Wahlsieger Obama Triumph eines Glückskinds

Happy End eines amerikanischen Traums: Barack Obama, vor acht Jahren noch ein politischer Nobody, zieht mit einem triumphalen Wahlsieg in das Weiße Haus ein. Sein großes Versprechen ist der Wandel - und dafür steht er mit der eigenen Person: als erster schwarzer US-Präsident.

Aus Chicago berichet


Chicago - Endlich steht er im Grant Park von Chicago, und der tosende Jubel seiner Anhänger verstummt. Barack Obama tritt als Sieger an sein Rednerpult und wendet sich an die Nation. "Der Wandel ist nach Amerika gekommen", sagt er und strahlt: Die Wähler hätten mit ihrer Entscheidung gezeigt, dass "der amerikanische Traum lebt".

Präsident Obama (während des Wahlkampfs): Treuer Familienmann, stolzer Vater
AFP

Präsident Obama (während des Wahlkampfs): Treuer Familienmann, stolzer Vater

Obama hält die wichtigste Rede seines Lebens; nach den harten Auseinandersetzungen des Wahlkampfs muss er die Nation wieder vereinen - und er findet passende Worte, wie das außer ihm nur wenige können. Der amerikanische Traum, die gemeinsamen Werte, Hoffnungen, der Optimismus. Amerika stehe vor großen Herausforderungen, es sind Kriege zu beenden, Krisen zu bewältigen, Allianzen zu reparieren. "Wir werden dazu mehr als ein Jahr brauchen", verkündet er, "aber wir werden es schaffen, das verspreche ich!"

Nur einen Abend vorher hatten die Parodisten von "Saturday Night Live" (SNL) noch einmal in einer Sondersendung die Wahlkämpfer durch den Kakao gezogen. Und da war Obama nicht unbedingt der große Star: Bei SNL ist Hillary Clintons Double richtig lustig, das von John McCain noch mehr, Sarah Palin sowieso - aber der Obama-Darsteller ist in der Regel: langweilig. Lacher erntet der selten, meistens guckt der SNL-Obama ziemlich ernst drein.

Diese Parodie erinnert daran, wie Obama auch ins amerikanische Bewusstsein hätte eingehen können, in diesem verrückten Endlos-Wahlkampf: als Langweiler. Die Amerikaner schicken eben nicht nur den ersten afroamerikanischen Präsidenten ins Weiße Haus. Sie wählten auch einen Kandidaten, der ein oft grüblerisch wirkender Intellektueller ist - trotz aller Internet-Begeisterung und "Yes, we can"-Schreie um ihn.

"Es ist wirklich ironisch, dass ein Mann, der Zehntausende Fans anzieht und dessen Charisma mit John F. Kennedy verglichen wird, eigentlich ziemlich langweilig sein kann", nölte die "Los Angeles Times".

Nie Schweißflecken, stets gebügelt

Ein Kandidat, der gerne den Theologen Reinhold Niebuhr liest und selbst in der Hitze von Nevada oder Indiana keine Schweißflecken auf dem gebügelten weißen Oberhemd zeigt. Der die Sokrates-Methode amerikanischer Rechtsfakultäten verinnerlicht hat - die Wahrheit ergründet sich im scharfsinnigen Gegenspiel von Frage und Antwort. Dessen wundervoll komponierte Reden selten einen Sinn für Humor verraten. Offensichtlich ein treuer Familienmann, ein stolzer Vater.

Obama läutet so eine neue Ära im Weißen Haus ein. Die demokratischen Ikonen John F. Kennedy und Bill Clinton waren zwar ausgewiesene Intellektuelle - doch sie hatten auch grobschlächtige Züge, waren fast pathologische Schürzenjäger. Republikaner-Vorbild Ronald Reagan machte aus Anti-Intellektualismus eine Tugend, von George W. Bush ganz zu schweigen. Auch dessen Vater George Bush Senior versteckte seine Yale-Ausbildung und Außenpolitik-Kenntnisse - und trat auch schon einmal mit Cowboystiefeln vor die Kameras.

Wird Obama das im Weißen Haus nutzen? Oder haben hemdsärmeligere Kongress-Demokraten leichtes Spiel mit ihm, die alle zwei Jahre zur Wiederwahl anstehen und Volkes Stimme genau hören? Wird sich die intellektuelle Neigung des neuen Präsidenten beißen mit dem Elan der Internet-Basis, die ihn zum Sieg trug? Mit dem Zwang zu raschen Entscheidungen als Oberbefehlshaber?

Helfen dürfte Obama, dass er für einen Politiker seltsam unberührt scheint von der Begeisterung um ihn. Dabei hat er eine der erstaunlichsten Polit-Karrieren aller Zeiten hinter sich. Vor acht Jahren beim Demokraten-Parteitag schaffte es der nun frischgebackene mächtigste Mann der Welt noch nicht einmal auf die wichtigen Partys.

"Kann er sich überhaupt über irgendwas aufregen?"

Über seinen Namen Barack Hussein Obama sagt er selbst: "Wer immer mir den gegeben hat, hat nie erwartet, dass ich Präsidentschaftskandidat werde." Nun aber hat das verheerende Erbe der Bush-Jahre den Mann mit dem seltsamen Namen und der dunklen Haut zum globalen Hoffnungsträger werden lassen.

200.000 Menschen hörten ihm im Juli in Berlin zu, er ist wirklich die größte "Celebrity" auf dem Globus - wie Rivale McCain spottete. Doch selbst solche Attacken schienen Obama eher sanft zu amüsieren. "Kann er sich überhaupt über irgendetwas aufregen?", fragte TV-Moderator Chris Matthews. Das hätte Obama als Mangel an Leidenschaft ausgelegt werden können - wie es ihm im Vorwahl-Endspurt mit Clinton fast zum Verhängnis wurde.

Aber die Finanzkrise ließ auch diese Obama-Eigenschaft zur Tugend werden. Er erschien plötzlich gelassen und präsidial, Rivale McCain unberechenbar und panisch. So war Obama wieder einmal ein politisches Glückskind, wie fast immer in seiner Karriere. Als er vor vier Jahren als Newcomer für den US-Senat kandidierte, gab sein designierter republikanischer Gegner wegen eines schmutzigen Scheidungskriegs auf.

Nur drei Jahre später trat Obama schon für die Präsidentschaft gegen Hillary Clinton an, die bekannteste Politikerin der USA. Doch ihr Lager unterschätzte Obama lange, sie fand zu spät ihr Image als Kämpferin - und hatte einen Ehemann an der Seite, der durch latent rassistische Bemerkungen über Obama Afroamerikaner endgültig in dessen Arme trieb.

Im Hauptwahlkampf schließlich bescherte ihm das Schicksal einen Rivalen, der nicht den rassistischen Schmutzwahlkampf führte, zu dem andere Republikaner wohl bereit gewesen wären - der sich aber auch nicht zu einer Bewerbung als echter Unabhängiger durchringen konnte. McCain distanzierte sich mal von Bush, mal umwarb er wie mit der Benennung von Sarah Palin als Vize dessen Basis. Nie fand der Republikaner eine konsistente Strategie.

"Wahlkampf wird nie wieder derselbe sein"

Obamas Wahlkampf-Bewegung hingegen war der perfekteste Polit-Start-Up aller Zeiten - er sammelte mehr als eine halbe Milliarde Dollar Spenden ein, mobilisierte Millionen neue Anhänger. "Wahlkampf wird nach Obama nie wieder derselbe sein", sagt Jonathan Alter von "Newsweek". Das Versprechen echten Wandels in Washington, einer neuen Form von Politik, hat der Kopfmensch Obama freilich still begraben. In den vergangenen Monaten war sein Wahlkampf so "neu" nicht mehr, eher pragmatisch.

Obama vertraut längst auch auf den Rat von Washington-Insidern, seine letzten TV-Spots drehten sich um amerikanische Werte aus Kansas oder den Wert harter Arbeit. Auch die Finanz-Debatte gewann er eher per Stilnote als durch mutige Polit-Vorschläge. Er zögerte genau wie andere Politiker, das amerikanische Volk im Wahlkampf auf Opfer einzustimmen. Die wird er nun fordern müssen - und sich auch erstmals voll und ganz auf einen Job konzentrieren müssen.

An dem Vorwurf, er habe bislang in seiner Karriere immer schon auf die nächste Herausforderung geschielt, ist etwas dran. Nun geht es nicht mehr höher hinaus. Dass Obama sich das zutraut, daran ließ er im Wahlkampf wenig Zweifel. Meist wirkt er so gelassen, als habe er noch ein Ass im Ärmel.

Es kursiert die Geschichte, wie Obama beim Parteitag in Boston 2004 schon vor seiner rasch zur Legende gewordenen Rede Fan-Trauben durch die Stadt folgen. Seine Begleitung sagte: "Du bist schon eine richtige Berühmtheit." Obama lächelte sanft: "Warte ab. Meine Rede ist auch ziemlich gut."

Nun tritt der Demokrat am 20. Januar 2009 als "President No. 44" an, mitten in einer der schlimmsten Krisen der USA. "Man fühlt sich wie ein Fluglotse. Mit einer Welt um einen herum, die völlig aus der Kontrolle geraten ist", unkt der Chef seines Übergabe-Teams, John Podesta. Es ist den USA und der Welt zu wünschen, dass Obama tatsächlich ein Ass im Ärmel hat.



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