Wahlkampfkulisse Uno Palin plauscht sich in die Weltpolitik

Sarah Palin nutzt die Uno-Vollversammlung für eigene Zwecke: Sie absolviert in New York einen Crashkurs in Außenpolitik. Mit diversen Staatschefs plaudert sie - zum Beispiel über die Namen der Kinder. Reporter blieben wohlweislich ausgesperrt.

Von , New York


New York - Die Dame trug ein rotes Kostüm mit dicken, schwarzen Knöpfen, das Haar zum lockeren Dutt hochgesteckt und auf der Nase eine der eckigen "Palin-Brillen". Überall, wo sie auftauchte, umringten sie die New Yorker, bettelten um Autogramme, wollten ihr die Hand schütteln. "Du bist heiß!", brüllte ihr ein Mann zu. "Aber ich hoffe, du verlierst!"

Die Frau, die da kreuz und quer durch Manhattan tingelte, genoss die Aufmerksamkeit - doch Sarah Palin, Vizepräsidentschaftskandidatin der US-Republikaner, war das nicht. Es handelte sich vielmehr um eine Doppelgängerin, vom Boulevardblatt "Daily News" angeheuert, um zum New-York-Besuch der echten Palin für etwas Wirbel zu sorgen. Es klappte: Das Palin-Double brachte in Manhattan den Verkehr zum Erliegen - während die wahre Gouverneurin bei ihrer ersten New-York-Visite als Kandidatin von der Öffentlichkeit ferngehalten wurde.

Palin - die seit ihrer Nominierung vor drei Wochen noch keine Pressekonferenz gegeben hat - ist für drei Tage nach New York gekommen, um mit handverlesenen Staatschefs zu "konferieren", die zur Eröffnung der Uno-Vollversammlung hier sind, und so "ihr Zeugnis in Außenpolitik aufzupolieren" ("New York Post").

Es war ein cleverer Wahlkampfclou, ein Gratiswerbespot, der, unter Protest der Journalisten, größtenteils unter Ausschluss der Presse stattfand - und auf diese Weise ganz nach Plan für nur noch mehr Aufregung sorgte: Zwischenzeitlich drohten die ausgesperrten Reporter, die Berichterstattung über Palins Grußrunde zu boykottieren.

Die elf Tête-à-têtes Palins - die Mittwoch und Donnerstag weitergehen - begannen mit Afghanistans Präsident Hamid Karzai, seinem kolumbianischen Kollegen Alvaro Uribe und Polit-Urgestein Henry Kissinger, einem McCain-Berater: ein Crashkurs im internationalen Händeschütteln, mit dem es die Novizin aus Alaska schaffte, sogar den globalen VIP-Aufmarsch am East River zu überschatten.

Obwohl sie dabei fast unsichtbar blieb und auch keinen Schritt auf das Uno-Gelände tat, stahl Palin den Dutzenden Staatsoberhäuptern die Schau - allen voran US-Präsident George W. Bush, der zum letzten Mal vor dem Staatenbund sprach, und seinem iranischen Widersacher Mahmud Ahmadinedschad.

Palin hat ihre außenpolitische Kompetenz bisher darauf gestützt, dass sie qua Amt die Nationalgarde von Alaska befehlige - und dass man Russland von ihrem Staat aus "tatsächlich sehen kann".

Da kam das Uno-Jahrestreffen gut zupass: Inszeniertes Beisammensitzen mit exotischen Regierungschefs, bei denen nur kurz Fotografen zugelassen werden, sollen Palin mit der nötigen staatskundigen Patina versehen.

Solche Drive-Through-Diplomatie sorgte nicht nur auf den Linoleumfluren der Uno für Irritation. "Was denkt die sich?", echauffierte sich ein britischer Diplomat in der Kantine. Kolumnistin Maureen lästerte in der "New York Times": "Man kann sich mit Außenpolitik nicht anstecken wie mit einem Schnupfenvirus."

Doch Palin und Republikaner-Kandidat John McCain scheren sich wenig darum, was Ausländer oder die Medien sagen. Letztere verachten sie, so McCains Top-Stratege Steve Schmidt, als "150 Prozent für den demokratischen Kandidaten voreingenommen".

Also versuchte Schmidt zunächst, die Presse von Palins außenpolitischer Weiterbildung komplett auszusperren: Nur eine Pool-Kamera und ein Fotograf seien zugelassen, und das auch nur zu Beginn. Keine Fragen, keine Gefahr dilettantischer Antworten. Worauf die Medien revoltierten - angeführt von CNN und der Agentur AP, die mit Sendeboykott drohten.



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