Wahlkampf-Intrige auf Russisch Tanz den Präsidenten

Etwas hüftsteif wirkt er, aber gut gelaunt. Russland lacht über ein YouTube-Video, das Präsident Medwedew beim Tanzen zeigt - und fragt sich, ob es statthaft ist, dass der Herr des Kreml zum Schlager "American Boy" über das Parkett hopst. Die Debatte zeigt: Der Wahlkampf in Russland ist eröffnet.
Präsident Medwedew: "Die Tänze und die Musik passen zur damaligen Zeit"

Präsident Medwedew: "Die Tänze und die Musik passen zur damaligen Zeit"

Foto: MIKHAIL KLIMENTYEV/ AFP

Langbeinige Tänzerinnen räkeln sich in knappen Kleidern vor einer kleinen Bühne. "Und jetzt tanzen alle", ruft der Moderator. Die Gäste machen mit, die Frauen graziler, die Männer etwas hüftsteif. Es ist eine geschlossene Feier, eine ausladende Party, mit Live-Band, Bühne und Stargästen. Der Abschlussjahrgang einer Sankt Petersburger Universität feiert ein Wiedersehen. Auch der prominenteste Besucher gibt sich ungezwungen: Russlands Präsident Dmitrij Medwedew.

Einer der Gäste hat die Feier gefilmt, und das Video in dieser Woche auf YouTube veröffentlicht. Russland diskutiert seitdem im Internet nicht nur, ob sein Präsident gut tanzt. "Ganz anständig" oder "Wie mein Papa", kommentieren Nutzer den Auftritt im Web. Sondern auch, ob es statthaft ist, dass der Staatschef zu einem Schlager mit dem Titel "American Boy" fröhlich über eine Tanzfläche hopst. Der Herr des Kreml? Der Garant der Verfassung, der Oberkommandierende der Streitkräfte eines Landes, das sich gern auf Augenhöhe sieht mit Weltmächten wie China und den USA? Ein amerikanisches Jüngelchen?

Es ist wohl kein Zufall, dass das Video ausgerechnet jetzt, zehn Monate nach der Party im Internet auftaucht. Im Dezember 2011 wählt Russland ein neues Parlament, im März 2012 einen neuen Staatschef. Willkommen im Wahlkampf russischer Prägung. Rund ein Jahr vor der russischen Präsidentschaftswahl bietet das Video konservativen Kräften Gelegenheit, sich auf den liberalen und prowestlichen Medwedew einzuschießen.

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Medwedew gilt der in Russland starken Fraktion der Falken seit langem als verdächtig. So druckte die national-patriotische Zeitung "Sawtra" im vergangenen Jahr eine Karikatur. Darauf erklimmt Medwedews Chefberater Igor Jurgens die Kremltürme und tauscht die roten Sterne an der Spitze gegen das Nato-Symbol aus. Die Zeichnung suggeriert, dass Medwedews Leute den Verrat russischer Interessen planten.

Kampagne gegen Medwedew

Es ist ein eigenartiger Wahlkampf, der dieser Tage in Moskau beginnt. Niemand hat ihn wirklich eröffnet. Noch hat außer dem alternden Kommunistenführer Gennadi Sjuganow niemand seine Kandidatur bekannt gegeben. Aber jeder weiß, wer die wichtigsten Kontrahenten sind.

Es treten an: Das "liberale Lager", es umfasst Teile der städtischen Elite, die dem Westen und Amerika wohl gesonnen ist. Die Stabilität der elf Jahre Putin-Ära empfinden viele der liberal Gesinnten inzwischen als bleiern. Präsident Dmitrij Medwedew ist ihr Kandidat, sie hoffen, er möge sich endlich von Putin emanzipieren.

Auf der anderen Seite steht Russlands Establishment: Die Bürokratie, die mächtigen Apparate der Staatskonzerne, die Geheimdienste, die Putin zu einer Rückkehr in den Kreml drängen - und die hoffen, dass er die Liberalen bereits nach einer Amtszeit Medwedews wieder in die Schranken weist.

Die Veröffentlichung des YouTube-Videos sei Teil einer Kampagne gegen Medwedew, glaubt der Politologe Alexej Muchin vom Zentrum für politische Information. "Das Spiel heißt 'Mach den Medwedew nass'", so Muchin. "Wer als russischer Politiker zu US-freundlich ist, ruiniert seine Karriere." Ähnliches sei bereits liberalen Galionsfiguren wie der ehemaligen Präsidentschaftskandidaten Irina Chakamada widerfahren oder Grigori Jawlinski, dem ehemaligen Führer der sozialdemokratisch ausgerichteten Jabloko-Partei.

Putin will die Geschicke des Landes noch lange Jahre lenken

Präsident Medwedew hat erkennen lassen, dass er Gefallen an seinem Platz im Kreml gefunden hat. Im Interview mit chinesischen Journalisten sagte der Staatschef, er gedenke "sehr bald" zu entscheiden, ob er 2012 antrete.

Putin wiederum ließ zuletzt keine Zweifel daran aufkommen, dass er die Geschicke des Landes noch auf lange Jahre hinaus bestimmen will. Am Mittwoch legte der Premierminister vor dem Parlament seine ehrgeizigen Pläne für Russland dar: Bis 2020 will Putin Russland zur fünftgrößten Wirtschaftsmacht der Welt formen und das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf auf 35.000 Dollar mehr als verdoppeln. 2010 lag Russland auf Platz zehn in der Rangliste der größten Volkswirtschaften. Das Tanzvideo seines ambitionierten Wettbewerbers kommt da gerade recht.

Medwedew reagierte auf die Veröffentlichung des Privatvideos staatsmännisch gelassen. "Die Tänze und die Musik passen zur damaligen Zeit", twitterte der Präsident. Inzwischen kursiert auch eine längere Version des YouTube-Streifens im Internet. Das Video zeigt, dass neben Songzeilen wie "American Boy, ich fahre mit dir fort" auch Verse à la "Ich spiele auf der Balalaika" die Stimmung des Staatschefs heben. Ganz patriotisch.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.