im selben Wohnblock, auf 90 Quadratmetern, so, "wie ich immer gelebt habe". Seine Frau ist Ärztin, die beiden haben zwei halbwüchsige Kinder. "Ich kenne die Vorstädte", sagt er, "das bedeutet mir viel." Bei der Europawahl 2009 erhielt er 130.000 Persönlichkeitsstimmen - so viel wie kein anderer finnischer Kandidat.

Mit der Vaterlandsliebe der Finnen geht schon seit langem eine gewisse Gereiztheit Fremden gegenüber einher. Vor dem EU-Beitritt bekamen das die Deutschen zu spüren, die angeblich nur hinter den finnischen Sommerhäusern her waren, später dann die zunehmend reiselustigen Russen. Noch vor kurzem hingen im ostfinnischen Lappeenranta Zettel in Geschäften und Supermärkten aus, in denen Russen das Betreten in Gruppen verboten war.

Das Wohlfahrtssystem zeigt erste Risse

Heute treffen solche Vorbehalte die Migranten, obschon der Ausländeranteil mit rund drei Prozent in Finnland deutlich geringer ist als beim Nachbarn Schweden (sechs) oder gar in Deutschland (8,7). Aber die europäische Finanzkrise hat nicht nur die traditionelle EU-Skepsis der Finnen geschürt, sondern auch ihre Wohlstandsängste. Denn das Wohlfahrtssystem zeigt erste Risse. Lange Wartezeiten auf einen Arzttermin in öffentlichen Gesundheitszentren zeugen zum Beispiel davon.

Das nutzen die "Wahren Finnen" so, wie es vor ihnen die "wahren" Österreicher, Flamen, Franzosen und Niederländer nutzten. Sie fordern laut Parteiprogramm eine "rasche Ausweisung" aller "Wirtschaftsflüchtlinge" und eine Kürzung der Sozialhilfe für Einwanderer. "Ein Ausländer ist eben etwas anderes als ein Finne", sagte einer von Soinis Stellvertretern.

Ein Kandidat hängte kürzlich zur Stimmungsmache in der Hauptstadt Plakate von Moschee-Neubauten an Bauzäune und stellte einen Arabisch beschrifteten Straßenplan von "Helsinki 2020" ins Internet. Die lokale Parteileitung fand das "diskussionsfördernd".

Solch plumpe Fremdenfeindlichkeit überlässt Soini seinen Parteifreuden, er selbst punktet bei wahren Finnen mit Charisma und rhetorischem Geschick, mit Charme und Witz, was durchaus als eine Besonderheit in der Politik des Landes gilt.

Soini rechnet fest damit, dass seine Partei es mit diesen Mitteln und ihm an der Spitze nach der Wahl im April in die Regierung schafft: "Wenn wir mehr als 15 Prozent erreichen, können wir nicht sagen, wir machen nicht mit", sagt er. Dass er gefragt werden wird, daran hat er keine Zweifel: "Niemand außer den Grünen behauptet, dass wir nicht mitregieren dürfen."

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