Wahlnacht in Österreich Die Sozialdemokraten im Siegesrausch

Überraschung in Österreich: Der Sozialdemokrat Alfred Gusenbauer gewinnt die Nationalratswahl und wird wohl Kanzler einer Großen Koalition. Während die SPÖ hemmungslos feiert, begibt sich die ÖVP auf Fehlersuche – und ein Mann enthüllt still ein großes Wahlkampfgeheimnis.

Aus Wien berichtet


Wien – Alfred Gusenbauer scheint die Situation nicht ganz geheuer. Eine johlende Menge, dazwischen rote Fahnen. Und Hunderte Parteigenossen rufen nach ihm, immer wieder im Stakkato, immer wieder per Spitznamen: "Gusi, Gusi, Gusi!" Am Anfang gibt sich der Gusi noch so wie sonst. Als Apparatschik, als treu sorgender Sozi-Funktionär: "Es sieht so aus, als ob das Wahlergebnis heute ein gutes wäre."

Aber heute ist nichts so wie immer. Es ist 18.38 Uhr in einem Zelt in der Wiener Löwelstraße direkt neben dem Burgtheater, und der sozialdemokratische Politiker Dr. Gusenbauer hat gerade die österreichischen Parlamentswahlen gewonnen. Immerhin, jetzt versucht er es mit Pathos. Was Politiker eben so machen in solchen Momenten: "Das ist einer jener Tage, wo am Ende die Gerechtigkeit siegt." Jubel, großer Jubel. "Wir werden die Hoffnungen der Menschen nicht enttäuschen."

Der Wahlsieger muss weinen

Und dann passiert es, der Jubel ist zu groß, die Menschen drängen auf die Bühne, Arme strecken sich nach ihm aus. "Ich bin gerührt", sagt der einstige Apparatschik Alfred Gusenbauer. Er winkelt den sehr runden Kopf in Richtung rechte Schulter ab, schaut versonnen und mit Tränen in den Augen in die Genossenflut. Seine neben ihm stehende Lebensgefährtin Eva Steiner kriegt dabei einen roten Kopf und muss ihren Gusi erst einmal in die Arme schließen, ganz fest. Alfred Gusenbauer, der Arbeiterbub aus der kleinen Donaustadt Ybbs, hat es nach ganz oben geschafft.

Zwar fängt Gusenbauer sich wieder ("Ich muss meinen Verpflichtungen nachgehen, ich muss zum Fernsehinterview"), die Genossen aber nicht. Männer nehmen ihn in den Arm, drücken seinen Kopf mit der flachen Hand gegen ihren; eine alte Dame küsst ihm die Hand. Was sie fühle? Nur "Juhu!" kann sie sagen, immer wieder nur "Juhu!". Die SPÖ im Freudenrausch.

Derweil wird gute 500 Meter weiter ein anderer Mann ganz anders umarmt. Sanfter und distanzierter trösten die christdemokratischen Parteifreunde Bundeskanzler Wolfgang Schüssel von der Österreichischen Volkspartei (ÖVP). Das Zelt vor der Parteizentrale neben dem Wiener Rathaus ist für einen Sieg geschmückt, Hostessen verteilen Schals in den Nationalfarben rot-weiß-rot. An der Theke wird das koffeinhaltige Energiegetränk "Power-Kanzler" ausgegeben – natürlich mit Schüssel-Portrait auf der Dosenhaut, Schriftzug: "Weil er's kann."

Es hat nichts genutzt. Entgegen allen Erwartungen und Meinungsumfragen der letzten Wochen und Monate ist Schüssels ÖVP abgestürzt, kommt nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis nur noch auf 34,2 Prozent der Stimmen – bei der Nationalratswahl 2002 erreichten die Schwarzen noch das Rekordergebnis von 42,3 Prozent. Zwar hat Gusenbauers SPÖ leicht verloren, doch liegt sie jetzt mit 35,7 Prozent an der Spitze (2002: 36,5 Prozent).

Weil aber die rechtsradikale FPÖ mit plakatierten Sprüchen wie "Daham statt Islam" ("Daheim statt Islam") auf 11,2 Prozent kommt, vor den Grünen (10,5 Prozent) auf Platz drei landet und gleichzeitig die FPÖ-Abspaltung "Bündnis Zukunft Österreich" (BZÖ, bisheriger ÖVP-Koalitionspartner) wohl mit 4,2 Prozent ins Nationalparlament einzieht, reicht es nicht für eine rot-grüne Regierungskoalition. Es bleibt die in Österreich wohlbekannte Große Koalition. Seit 1945 wurde das Land insgesamt 34 Jahre von einer solchen Konstellation regiert. Anfangs führte die ÖVP, später die SPÖ.

Rückkehr zur Großen Koalition?

Alfred Gusenbauer: Ein Apparatischik in Partylaune
AFP

Alfred Gusenbauer: Ein Apparatischik in Partylaune

Als sich die Spitzenkandidaten am frühen Abend erstmals in einer Fernsehrunde im Innenministerium am Minoritenplatz gegenüberstehen, sagt SPÖ-Chef Gusenbauer, er wolle "entweder mit der ÖVP oder den Grünen verhandeln". Letzteres ist allerdings nur dann denkbar, wenn die noch ausstehende Auszählung der Wahlkarten der Auslandsösterreicher das BZÖ unter die in Österreich geltende Vier-Prozent-Hürde und damit aus dem Parlament drückt. Dann hätten SPÖ und Grüne ein Mandat Mehrheit. Später am Abend schränkt Gusenbauer diese Koalitionsvariante für den Fall des Falles aber schon wieder ein. Ein Parlamentssitz Mehrheit, das sei "a bisserl dünn". Außerdem fordert Gusenbauer eine "stabile Mehrheit".

Auch die freiheitliche Partei unter FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache entwickelt sich an diesem Wahlabend zur Blockademacht für andere Koalitionsvarianten. Weil alle anderen Parteiführer auch nach der Wahl ausschließen, mit Strache ins Koalitionsbett steigen zu wollen, zelebriert der ewig grinsende Rechtsaußen mit den stahlblauen Augen (Plakatspruch: "Der Patriot") seine Außenseiterstellung: ÖVP und SPÖ würden das Gespräch mit ihm verweigern, "die grenzen uns undemokratisch aus, wir dagegen grenzen niemanden aus, wir verschließen uns nicht".

Während die Granden durch die Fernsehstudios tingeln, müssen sich die Parteisoldaten mit den bitteren Realitäten abfinden – und ringen nach Erklärungen. "Am Ende waren wir viel zu präpotent", sagen sie im ÖVP-Zelt mit Blick auf das sehr siegessichere Auftreten des bisherigen Kanzlers in den letzten Wochen. Andere finden den Wahlkampf "zu positiv, wir hätten aggressiver sein müssen" – was ein wenig verwundert, gilt der Parteienkampf von 2006 doch als einer der schmutzigsten in der Geschichte der Alpenrepublik.

Geheimnis um den Halbmond

Draußen zieht jetzt die SPÖ-Jugend mit großen roten Fahnen vorbei. Sie skandieren "Auf Wiedersehen" und "Ab jetzt regiert die SPÖ". Die Sozialdemokraten sind überglücklich, kaum einer hatte einen Sieg bei der Nationalratswahl noch erwartet. Jetzt geben sich alle dem Überschwang hin.

Als Alfred Gusenbauer das mittlerweile aus allen Nähten platzende SPÖ-Zelt verlässt, nähert sich ihm ein Mann in dunklem Anzug von rechts und flüstert grinsend ins zukünftige Kanzler-Ohr. Gusenbauer stockt, reißt die Augen auf – und verfällt dann in ein brüllendes Lachen. In diesem Moment nämlich ist eines der größten Geheimnisse dieses Wahlkampfs gelüftet worden: Angeblich im Namen des Alpenvereins trudelte bei der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Wien vor Wochen ein Schreiben ein, in dem die Errichtung von Halbmonden statt Kreuzen auf Österreichs herrlichen Berggipfeln angedacht wurde. BZÖ-Chef Peter Westenthaler stieg heftig darauf ein und machte den Brief zum Wahlkampfthema. Damit gab er seinen ausländerfeindlichen Kurs der Lächerlichkeit preis – denn der Brief war eine Fälschung. Doch wer war der Verfasser?

Es war eben jener Mann, der dem bisher ahnungslosen Gusenbauer soeben ins Ohr geflüstert hat. Nein, seinen Namen wolle er nicht verraten. Nur soviel: Er arbeite in der Umgebung des Wiener SPÖ-Bürgermeisters. So geht er still und in sich hineingrinsend von dannen.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.