Wahlkampf-Profiteur CNN Demokraten-Drama auf der Zauberwand

Der lange US-Vorwahlkampf ist für CNN eine Goldgrube: Der Sender meldet die besten Einschaltquoten seit Jahren. Das Erfolgsgeheimnis liegt im modernsten Wahlstudio der Welt, das der TV-Riese in New York bauen ließ. SPIEGEL ONLINE blickt exklusiv hinter die Kulissen.

Von , New York


New York - Wolf Blitzer muss Zeit schinden. Eigentlich wollte der CNN-Anchorman gerade, pünktlich zur Schließung der Wahllokale in Mississippi, die erste Prognose verkünden. Aber die Ergebnisse trudeln langsamer ein als gedacht. Also versucht Blitzer, der im CNN-Wahlstudio vor einer enormen Projektionswand steht, die leeren Minuten mit Worten zu füllen.

"Wir können Ihnen im Moment sagen, dass es für Barack Obama sehr, sehr gut läuft", improvisiert Blitzer etwas lahm, raschelt mit seinen Notizen und äugt an der Kamera vorbei zu Kevin Lishawa, einem der gleich zwei "Parkett-Regisseure". "Das war aber erwartet worden."

Lishawa, ein bärtiger Mann ganz in Schwarz, gibt Blitzer mit stummer Gestik zu verstehen, er solle doch einfach mal quer durchs Studio wandern, zur Reporterin Soledad O'Brien, die in knallrotem Kostüm vor einer anderen Projektionswand harrt. "Ich möchte mal zu Soledad O'Brien gehen", gehorcht Blitzer und setzt sich in Marsch, seine Worte dehnend.

Gestern Abend in der New Yorker CNN-Zentrale, im fünften Stock des Time Warner Centers am Central Park: "Business as usual" für CNN-Wahlveteran Blitzer und sein Team. Die Entscheidung in Mississippi ist die 16. US-Vorwahlnacht, die sie hier im neuen "CNN Election Center" absolvieren, dem modernsten Wahlstudio der Welt. Da ist vieles Routine, das meiste aber weiter unberechenbar. Wie eben fast alles in diesem Mammut-Vorwahlkampf.

Etwas Besseres als so ein Wahlmarathon hätte CNN nicht passieren können. Selten war das Interesse an News hier größer, selten waren die Amerikaner besser informiert - und selten waren die CNN-Quoten höher: In den Wahlnächten hängt der lange kümmernde Nachrichtenkanal seine Erzrivalen Fox News und MSNBC heute weit ab und vermeldet die besten Zuschauerzahlen seit sechs Jahren.

Gut verdauliche Info-Kost

Das ist auch das Resultat von Investitionen in Millionenhöhe (über konkrete Zahlen schweigt sich CNN aus). In weiser Voraussicht hat der US-Ableger des Kabelsenders hier im Herzen Manhattans das fortschrittlichste, wohl teuerste Studio seiner Geschichte gebaut: ein technologisch hochgerüstetes Set, mit fast hundert Monitoren, einem Dutzend HD-Kameras, gut 80.000 Kilometern Kabeln, einer Acht-Meter- Projektionswand und einem Spezialbildschirm, der wie ein riesiger Touch-Screen-Computer funktioniert und von der Konkurrenz neidisch "Magic Wall" (Zauberwand) genannt wird.

Eigentlich hütet CNN die Innereien seines "Election Centers" wie ein Betriebsgeheimnis. Doch SPIEGEL ONLINE bekam gestern exklusiven Zugang und erlebte die Mississippi-Vorwahl so hinter den Kulissen dieser Schaltstelle mit, in der rohe Daten und Zahlen für Abermillionen TV-Zuschauer in aller Welt zu gut verdaulicher Info-Kost verrührt werden.

Im Newsroom mit seinen endlosen Schreibtisch- und Computer-Phalanxen herrscht Grabesstille. Ein paar Redakteure hocken über ihren Monitoren. Viele Arbeitsplätze sind mit Fotos, Wahlkampf-Memorabilia und bunten Plüschtieren dekoriert.

Kneipenstimmung im Studio

Das Wahlstudio selbst, das sich offen an den Newsroom anschließt, ist eine überraschend enge High-Tech-Kaverne, acht Meter hoch und gut 15 Meter im Durchmesser. Eine flimmernd-blendende Orgie aus Rot, Weiß und Blau: Die Wände sind mit LCD-Bildschirmen gepflastert, Kabelbündel schlängeln sich übers blanke Linoleum. Zwei Boomkameras zoomen an Kränen hin und her, um für den Zuschauer die optische Illusion von Weite zu erwecken.

An zwei Schreibtischreihen am Studiorand sitzen eine Handvoll "Researcher" - namenlose Redakteure, die Umfragedaten sammeln und die Nachrichtenagenturen und Internet-Blogs im Auge behalten. Die hier zurecht gesaugten Realzeit-Informationen wandern direkt in den Kontrollraum eine Etage tiefer und von dort via Mikro zurück nach oben, in Wolf Blitzers Ohr.

"Wie ein Ballett"

Mit Absicht verwischt so die Grenze zwischen Studio und Redaktion, Bühne und Hinterbühne. Im Background ist immer Bewegung, um steten Nachrichtenfluss zu suggerieren. Manchmal sieht man da aber auch nur jemanden Zeitung lesen, dösen oder - wie gerade CNN-Analystin Donna Brazile, Al Gores Ex-Wahlkampfmanagerin - Kaugummi kauen.

Kurz vor Sendebeginn herrscht fast Kneipenstimmung. Die Kommentatoren reißen Witze; sie sind an zwei Pulten hintereinander aufgereiht wie Hühner auf der Stange. Soledad O'Brien kichert, während sie verkabelt wird. Versteckt hinter einer Kulissenwand stehen Thermosbecher und eine halbleere Dosenlimo.

Mit Schließung der Wahllokale in Mississippi verstummt das Gemurmel. Alle Akteure am Set - zwei Anchorleute, acht Analysten, diverse Reporter, zwei Dutzend Kameramänner und Techniker - bewegen sich auf einmal lautlos und wie von Geisterhand gesteuert aneinander vorbei, ohne sich je in die Quere (oder ins Bild) zu kommen. Sie haben diese Choreografie zuvor in Trockenläufen einstudiert. "Wie ein Ballett", sagt eine Redaktionsmitarbeiterin.

Trotzdem klappt natürlich nicht alles. Vor allem die Prognose, mit der die Sendung per Paukenschlag beginnen sollte, verzögert sich.

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