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21. Juni 2008, 08:41 Uhr

Wahlkampf in Simbabwe

Mugabe setzt auf Mord

Von Karl-Ludwig Günsche, Kapstadt

Über 70 Oppositionelle haben Mugabes Mörderbanden seit der ersten Wahlrunde erschlagen, erstochen, erschossen: Mord hat in Simbabwes Wahlkampf seinen festen Platz gefunden. Jetzt lehnen sich selbst die geduldigen afrikanischen Nachbarländer gegen den Diktator auf.

Nur 27 Jahre ist Abigail Chiroto alt geworden. Am vergangenen Mittwoch hatten uniformierte Schläger sie und ihren vierjährigen Sohn aus ihrem Haus in Hatcliffe entführt. Das Kind wurde später unter Schock, aber körperlich unversehrt auf einer Polizeiwache gefunden. Abigail Chirotos gefesselte Leiche lag in einem Feld, das Gesicht fast bis zur Unkenntlichkeit blutig geschlagen. Das einzige Vergehen der jungen Frau: Sie war mit dem gerade frisch gewählten Bürgermeister von Harare, Emmanuel Chiroto, verheiratet, einem eingeschworenen Anhänger der "Bewegung für einen demokratischen Wandel" (MDC) und erbitterten Gegner Robert Mugabes.

Simbabwes Präsident Mugabe: Dem Volk wird die Pistole an die Schläfe gehalten
DPA

Simbabwes Präsident Mugabe: Dem Volk wird die Pistole an die Schläfe gehalten

Über 70 MDC-Anhänger haben Mugabes Mörderbanden seit der ersten Wahlrunde am 29. März bereits erschlagen, erstochen, erschossen. An den jüngsten vier Opfern, alles junge, engagierte Männer, wurden Anfang der Woche Zeichen brutaler Folterungen gefunden. Die Gewaltwelle in Simbabwe schien ihren Höhepunkt erreicht zu haben. Doch Amnesty International fand Donnerstagnacht zwölf weitere Tote, auch ihre zerschundenen Körper waren zuvor erbarmungslos misshandelt worden. Mord hat in Mugabes Wahlkampf seinen festen Platz gefunden.

"Es ist einfach zu scheußlich"

Marwick Khumalo, Abgeordneter aus Swasiland, wusste denn auch, was auf ihn zukam. Aus seiner langen politischen Laufbahn ist er einiges gewöhnt. Aber das, was er in den vergangenen Tagen in Simbabwe erlebt, gesehen und gehört hat, kann er kaum fassen. "Es ist einfach zu scheußlich," sagt er. Khumalo ist der Sprecher einer 64-köpfigen Delegation des Panafrikanischen Parlaments, die in den vergangenen Tagen Berichte über politisch motivierte Greueltaten in Simbabwe untersucht hat. Immer wieder wurden er und seine Mitstreiter zu den Leichen ermordeter MDC-Sympathisanten oder Funktionäre geführt. Eine junge Frau, so erzählt er, sei von Uniformierten buchstäblich in Stücke gehackt worden. "Es ist einfach grauenhaft," sagt er fassungslos.

Ähnlich erging es dem tansanischen Außenminister Bernard Membe, als er die Berichte der ersten 211 Wahlbeobachter der Entwicklungsgemeinschaft der Staaten des südlichen Afrikas (SADC) las. "Sie haben vor den Augen unserer Beobachter einfach zwei Menschen erschossen", berichtet er erschüttert.

Der Countdown für die Stichwahl zwischen Robert Mugabe und seinem MDC-Herausforderer Morgan Tsvangirai am kommenden Freitag läuft. Die SADC will insgesamt 380 Wahlbeobachter entsenden. Sie sollen kontrollieren, ob der Urnengang in den 9231 Wahllokalen ordnungsgemäß abläuft. Aber Tansanias Außenminister Membe ist schon heute sicher: "Diese Wahl wird weder frei noch fair sein."

Drastischer formuliert der südafrikanische Polit-Beobachter Mike Trapido die Vorgänge im Nachbarland: "Was dort abläuft, ist keine Wahl, sondern eine Geiselnahme." Er bringt die Wahlfarce auf einen einfachen, schrecklichen Nenner: "Die Regierung, die Polizei und das Militär halten dem Volk die Pistole an die Schläfe, während die Welt von einem Fuß auf den anderen springt und überlegt, ob sie das ganze Gebäude stürmen oder um das Leben der Geiseln verhandeln soll."

Wer nicht Mugabe wählt, muss die Folgen tragen

Der Vizechef der staatlichen Wahlkommission ZEC, Utlaile Silaigwana, tut unterdessen so, als gehe alles seinen normalen Gang. Stolz verkündete er am Freitag, dass alle Wahlhelfer informiert und ausgebildet worden seien, damit sie wüssten, was sie am 27. Juni zu tun und zu lassen hätten. Die Wahlscheine seien gedruckt, die Urnen bereitgestellt, die Wahllokale vorbereitet. 162 Journalisten hätten die Erlaubnis bekommen, über die Wahl zu berichten – 154 aus Simbabwe und nur acht aus dem Ausland. "Alles läuft gut," versichert der ZEC-Vize im Brustton der Überzeugung.

Dabei hat der 84-jährige Diktator Mugabe am Freitag erneut bekräftigt, dass er überhaupt nicht daran denkt, sein Amt abzugeben – egal wie die Wahl ausgeht. Erst müsse "das von britischen Siedlern gestohlene Land sicher in der Hand der schwarzen Mehrheit sein", verkündete er. Dann könne er sagen "mein Werk ist getan" und sein Amt in andere Hände geben.

Und er tut alles, um seine Macht abzusichern: Seine Schergen schüchtern die Bevölkerung systematisch ein. Überall dort, wo die MDC "Fuß gefasst hat", ließ er seine gefürchteten Kriegsveteranen und die brutalen Jugendmilizen aufmarschieren. Ihre Untaten werden immer grausamer, immer blutiger. Dorfbewohner berichten, dass die Schergen des Diktators ihnen ganz offen drohen: "Wenn ihr am 27. Juni nicht für Mugabe stimmt, werden wir euch töten." Der Schlachtruf der bewährten Helfershelfer des "Genossen Bob" heißt: "Deine Stimme ist deine Kugel."

Die rund 160.000 Militärs und Soldaten sowie deren Familienmitglieder haben bereits per Briefwahl gewählt: Vor den Augen ihrer Vorgesetzten mussten sie ihre Kreuze auf den Wahlscheinen machen. Zuvor hatten die Offiziere angekündigt: "Wer nicht Mugabe wählt, muss die Uniform ausziehen und die Folgen tragen."

Tsvangirai will Wahl boykottieren

Die Opposition ist praktisch chancenlos. Ihre Wahlversammlungen sind verboten worden, MDC-Chef Morgan Tsvangirai wird immer wieder festgenommen, sein Pass wurde eingezogen. Mugabe hat in dieser Woche erklärt, er werde nicht zögern, Tsvangirai ins Gefängnis zu werfen, schließlich habe er die Morde der vergangenen Wochen zu verantworten. MDC-Generalsekretär Tendai Biti sitzt wegen angeblichen Hochverrats bereits hinter Gittern. Ihm droht die Todesstrafe.

Schon erwägt Tsvangirai, die Wahl zu boykottieren. "Es gibt eine ganze Lawine von Anrufen und Druck von Anhängern aus dem ganzen Land, an diesem Spiel nicht teilzunehmen", sagte sein Sprecher am Freitag im südafrikanischen Rundfunk. Aber noch zögert der MDC-Chef – wie so oft. Doch er weiß nach dem letzten, fehlgeschlagenen Vermittlungsversuch des südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki offenbar sehr genau, dass das Wahlergebnis schon heute feststeht.

Mittlerweile wird Mugabe selbst seinen langmütigen afrikanischen Nachbarn peinlich. Kenias Außenminister Moses Wetang'ula erklärte, Mugabes Vorgehen sei "ein Affront gegen die sich entwickelnde demokratische Kultur in Afrika". Bei einem Qualifikationsspiel für die Fußball-WM 2010 der Kenianer gegen Simbabwe skandierten die 36.000 Zuschauer immer wieder: "Mugabe muss weg."

Ruandas Präsident Paul Kagame nannte die Wahl in Simbabwe eine Farce. Botswanas Regierung bestellte den Botschafter Simbabwes ein und forderte ihn mit harschen Worten auf, Schikanen, Einschüchterungen und Gewalttaten einzustellen, damit die Wahl ohne Beeinträchtigungen ablaufen könne. Auch Angola, Mosambik und Sambia haben in ungewöhnlich scharfer Form gegen Mugabes Gewaltstrategie protestiert. Selbst Uno-Generalsekretär Ban Ki-Moon erklärte, er sei "äußerst alarmiert" über die Situation in Simbabwe.

Doch an Mugabe prallen alle Appelle ab. Tansanias Außenminister Membe hat deshalb nach der Lektüre der ersten Berichte seiner Wahlbeobachter einen Brandbrief an die Staatschefs Afrikas geschrieben: "Wenn Ihr Simbabwe retten wollt, müsst ihr ganz schnell etwas unternehmen."

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