Wahlversprechen Sarkozy enttäuscht die Franzosen

Steigende Preise, politische Alleingänge, öffentliche Affären: Sieben Wochen vor den Kommunalwahlen wächst unter Franzosen die Unzufriedenheit mit der Politik und der Person von Nicolas Sarkozy - in Umfragen geht es für den Präsidenten steil bergab.

Von , Paris


Paris - Küsschen rechts, "la bise" links, "lieber Nicolas", "chère Angela": Die französische Regierungspartei UMP hat zur "Europa-Versammlung" in die Art-déco-Halle der Mutualité geladen und vor durchweg freundlichem Publikum überschütten sich zwei Politiker gestern mit Artigkeiten – die heimischen Wähler fest im Auge. Kanzlerin Angela Merkel, durch die Hessenwahl in der Bredouille, lobte den Einsatz von Präsident Nicolas Sarkozy, der dafür gesorgt hat, dass "Europa wieder arbeiten kann". Der Franzose nutzte die Kulisse, um als im Ausland anerkannter Staatsmann aufzutreten.

Frankreichs Staatschef Sarkozy: "Ich bin ein glücklicher Präsident"
AFP

Frankreichs Staatschef Sarkozy: "Ich bin ein glücklicher Präsident"

Die Bewunderung tut Not, denn in Frankreich befindet sich der Präsident in den Meinungsumfragen "im freien Fall" (Le Parisien). Neun Monate nach seiner triumphalen Wahl ist die politische Gnadenfrist zu Ende und Sarkozy muss befürchten, dass die Kommunalwahlen Anfang März zur nationalen Kampfabstimmung über Politik und Person geraten.

Zweifel am Sarkozy-Kurs

Der Präsident, der seinen Landsleuten einen "Schock des Vertrauens" verheißen hatte, sieht sich zunehmend mit breitem Misstrauen konfrontiert: Trotz enger Beziehungen zu Medienbossen, seiner Omnipräsenz im Fernsehen und einem Füllhorn von immer neuen Reformvorgaben glauben mittlerweile 52 Prozent der Bürger, dass Sarkozys Kurs "eher in die falsche Richtung" geht; 37 Prozent, so die Erhebung des Instituts CSA, sind vom Gegenteil überzeugt. Noch im Dezember hatten sich die beiden Positionen mit 44 Punkten die Waage gehalten. Der Negativtrend wird durch eine Sofres-Umfrage für den Figaro bestätigt: 55 Prozent senken den Daumen zur Performance des Präsidenten, 41 Prozent werten seine Arbeit positiv – ein Abrutschen um acht Punkte im Vergleich zum Dezember.

Das öffentlich inszenierten Amouren des Staatschefs mit Ex-Modell Carla Bruni verärgert vor allem die wertkonservativen Anhänger des "France profonde"; mehr noch aber sind es die nicht erfüllten Wirtschaftsvisionen Sarkozys, die die Bürger enttäuschen. "Die Franzosen haben das Gefühl an der Nase herumgeführt zu werden", sagt Brice Teinturier (Sofres), der die "Zurschaustellung des Privatlebens" nur als "erschwerenden Faktor" einordnet.

"Mehr arbeiten und mehr verdienen", den "Wert der Arbeit ins Zentrum der Politik" stellen – dank dieser zentralen Aussagen hatten die Franzosen Sarkozy den Einzug in den Elysée verschafft. Und noch im vergangenen Jahr hatte der Staatschef angekündigt, er werde das Wachstum "notfalls mit den Zähnen" auf drei Prozent anheben. Alles leere Versprechen. Denn nun muss der "Präsident der Kaufkraft" zugeben, dass die "Kassen leer sind" und dass sich angesichts von Stagnation und steigender Lebenshaltungskosten eine Malaise breitmacht – und obendrein ein Rückgang des privaten Konsums.

"All die Idioten lassen mich kalt"

Offenbar lässt sich der Präsident bislang durch die sinkende Popularität nicht aus der Ruhe bringen. "Ich bin ein glücklicher Präsident, es geht mir gut, merci", beschied er seinen Getreuen bei einer Feier am 23. Januar – jenem Tag, als die beiden Telefonumfragen gestartet wurden. "All die Idioten, die mir nach acht Monaten Inkompetenz vorwerfen, lassen mich kalt", zitiert ihn die satirische Zeitung "Canard enchaîné". "Ich habe fünf Jahre vor mir: Was ich machen will, ist Frankreich von Grund auf umzugestalten."

Vielleicht muss der Präsident, angesichts der bevorstehenden Kommunalwahlen, einlenken. Denn nicht nur die privaten Institute, auch das staatliche Statistikinstitut INSEE bestätigt, dass die Stimmung auf einem historischen Tiefstand dümpelt. Die gefühlte Verdrossenheit hat den Pessimismusrekord von 1987 eingestellt. Schlimmer noch: Die Werte wurden erreicht, noch bevor die jüngsten Tartarenmeldungen über Börsencrash, Milliardenverluste bei der Bank Societé Générale und Gerüchte über Insider-Handel und Finanzspekulationen für neuen, zusätzlichen Unmut sorgten.

Wie gut, dass da Freundin Angela mit ihrem Auftritt in der Mutualité in den TV-Nachrichten vom Mittwoch für Ablenkung sorgte, zumal sie die bilateralen Meinungsverschiedenheiten nur am Rande erwähnte und Sarkozy den Blick nach vorn, über die Landesgrenzen nach Europa erlaubte. Am heutigen Donnerstag meldete der Figaro den nächsten Umfrageverfall: "Sarkozys Bewertung rutscht weiter ab."



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