Wahlkampf-Roadtrip Stimmenschlacht am Spritzenhaus

Die wahre Front des US-Wahlkampfes sind die Gemeindesäle und Wohnzimmer der Provinz. Hier buhlen die Fußtruppen der Kandidaten um jede einzelne Stimme, klingeln an jeder Tür. Zum Beispiel in Pennsylvania: Hier, glauben viele, liegt der Schlüssel für einen Sieg im November.

Aus Pottstown berichtet


Bush-Rede in Millvale: "Wer Pennsylvania gewinnt, gewinnt die gesamte Wahl"
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Bush-Rede in Millvale: "Wer Pennsylvania gewinnt, gewinnt die gesamte Wahl"

Jamie hat sich schnell heiser geredet. Das Mikrofon funktioniert nicht, also muss sie die Worte in den Saal hinein rufen. Ein fruchtloses Unterfangen, da ihre meist weißhaarigen Zuhörer sowieso schwerhörig scheinen. "Wer will mithelfen?", krächzt Jamie. "Keiner?" Bleierne Stille. "Kommt schon, bitte", fleht sie. "Dies ist wirklich sehr wichtig. Wir brauchen einen neuen Präsidenten!" Mehr bleierne Stille.

Die frühe Herbstnacht sinkt über Pottstown. Am Horizont verschwinden die Kraftwerke im Dunkel, aus dem Tal des Delaware Rivers kriecht kühler Nebel. Vor dem Schnellimbiss "The Cup" summt die Neonreklame an, "Eier, Speck, Bratkartoffeln, 2,49 Dollar". Gegenüber bedanken sich Mandy und Amanda von der Tankstelle auf einem Schild "für ein tolles erstes Jahr". Ein paar Jugendliche sitzen auf einer Holzveranda und trinken Bier. Ein Sternenbanner hängt schlapp am Mast.

Und im Festsaal der Feuerwehr müht sich Jamie, eine weiße Strickstola um die Schultern, das Rennen ums Weiße Haus zu entscheiden.

Denn hier, in der alten Stahl- und Eisenstadt im Südosten Pennsylvanias, die einst Teile der Golden Gate Bridge fertigte, tobt heute eine der wichtigsten Schlachten des US-Wahlkampfes. Vor vier Jahren sicherte sich der Demokrat Al Gore den Bezirk denkbar knapp, und damit auch diesen unverzichtbaren Bundesstaat. Jetzt liegen sein Erbe John Kerry und Präsident George W. Bush Kopf an Kopf. Wer diese wankelmütige Wechselwähler-Region im Dunstkreis Philadelphias für sich gewinnt, so glaubt der Demoskop Terry Madonna, "der gewinnt die gesamte Wahl". Aber natürlich sagen sie das einem überall.

"Ich hasse Bush"

Kerry in Orlando, Florida: "Ich hasse Bush. Aber ich fürchte, dass Kerry verlieren wird"
DPA

Kerry in Orlando, Florida: "Ich hasse Bush. Aber ich fürchte, dass Kerry verlieren wird"

Egal, jede Stimme zählt. Also haben die örtlichen Demokraten in den Festsaal der Feuerwehr gebeten, gleich neben dem kleinen Spritzenhaus. Sonst spielen sie hier Bingo, auf der Bühne rostet eine Bingo-Tafel, daneben steht ein großer Kühlschrank. An der Wand hängt ein gerahmtes Farbfoto von drei Feuerwehrmännern, die am 11. September 2001 an Ground Zero eine US-Flagge hissen.

Mehrere Dutzend sind gekommen, meist ältere Herrschaften. Daneben einige Familien mit kleinen Kindern, die ungeduldig schreien. Auch ein Schwarzer ist dabei. Die meisten kennen sich, man begrüßt sich mit Handschlag. "Ich bin eine eingetragene Demokratin", sagt die Gastwirtin Pattye Benson. "Ich hasse Bush. Aber ich fürchte, dass Kerry verlieren wird."

Jamie, eine "inoffizielle Mitarbeiterin" des Kerry-Teams, bittet den Reporter später, ihren Nachnamen nicht zu nennen, "ich mache das ja nur privat". Überhaupt hat sie Mühe, die müde Gruppe in Schwung zu bringen. "Hallo, wie geht's?", ruft sie; die Antwort, ein mürrisches Grummeln nur. Sie bietet Kerry-Poster, Kerry-Buttons und Kerry-Schilder für den Vorgarten an, "plastikbeschichtet, halten sich auch im Regen". Dann bettelt sie um Spenden: "Wir brauchen jeden Cent." Schließlich erklärt sie den Anwesenden, dass sie - nur sie und niemand anders - die Wahl im November entscheiden würden: "Ohne unseren Bezirk gewinnen wir Pennsylvania nicht, und ohne Pennsylvania gewinnen wir Washington nicht."

Teressa beim Polit-Brunch

Anti-Bush Demonstation in New York (Ende August): "Wir müssen die Republikaner zerstören!"
REUTERS

Anti-Bush Demonstation in New York (Ende August): "Wir müssen die Republikaner zerstören!"

Murmeln. Solche Stimmkalkulationen sind vielen zu abstrakt. Jamie wird eindringlicher: "Wir müssen die Republikaner zerstören!" Dazu bittet sie um Freiwillige, die mit ihr "von Tür zu Tür gehen", Wähler registrieren und um Kerry-Stimmen bitten. Auch müssten sie viel mehr Leute zu Hause anrufen, "um herauszufinden, wer noch unentschlossen ist, damit wir die überreden". Wahlkampf als Häuserkampf.

Es ist an dieser Stelle, da sich bleierne Stille über den Raum legt. Wählen gehen, ja. Aber mithelfen? An Türen klopfen? Leute anrufen? Jamie verlässt die Bühne mit einem letzten Aufruf: Am Vormittag komme Bush selbst zu einer Wahlveranstaltung in den nahen Ort King of Prussia, wer wolle mit gegen ihn demonstrieren? "11.15 Uhr, Ecke Route 202 und Gulph Street!"

Dieser Zipfel der Nation ist hoch beliebt bei den Wahlkämpfern. Bush war im Juli schon mal in Pottstown, zumindest für ein paar Minuten, auf der Durchreise nach anderswo. "Ich bin geehrt, hier zu sein", hat er da gesagt, wie an jeder Wahlkampf-Etappe, und: "Gott schütze Sie", insgesamt bestand seine Rede aus acht Sätzen, von denen sich zwei wiederholten. Kerry trat letzte Woche in der Gegend auf, sein Vize John Edwards kam zu einem Straßenfest her und Teresa Heinz Kerry zum Polit-Brunch.

"Zeit für einen Wechsel"

George W. Bush in New York: "Die Leute sehnen sich nach einem Wechsel"
DPA

George W. Bush in New York: "Die Leute sehnen sich nach einem Wechsel"

An diesem Abend muss allerdings die zweite Garde herhalten - und selbst die schickt Vertreter. Senatskandidat Joe Hoeffel lässt durch einen jungen Mitarbeiter namens Dan mitteilen, er sei für billigere Medikamente, bessere Bildung und "eine Zukunft, auf die wir alle stolz sein können". Die "Anwältin, Mutter und Ehefrau" Lois Murphy, die sich um Einzug in den Kongress bemüht, lässt immerhin diverse Glanzbroschüren auslegen, in denen sie mit Mann Ben und Töchtern Emily und Lily zu sehen ist, beim trauten Familienleben und beim Schäkern mit der Apothekerin: "Ich unterstütze die Stammzellenforschung voll."

Nur Dan Weand hat sich persönlich herbemüht. Der Landesabgeordnete ist als Einziger hier in Hemd und Krawatte. Er rasselt die Namen der Lokalorganisationen herunter, die seine Wiederwahl wollen (Trucker-Gewerkschaft, Stahlarbeiter, Boilerbauer), und beklagt das Sterben der Großindustrie hier. "Es ist Zeit für einen Wechsel", sagt er. "Die Leute sehnen sich nach einem Wechsel." Dazu offeriert Weand sein simples Wahlprogramm: keine neuen Immobiliensteuern, ein Ausbau der überlasteten Schnellstraße 422 und, natürlich, eine "erschwingliche Krankenversicherung".

Kein einziges Mal an diesem Abend fällt das Wort Irak, und nur einmal kommt, fast im Nebensatz, der Krieg gegen den Terror zur Sprache. Obwohl der den Leuten hier doch zumindest einmal so nahe gekommen ist wie die Arbeitslosigkeit: Nick Berg, der erste im Irak grausam enthauptete Amerikaner, stammt aus West Chester, drei Orte über die Hügel.

Plakate im Wind

Am nächsten Morgen, Punkt 11.15 Uhr, steht Jamie an der Ecke Route 202 und Gulph Street. Sieben weitere Helfer haben sich ihr doch noch angeschlossen. Mit fünf enormen Kerry-Plakaten verteilen sie sich strategisch über die Verkehrsinseln zwischen einem Motel, einer Tankstelle, dem Restaurant "Chili's" und der King of Prussia Mall, dem größten Einkaufszentrum der Vereinigten Staaten. Die Plakate wehen im Wind, die Demonstranten winken den Autofahrern zu, ein Trucker hupt.

Doch Bush fährt über eine andere Route an, um, vor handverlesenem Partei-Publikum, seine bekannten Wahlkampf-Sprüche herunterzurasseln. Nach einer Stunde werden die Kerry-Fußtruppen müde. Sie packen ihre Plakate ein. "Bis morgen", ruft Jamie fröhlich.

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