Wahlkampf in Georgien Das Phantom aus dem Glaspalast

Seine Residenz wirkt wie eine Kulisse aus einem Bond-Film, seine Gehilfen erinnern an KGB-Bösewichte, dennoch hielt er sich bisher dezent im Hintergrund. Damit ist es jetzt vorbei. Der Milliardär Bidzina Iwanischwili will an die Macht - um Georgien die Demokratie zu schenken.

REUTERS

Von , Moskau


Im Mai 2006 nahm ein grobschlächtiger Mann in den hinteren Bänken des Auktionssaals der New Yorker Sotheby's-Filiale Platz und schickte sich an, in der weltweiten Kunstszene einen kleinen Goldrausch auszulösen. Die Nase des Fremden zeigte Spuren eines unsanften Bruchs und in seinem dunklen Mantel wirkte der Unbekannte weniger wie ein Kunstkenner, sondern "eher wie ein Mann des sowjetischen Geheimdienstes KGB", berichteten US-Zeitungen später.

Der Mann winkte ein paar Mal mit seinem gelben Gebotsschild, erstand einen Chagall für zwei und einen Monet für fünf Millionen Dollar, und als die Gebote für Pablo Picassos Bild "Dora Maar au Chat" aufgerufen wurden, wedelte der aus dem Nichts aufgetauchte Fremde solange, bis er das Gemälde für 95 Millionen Dollar erworben hatte, 30 Millionen über dem Schätzpreis.

Danach verschwand er, und da Sotheby's wie üblich nur wenigen Mitarbeitern die Identität des potenten Käufers offenbarte, stand die elektrisierte Kunstszene vor einem Rätsel. "So etwas", staunte Daniella Luxembourg, eine ehemalige Sotheby's-Angestellte, "habe ich in meiner gesamten Karriere noch nicht erlebt". Die Medien schalteten sich in die Fahndung nach dem Phantom ein. Kurz nach dem Verkauf druckte die "New York Times" ein Foto des Manns im Mantel und fragte: "Erkennen Sie diesen Mann? Die Kunstwelt jedenfalls kennt ihn nicht."

Der Fremde im Mantel war nur ein Mittelsmann, der Vertraute eines sagenhaft reichen Oligarchen aus dem Osten. Sein Name klang sehr fremd für die Ohren internationaler Kunstkenner: Bidzina Iwanischwili.

Der scheue Unternehmer will Präsident werden

Der Unternehmer, dessen Vermögen auf 5,5 Milliarden Dollar taxiert wird, residiert über den Dächern der georgischen Hauptstadt. Der Palast aus Glas und Stahl wirkt wie ein futuristisches Anwesen aus einem James-Bond-Film.

Jahrzehntelang war Iwanischwili in seiner kaukasischen Heimat fast genauso unbekannt wie im 9000 Kilometer entfernten New York. Weil der Oligarch den Neubau von Kirchen, Schulen und Theatern in seinem Heimatland unterstützte, war sein Name zwar in aller Munde. Zu Gesicht aber bekamen nur wenige den scheuen Mäzen. "Ich mag Treffen mit Journalisten nicht, und das gilt auch für die Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen oder Partys", bekannte er 2005 im Gespräch mit der Moskauer Wirtschaftszeitung "Vedomosti". Es blieb auf Jahre hinaus sein einziges Interview. Iwanischwili sei frei von jeglichen politischen Ambitionen, hat Georgiens Präsident Micheil Saakaschwili einmal über den Oligarchen gesagt: "Er ist wie der Graf von Monte Christo. Er hasst die Öffentlichkeit."

Damit ist es nun vorbei.

Iwanischwili hat angekündigt, eine politische Partei gründen und Präsident Saakaschwili aus dem Amt verdrängen zu wollen. Noch im Dezember will Iwanischwili seine Bewegung "Georgischer Traum" offiziell gründen.

Iwanischwili sucht noch nach Bündnispartnern

Präsident Saakaschwili, 43 und 2004 im Zuge der Rosenrevolution ins Amt gekommen, darf nach zwei Amtszeiten bei den nächsten Wahlen 2013 nicht mehr antreten. Saakaschwili hat sich bislang nicht zu seinen Plänen geäußert. Die Opposition fürchtet jedoch, der Staatschef könnte versucht sein, wie 2008 sein russischer Amtskollege Wladimir Putin, den Präsidentenposten nur formal für einen Gefolgsmann zu räumen, in Wahrheit aber an der Macht zu bleiben.

Die schwache und zerstrittene georgische Opposition hätte ihn kaum daran hindern können. Der Vorstoß des Oligarchen Iwanischwili aber könnte die Kraftverhältnisse in dem 4,5 Millionen Einwohner zählenden Kaukasus-Staat verschieben: Mit seinen 5,5 Milliarden Dollar verfügt er über rund doppelt so viel Geld, wie der gesamte georgische Staat in einem Jahr ausgibt.

Der Mann, der sich selbst als "Träumer ohne einen Mangel an Pragmatismus" bezeichnet, sucht noch nach Bündnispartnern für sein Polit-Projekt. So will Iwanischwili etwa den Oppositionspolitiker und ehemaligen Uno-Botschafter Georgiens, Irakli Alasania, auf seine Seite ziehen. Der Milliardär verspricht TV-Kanäle für das Dreifache des Marktpreises zu kaufen und "alle georgischen Journalisten einzustellen, denen Meinungsfreiheit und Berufswürde wichtig sind".

Das Saakaschwili-Lager sucht ihn unterdessen als "Agenten des Kreml" zu diskreditieren. Sein Vermögen verdankt Bidzina Iwanischwili, der sich auch gern als Boris ansprechen lässt, in der Tat vor allem Geschäften in Russland. Seine erste Bank eröffnete Iwanischwili in den neunziger Jahren laut eigenen Angaben im Gebäude eines Moskauer Kindergartens. Noch heute gehört dem Unternehmer das Moskauer Hotel Zentralnaja. Unter dem Namen "Hotel Lux" wurde die Herberge weltweit bekannt, weil dort während der Nazi-Herrschaft führende deutsche Sozialdemokraten und Kommunisten Unterschlupf fanden.

Freiwilliger Gang in die Opposition nach zwei Jahren an der Macht

Georgische Behörden haben Iwanischwili inzwischen den georgischen Pass aberkannt, der Unternehmer aber will das Reisedokument durch Verzicht auf seinen französischen und russischen Ausweis wiedererlangen. Die Unterstützung der orthodoxen Kirche konnte sich der Unternehmer bereits sichern. "Die Menschen schauen mit Hoffnung auf Sie, und manche sind nervös", sagte Patriarch Ilia II. bei einem Treffen.

Er wolle "das Wort Revolution noch nicht einmal hören", beteuert Iwanischwili. Der Oligarch will nicht durch Straßenproteste sondern durch Wahlen an die Macht kommen. Die Umwandlungen sind dennoch durchaus revolutionär: Iwanischwili beteuert, nach nur zwei Jahren an der Macht freiwillig in die Opposition gehen, "um die Regierung, die ich selbst geschaffen habe, zu kritisieren".

So will Iwanischwili die Entwicklung einer pluralen Demokratie in dem Kaukasus-Staat fördern, mit einem System aus sich gegenseitig kontrollierenden Einflussgruppen wie im Westen. Das ist ein ambitioniertes Unterfangen, weil die Bevölkerung des kleinen Kaukasuslandes mindestens genauso sehr Stabilität wünscht wie politische Mitbestimmungsrechte.

Iwanischwili aber ist sicher, dass seine Mission gelingen wird: "Ich werde ohne Zweifel an die Macht kommen", sagt er.



insgesamt 2 Beiträge
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ZiehblankButzemann 09.12.2011
1. Georgien ist immer eine Reise Wert!
Nur ob man dann jemals wieder von dieser wunderbaren Reise zurückkommt ist ungewiss. Kleiner Tipp: Erstmal nur ein One-Way Ticket kaufen. Reine Vorsichtsmaßnahme. Sollte dann der Ernstfall eintreten, freuen sich wenigstens die Erben über ein paar Euro fünfzig Ticketersparniss. Einfach mal hin und möglichst ganz schnell wieder weg. Wir haben nämlich unsere eigene Vorstellung von Demokratie.
kupidon 09.12.2011
2. Hoffnung
stirbt zuletzt. Es gab schon immer Politiker die dies und das versprochen haben, dennoch ich Saakaschwili schon zu lange an der Macht. Ein Showman scheint er nicht zu sein und wenn er demokratisch gewählt wird, dann ist das nur gut. Hoffentlich wird er nicht vorher in einem Unfall umkommen.
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