Wahlkampf in Polen Kaczynskis erste Brigade

In Europa geht er vielen auf die Nerven, doch den Nerv der polnischen Provinz trifft er genau: Jaroslaw Kaczynski wird das Amt als Ministerpräsident bei Neuwahlen wohl verteidigen können. Seine Partei Recht und Gerechtigkeit geriert sich wie von Gottes und Staates Gnaden.

Aus Janów Lubelski berichtet Olaf Sundermeyer


Janów Lubelski - Im traditionsbewussten Osten Polens herrschen Recht und Gerechtigkeit. So heißt die Partei PiS von Regierungschef Jaroslaw Kaczynski, und die hat hier das Sagen. Vor genau zwei Jahren, als die Ära Kaczynski begann, hat die PiS im Osten die Wahlen entschieden. Am 21. Oktober stehen nun wieder Parlamentswahlen an, weil die Partei ihre Koalitionspartner vergrault hat und die Regierung zerbrochen ist. Die Macht der PiS aber ist geblieben.

Und so kommt es auch, dass sich über dem Ortseingang von Janow Lubelski, einem Städtchen mit barocker Kirche, wo das Leben entlang der Hauptstraße stattfindet, ein riesiges Werbebanner der PiS spannt. So wie man im Sauerland ein Schützenfest ankündigt.

Nur ein paar Stunden vor dem Besuch des Premiers wird schnell noch ein neuer Brunnen am Markt angeschlossen. Finanziert von der EU wurde das Zentrum rausgeputzt, eine neue Kanalisation verlegt, ein Schwimmbad steht schon im Rohbau. Die ländliche Region im ärmsten Regierungsbezirk Polens profitiert von Brüssel; die Zuschüsse für die hiesigen Bauern sind erheblich.

All das proklamiert die PiS als Ergebnis ihrer zweijährigen Regierungszeit. Und für den Premier Kaczynski fegen heute in Janow Lubelski Frauen in Kittelschürzen und unwillige Jugendliche die Straßen. Ein Passant fühlt sich an die Arbeitseinsätze als Schüler im "gesellschaftlichen Dienst" erinnert, damals im sozialistischen Polen. "Politisch hat sich nichts geändert, wir müssen sauber machen wie eh und je", sagt ein älterer Mann mit Besen, der seinen Sarkasmus aus der Volksrepublik in die neue Zeit gerettet hat.

"Ein Arbeitsbesuch - kein Wahlkampf"

Selbst am Maschendrahtzaun der Schule hängen die Plakate der PiS. Die polnische Fahne ist gehisst, die Straßenlaternen sind mit rot-weißen Fähnchen geschmückt, die sich sonst nur an Feiertagen zeigen. In Janow Lubelski, wie anderenorts in Polen, ist die PiS so etwas wie eine Staatspartei. Dagegen beeilt man sich im Büro des Bürgermeisters Krzysztof Koltys, auch er von der PiS, mit der Botschaft, dass die Visite des Premierministers den "Charakter eines Arbeitsbesuchs" hat - "es geht nicht um Wahlkampf".

Das ist mehr als zynisch. Denn noch vor dem Regierungschef kommt dessen bulliger Wahlkampfmanager Michal Kaminski in die Stadt und begutachtet die Menschen, die sich allmählich vor der riesigen Bühne am Altmarkt sammeln. Der PiS-Wahlkampftross begleitet den "Arbeitsbesuch" von Jaroslaw Kaczynski. Es herrscht Sonntagsstimmung, die meisten Menschen haben sich herausgeputzt wie zum Kirchgang.

Nur in der "Bar gastronomiczny", einer kleinen Kneipe hinter der Bühne, wird noch ein bisschen beim Bier genörgelt. Darüber, dass "die Regierung für den Wahlkampf der PiS unser Geld verschleudert". Zum Beispiel für die örtliche Marschkapelle "Olek Orchester", die vor dem Besuch des Premiers in neue Uniformen gesteckt wurde. Sogar die neuen Instrumente hat die Stadtverwaltung bezahlt.

Beim umjubelten Einmarsch von Jaroslaw Kaczynski und seiner Entourage auf die Bühne spielt das Orchester dann "Wir, die erste Brigade". Ein Lied, das an den legendären Marschall Jozef Pilsudski erinnert, eine Art polnischen Bismarck, dem patriotischen Idol der Regierung Kaczynski.



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