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24. September 2008, 10:17 Uhr

Wahlkampfkulisse Uno

Palin plauscht sich in die Weltpolitik

Von , New York

Sarah Palin nutzt die Uno-Vollversammlung für eigene Zwecke: Sie absolviert in New York einen Crashkurs in Außenpolitik. Mit diversen Staatschefs plaudert sie - zum Beispiel über die Namen der Kinder. Reporter blieben wohlweislich ausgesperrt.

New York - Die Dame trug ein rotes Kostüm mit dicken, schwarzen Knöpfen, das Haar zum lockeren Dutt hochgesteckt und auf der Nase eine der eckigen "Palin-Brillen". Überall, wo sie auftauchte, umringten sie die New Yorker, bettelten um Autogramme, wollten ihr die Hand schütteln. "Du bist heiß!", brüllte ihr ein Mann zu. "Aber ich hoffe, du verlierst!"

Die Frau, die da kreuz und quer durch Manhattan tingelte, genoss die Aufmerksamkeit - doch Sarah Palin, Vizepräsidentschaftskandidatin der US-Republikaner, war das nicht. Es handelte sich vielmehr um eine Doppelgängerin, vom Boulevardblatt "Daily News" angeheuert, um zum New-York-Besuch der echten Palin für etwas Wirbel zu sorgen. Es klappte: Das Palin-Double brachte in Manhattan den Verkehr zum Erliegen - während die wahre Gouverneurin bei ihrer ersten New-York-Visite als Kandidatin von der Öffentlichkeit ferngehalten wurde.

Palin - die seit ihrer Nominierung vor drei Wochen noch keine Pressekonferenz gegeben hat - ist für drei Tage nach New York gekommen, um mit handverlesenen Staatschefs zu "konferieren", die zur Eröffnung der Uno-Vollversammlung hier sind, und so "ihr Zeugnis in Außenpolitik aufzupolieren" ("New York Post").

Es war ein cleverer Wahlkampfclou, ein Gratiswerbespot, der, unter Protest der Journalisten, größtenteils unter Ausschluss der Presse stattfand - und auf diese Weise ganz nach Plan für nur noch mehr Aufregung sorgte: Zwischenzeitlich drohten die ausgesperrten Reporter, die Berichterstattung über Palins Grußrunde zu boykottieren.

Die elf Tête-à-têtes Palins - die Mittwoch und Donnerstag weitergehen - begannen mit Afghanistans Präsident Hamid Karzai, seinem kolumbianischen Kollegen Alvaro Uribe und Polit-Urgestein Henry Kissinger, einem McCain-Berater: ein Crashkurs im internationalen Händeschütteln, mit dem es die Novizin aus Alaska schaffte, sogar den globalen VIP-Aufmarsch am East River zu überschatten.

Obwohl sie dabei fast unsichtbar blieb und auch keinen Schritt auf das Uno-Gelände tat, stahl Palin den Dutzenden Staatsoberhäuptern die Schau - allen voran US-Präsident George W. Bush, der zum letzten Mal vor dem Staatenbund sprach, und seinem iranischen Widersacher Mahmud Ahmadinedschad.

Palin hat ihre außenpolitische Kompetenz bisher darauf gestützt, dass sie qua Amt die Nationalgarde von Alaska befehlige - und dass man Russland von ihrem Staat aus "tatsächlich sehen kann".

Da kam das Uno-Jahrestreffen gut zupass: Inszeniertes Beisammensitzen mit exotischen Regierungschefs, bei denen nur kurz Fotografen zugelassen werden, sollen Palin mit der nötigen staatskundigen Patina versehen.

Solche Drive-Through-Diplomatie sorgte nicht nur auf den Linoleumfluren der Uno für Irritation. "Was denkt die sich?", echauffierte sich ein britischer Diplomat in der Kantine. Kolumnistin Maureen lästerte in der "New York Times": "Man kann sich mit Außenpolitik nicht anstecken wie mit einem Schnupfenvirus."

Doch Palin und Republikaner-Kandidat John McCain scheren sich wenig darum, was Ausländer oder die Medien sagen. Letztere verachten sie, so McCains Top-Stratege Steve Schmidt, als "150 Prozent für den demokratischen Kandidaten voreingenommen".

Also versuchte Schmidt zunächst, die Presse von Palins außenpolitischer Weiterbildung komplett auszusperren: Nur eine Pool-Kamera und ein Fotograf seien zugelassen, und das auch nur zu Beginn. Keine Fragen, keine Gefahr dilettantischer Antworten. Worauf die Medien revoltierten - angeführt von CNN und der Agentur AP, die mit Sendeboykott drohten.

"Mein Sohn heißt Mirwais, 'Licht des Hauses'" - "Oh, nett"

Nach einigem bösen Hin und Her gab das McCain-Camp nach. Zumindest ein bisschen: Es ließ noch einen Producer zu, der den anderen berichten durfte - ein Kompromiss, der Palins Image kaum gefährdete.

Erster Termin: eine Hotelsuite in Midtown. Palin und Karzai saßen in Brokatsesseln. Karzai erwähnte seinen Sohn. "Wie heißt der?", erkundigte sich Palin. "Mirwais", antwortete Karzai. "Das heißt 'Licht des Hauses'." Palin: "Oh, nett." Nach 29 Sekunden Geplänkel wurden die Kameraleute hinauseskortiert.

Den Kolumbianer Uribe traf Palin in dessen Gesandtschaft auf der Upper East Side. Kolportiert wurden ihre Worte: "Danke für Ihre Arbeit." Mit Kissinger saß sie an der Park Avenue über Eck, neben Fotos von Ronald Reagan und Richard Nixon. Das Wort Georgien wurde aufgeschnappt, dann Palins Replik: "Und Sie geben mir dazu noch mehr Einblick, ja? Gut."

Das Uno-Duell zwischen Bush und Ahmadinedschad ging bei dieser Farce fast völlig unter. Dabei war es außenpolitisch von weit größerer Bedeutung - und außerdem das letzte seiner Art: Der US-Präsident nahm seinen Abschied von der Uno, mit der ihn jahrelang gepflegte Ressentiments verbanden.

Einst hatte Bush die Organisation als "Wachsfiguren-Museum" verspottet. Diesmal klang er fast kleinlaut, als er der Welt versicherte, "kühne Schritte" gegen die Wall-Street-Krise zu unternehmen. Zum Schluss lobte er die Uno sogar: Sie werde "dringender gebraucht denn je", so lange "Regimes wie Syrien und Iran" Terroristen unterstützten.

Ahmadinedschad, der in der fünften Reihe zuhörte, lächelte und winkte. Stunden später trat er zur Gegenrede an. Sie bestand aus den üblichen Tiraden auf das "zionistische Regime" (Israel) und die "tyrannischen Mächte" (die USA).

Doch auch Ahmadinedschad kam an Palin nicht vorbei. Tags zuvor hatten Tausende vor der Uno gegen ihn protestiert. Die Demonstration, organisiert von jüdischen Gruppen, wurde jedoch bald in "Sarah-Palin-Demo" umgetauft.

Palin und die Demokratin Hillary Clinton waren beide als Gastrednerinnen geladen. Doch als Clinton von Palin erfuhr, sagte sie wieder ab. Woraufhin auch Palin zurücktrat. Ihre geplante Rede fand sich stattdessen am selben Tag auf Seite eins der konservativen Zeitung "New York Sun" - welche Palin darob atemlos zur "neuesten Cinderella der internationalen Szene" kürte.

"Er muss aufgehalten werden", wetterte Palin da über Ahmadinedschad. "Die Welt muss die Bedrohung erkennen, die dieser Mann für uns alle darstellt." Iran könne "binnen eines Jahres" genügend spaltbares Material für eine Atombombe herstellen, sagte die mögliche US-Vizepräsidentin. Dass es von dort aus noch ein weiter Weg ist zu einer tatsächlich funktionierenden Atombombe, verschwieg Palin freilich. "Wenn McCain und Palin gewählt werden", schlussfolgerte der konservative Blogger Andrew Sullivan daraus, "wird es Krieg geben."

Was er von Palins Worten halte, wurde Ahmadinedschad am Abend im Kreise von Uno-Korrespondenten gefragt. Er schmunzelte. "Sie können sagen, was sie wollen", sagte er, "das heißt nicht, dass Iran darauf antworten muss."

CNN-Talkmaster Larry King hakte später noch mal nach. Ob er sich mit Palin treffen würde? Ahmadinedschad guckte etwas verwirrt. "Wird sie denn Präsidentin?" "Nein", klärte King ihn auf. "Ah", sagte Ahmadinedschad und schwieg.

Palin setzt ihre Schattendiplomatie heute fort. Gespräche sind mit einer ganzen Garde von Präsidenten angesetzt: Jalal Talabani (Irak), Asif Ali Zardari (Pakistan), Micheil Saakaschwili (Georgien), Viktor Juschtschenko (Ukraine). Und noch ein Weltmann: Bono, U2-Sänger und globaler Wohltäter.

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