Wahlkampfendspurt Obama und Bill Clinton zelebrieren ihre Versöhnung

Schulterschluss nach langem Zwist: Zum ersten und wohl einzigen Mal kämpfen Barack Obama und Bill Clinton auf einer Bühne um Wählerstimmen - das ist der ersehnte Ritterschlag für den Präsidentschaftskandidaten.

Aus Kissimmee, Florida, berichtet


Kissimmee - Zwei Männer, Schulter an Schulter, Arm in Arm. Sie strahlen sich an, als seien sie alte Freunde. Sie winken. Der eine ist längst ein privater Weltenretter, schlohweiß und nicht mehr ganz so flott. Der andere peilt den schwierigsten Staatsjob der Welt an, drahtig und berstend vor Energie. Der eine war mal Präsident. Der andere will es werden.

Ein symbolisches Bild zur Krönung eines symbolischen Abends. Bill Clinton und Barack Obama, versöhnt im Endspurt und erstmals öffentlich vereint, in großer Geste. Zwei Politstars höchsten Kalibers, die Helden ihrer Generationen: Die Ära des einen ist vorbei, die des anderen beginnt gerade. Ein Stabwechsel mit Ritterschlag also, telegen inszeniert in der gestrigen Mittwochnacht, vor rund 40.000 Fans auf einem Feld bei Kissimmee, einer Vorstadt von Orlando, dem Vergnügungsmekka Floridas.

Obama und Clinton: Happy End um Mitternacht
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Obama und Clinton: Happy End um Mitternacht

Lange haben sie gebraucht, um den alten Groll hinter sich zu lassen und auf dieser Wiese endlich zusammen zu finden - unweit von Walt Disney World, dem Phantasiepark, in dem, wie Riesenplakate entlang der Highways locken, "Träume wahr werden". Klar, dass Katie Gordon, die Sprecherin der Republikaner hier, einen prompt daran erinnert, wie der Ältere die Ambitionen des Jüngeren vor nicht allzu langer Zeit noch schnöde abgekanzelt hat, mit Worten, die zum YouTube-Hit wurden: "Das größte Märchen, das ich je gesehen habe."

Zwischen jener Märchenstunde und dem mitternächtlichen Happy End vor den Toren von Disneys Tomorrowland liegen fast zehn Monate. Es war Anfang Januar, als Bill Clinton besagte Tirade auf Obama losließ, im Vorwahlkampf von New Hampshire: Da hatte der Jungstar Obama die Konkurrenz gerade mit einem Überraschungssieg in Iowa aus der Spur gedrängt. Allen voran Hillary Clinton, die sich davon nie mehr erholte - was für viel böses Blut sorgte zwischen den Clintons und Obama.

Mrs. Clinton schaffte es schneller als der Gatte, den Verlust der Kandidatur mit bemerkenswerter Würde wegzustecken, und seit Wochen tingelt sie für Obama und die gemeinsame Sache durch die Wahlprovinz. Bei Mr. Clinton war das bisher eine andere Sache: Auch er absolvierte etliche Solo-Auftritte im Namen Obamas - doch gemeinsam ließ er sich nicht mit dem Senator aus Illinois sehen.

Wahrscheinlich haben sie sich diesen Paukenschlag bewusst bis zuletzt aufheben wollen, sechs Tage vor der Wahl. Der alte Präsident, dessen Prä-9/11-Zeiten sie heute nachweinen, lobt den "neuen Präsidenten" (so Clinton) ins Amt - eine unwiderstehliche Schlagzeile, da hatte Konkurrent John McCain nichts dagegen zu setzen. Und so beherrschte Obama erneut den "Newscycle" eines wertvollen Tages - nicht nur im Kabel-TV, mit seiner unstillbaren Lust nach Bildern.

Erst empfiehlt sich Obama mit einem halbstündigen Werbespot auf den meisten TV-Networks - ein aalglattes Infomercial zur Primetime, gespickt mit blumigen Referenzen "einfacher" Amerikaner wie auch Prominenter. Und dann, als Sahnehäubchen - die Verbrüderung von Kissimmee, die tatsächlich mit einer Art verschämtem Bruderkuss der beiden beginnt: Die "Bill & Barry Show", sagen sie hier scherzhaft und übertragen ihre langgehegte Zuneigung für Clinton auf dessen selbsternannten Erben.

Für dieses einmalige Erlebnis nehmen die Anhänger so manches klaglos auf sich: Erst einen kilometerlangen Autostau, dann eine stundenlange Warteschlange, die sich durch den gesamten Osceola Heritage Park zieht, ein Sport- und Messegelände neben den tollen Spaßparks: Disney World, Universal Resort, SeaWorld, Gatorland, Wonderworks, Fun Spot, Happy Days, Believe It Or Not. Die Straßenkarte liest sich wie ein Wahlprogramm für bessere Zeiten. Wie lautete Clintons Wahlsong 1992? "Happy Days Are Here Again."

Aber selbst die heile Kunstwelt Orlandos ist von der Realität eingeholt worden - weshalb diese abendliche Szene umso prägnanter wirkt. Denn die Vergnügungs- und Phantasie-Industrie ächzt unter der US-Wirtschaftskrise, die Arbeitslosenquote des Kreises liegt mit 6,4 Prozent heute klar über dem Landeswert.

Kein Wunder, dass beide Kandidaten dieses Herz Floridas mit seinen wankelmütigen Wechselwählern schon oft heimgesucht haben: Dies ist der Schlüsselbezirk eines Schlüsselstaats, ohne dessen 27 Wahlmännerstimmen keiner das Weiße Haus gewinnen kann - siehe anno 2000.

"Schauen Sie rein", lockt ein Immobilienmakler gegenüber per Leuchtplakat. "Holen Sie sich eine Gratis-Liste mit Zwangsversteigerungen ab." Im Flutlicht der Nacht erstarren solche trostlosen Szenen zur kostenlosen Kulisse für Obamas Wahlargument Nr. 1 - zum realen Werbespot. Sein Team hatte immer schon eine Nase für gute Optik. "Willkommen im Land der Zauberei!", brüllt der Schauspieler Jimmy Smits passend, als er ans Rednerpult springt.

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