Wahlreaktion aus Großbritannien Vom Exportweltmeister zum Angstweltmeister

Die britischen Reaktionen auf die Wahl schwanken zwischen ungläubigem Staunen und tiefer Sorge. Die Briten können es nicht fassen, dass das ehemalige Wirtschaftswunderland aus Angst die notwendigen Reformen nicht anpackt – und ein Wahlergebnis produziert, das die Malaise noch verschlimmert.

Der "kranke Mann Europas" scheint unfähig, sich selbst zu heilen, und die Diagnose von Ärzten und Gutachten scheinen lediglich zu bewirken, dass der Patient die Bettdecke über den Kopf zieht und hofft, dass alles nicht so schlimm kommen werde, wenn er sich nur überhaupt nicht mehr bewege.

Das Wahlergebnis in Deutschland interpretieren die Briten als Zeugnis für die große Angst der Bundesbürger vor der Zukunft einer globalisierten Welt, bei der gleichzeitigen Weigerung in dieser noch wirklich mithalten zu können.

Sogar linksliberale Blätter wie der "Guardian" sind entsetzt über die Unfähigkeit der Deutschen, ihre seit Jahren kriselnde Marktwirtschaft zu reformieren. "Diese Wahlen wurden gekennzeichnet durch tiefen Pessimismus, fundamentale Desillusionierung über die großen Parteien und Wählern, die vielleicht den Bedarf für Reformen gespürt haben mögen, aber deren Auswirkungen fürchteten", schreibt das Blatt. Vom Exportweltmeister zum Angstweltmeister.

Die Deutschen, so der "Guardian" weiter, hätten im Endeffekt die trostlose ökonomische Bilanz der Regierung Schröder ignoriert: "Ein Erbe von Nullwachstum und einer Arbeitslosenquote von 11 Prozent - die höchste seit den dreißiger Jahren. Dies bedeute eine riesige Staatsverschuldung, welche die EU-Kriterien sprengte, die europäische Wirtschaft behinderte anstatt die Anstrengung zu steigen, um im globalen Wettbewerb dabeibleiben zu können."

Außer Deutschland wird vor allem Angela Merkel als die große Verliererin dieser Wahl gesehen. Sie, die wie britische Zeitungen genüsslich notieren, die Chance gehabt hätte zum mächtigsten weiblichen Wesen Deutschlands aufzusteigen, seit der Häuptlingsfrau Brunhilde im 7. Jahrhundert, versagte, weil sie es nicht verstand, der Mehrzahl der Deutschen die Notwendigkeit harter Reformen heute zu vermitteln, an deren Ende morgen eine deutliche Verbesserung der Verhältnisse für die meisten stehen würde.

Angela Merkel ist keine Maggie Thatcher. Sie verschreckte die Wähler mit der angekündigten Erhöhung der Mehrwertssteuer und der Person Paul Kirchhofs. Außerdem schaffte sie es zu keinem Zeitpunkt ihre peinliche Schüchternheit im Scheinwerferlicht zu überwinden. "Eine Überwältigende Mehrheit der Deutschen glaubte, dass Schröder im Fernsehduell besser abschnitt als Merkel", schreibt die "Times". "Sie war unfähig ihr Image als naive Ost-Deutsche im Westen zu korrigieren und habe gleichzeitig Wähler im Osten verloren. Sie war gefangen Zwischen Ost und West, zuhause war sie nirgends".

Fazit: "Ihr Timing war schlecht, aber ihre Intentionen waren korrekt. Es war ihr Versuch sich den Thatcherismus anzueignen, und es ging schief".

So unerbittlich die britischen Medien die Fehler Merkels aufzählen, so wenig beeindruckt sind sie von der Selbstherrlichkeit Schröders, der sich gestern Nacht als der ewige Kanzler feierte. Zwar wird seiner Fähigkeit auf Marktplätzen und Bierzelten den Niedergang des Sozialstaates in den düstersten Farben zu malen, die Anerkennung nicht völlig versagt. Aber insgesamt stehen die Briten Schröder eher kühl gegenüber. Zu rückwärtsgewandt und zu mutlos scheint seine Politik, zu wenig zukunftsträchtig, um in einer globalisierten Moderne bestehen zu können, in welcher Großbritannien seit elf Jahren boomt.

Schröder Auftreten ist einfach ganz und gar unbritisch. "Man muss nur Angst haben vor der Angst", sagte der Gralshüter aller Britishness, Winston Churchill einmal. Und genau als dies präsentierte sich Schröder in seinem Wahlkampf: als Großmeister der Angst. Die pragmatische Natur der Briten legt es ihnen nahe, sich in Zeiten der Krise an Zahlen und Fakten zu halten und sich nicht von Stimmungen hinunterziehen zu lassen.

So war es denn auch kein Wunder, dass auch von der politischen Elite Englands die Wahl nicht als Comeback Schröders gewertet wurde, sondern vor allem als Niederlage Merkels. "Angela Merkels Unfähigkeit, eine Mehrheit zu gewinnen, wurde von britischen Ministern mit Entäuschung registriert", schreibt die "Times", "denn damit schwanden auch die Hoffnungen, dass Europas größte, aber auch stagnierendste Wirtschaft mit radikalen Reformen wieder zum Laufen gebracht werden könnte. Privat hatte auch Tony Blair gehofft, dass die christliche Demokratin an die Macht kommen würde."

Eine große Koalition halten in Großbritannien nach dem Ton und der Atmosphäre in der gestrigen Elefantenrunde, wo zwei Spitzenkandidaten aufeinander prallten, die sich offensichtlich nicht ausstehen können, für eine schlechte Lösung. Einige hoffen, dass sich Deutschland mit Hilfe der Grünen doch noch einen Ruck gibt und einen Aufschwung wagt, symbolisiert durch die undogmatische Zusammensetzung einer Schwarz-Gelb-Grünen Koalition. Es liegt keine Sicherheit im Verharren, während die Welt sich dramatisch ändert, jeden Tag.

"Gestern spielte Europas größte Wirtschaft auf Nummer Sicher", schreibt der "Daily Telegraph", "und verschob damit bloß den Tag der Abrechnung: Was für ein Schlamassel."

Wenn man so etwas liest beschleicht einen das Gefühl, die Briten hätten die Hoffnung Aufgegeben, dass dem "kranken Mann Europas" ein normaler Arzt noch helfen kann. Bestellt werden, so scheint es, muss ein Psychiater. So etwas schmerzt, very unpleasant.

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