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11. August 2015, 17:49 Uhr

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal

Warum die Amis Hillary Clinton nicht mögen

Eine Kolumne von

Hillary Clinton will die erste US-Präsidentin werden. Doch jeder Satz von ihr klingt, als ob ein Beraterteam ihn vorher getestet hätte. Die meisten Bürger wollen aber im Weißen Haus einen Menschen aus Fleisch und Blut - keinen Sprechautomaten.

Jede Präsidentschaftsdebatte hat ihren erhellenden Moment. Bei der Fernsehrunde mit den zehn wichtigsten republikanischen Kandidaten war es der Augenblick, als Donald Trump gebeten wurde, sein Verhältnis zu Hillary Clinton zu erklären. Trump hat in der Vergangenheit die demokratische Konkurrentin finanziell unterstützt. Bei seiner Heirat mit dem Model Melania Knauss war die Senatorin aus New York Ehrengast.

Hillary habe erscheinen müssen, weil er sie gekauft habe, sagte Trump mit dem ihm eigenen Hang zur Direktheit. "Ich gebe etwas, und zwei, drei Jahre später, wenn ich sie brauche und sie anrufe, dann stehen sie mir zur Verfügung", beschrieb er das Verhältnis von Politik und Geschäft, das ihn mit den Clintons verbindet. "Ich habe zu Hillary Clinton gesagt, komm zu meiner Hochzeit, und sie kam zur Hochzeit. Sie hatte keine Wahl, weil ich gespendet hatte."

Es gibt Fotos von der Hochzeitsfeier, auf der man das Brautpaar und die beiden Clintons sieht. Möglicherweise hat Hillary Clinton Trump schon damals für ein misogynes Arschloch gehalten, aber ihr Lächeln im Moment der Aufnahme ist perfekt. Es ist auch nicht überliefert, dass sie Anstoß daran genommen hätte, dass der Gastgeber Frauen gerne als "Schlampen" bezeichnet. Die Erkenntnis, dass die Republikaner einen "Krieg gegen Frauen" führen, scheint spät gereift.

Als habe sie nur die hochherzigsten Absichten

Man kann über Hillary Clinton sagen, was man will, aber sie hat den Dreh raus, wie man sich die richtigen Leute warmhält. 10 Millionen Dollar hat sie 2013 allein mit Reden verdient. 225.000 Dollar nimmt sie im Schnitt pro Auftritt, was für eine Frau, die nach eigener Aussage den "everyday american" vertritt, nicht schlecht ist.

Geld ist ein konstantes Thema bei den Clintons, das verbindet sie mit Unternehmern wie Trump. "Clinton Cash" heißt der Einfachheit halber ein erfolgreiches Enthüllungsbuch, das pünktlich zum Wahlkampf erschien. Der Unterschied zu Trump ist nur: Während der Immobilienkönig stolz auf seinen Reichtum ist, tut man bei den Clintons immer so, als spiele das alles keine Rolle.

Es ist gefährlich, den Ausgang von Wahlen vorherzusagen. Wir Journalisten sind aus gutem Grund im Beobachtungs- und nicht im Prognosegeschäft. Aber in diesem Fall bin ich bereit, eine Wette einzugehen: Wenn der Himmel nicht über den Republikanern einstürzt, wird es Hillary Clinton auch dieses Mal nicht ins Weiße Haus schaffen. Der Grund ist nicht, dass so viele Amerikaner finden, dass sie zu viel verdient oder die falschen Leute kennen würde. In der Hinsicht sind die Amerikaner sehr großzügig. Der Grund ist, dass sie immer so tut, als habe sie nur die hochherzigsten Absichten.

Da ist etwas faul

Man muss ihr nur zuhören, um Kopfsausen zu bekommen. Vor ein paar Wochen wurde sie in einem Interview gefragt, warum sie im Gegensatz zu ihrer gescheiterten Bewerbung gegen Barack Obama 2008 so oft das Frauenthema anspreche. Man muss die Antwort auf Englisch wiedergeben, weil die Mischung aus Politikslang, Psychotalk und Beratersprech nicht übersetzbar ist: "There is an eagerness that I sense coming at me from people in my audiences, in my conversations, to engage with me about that more than I felt in '08."

Da ist ein Verlangen, das ich spüre: Welcher normale Mensch redet so? Politik ist ein hartes Geschäft, und wenn es dabei plötzlich wie in einer Therapiestunde zugeht, weiß man, dass etwas faul ist.

Jeder Satz, der aus Clintons Mund kommt, klingt, als ob ihn vorher ein Beraterteam in Fokusgruppen auf Zielgruppentauglichkeit getestet hätte. Das Problem ist nur: Die Leute wählen in der Regel Menschen aus Fleisch und Blut und keine Sprechautomaten, die bei jeder Antwort überlegen, wie sie verhindern können, dass sich jemand von dem, was sie sagen, angegriffen oder ausgeschlossen fühlen könnte.

Das Verrückte und Schöne an Politik

Ende Juli war Clinton in New Hampshire. Auf einer Bürgerveranstaltung wurde sie gebeten, mit Ja oder Nein zu sagen, ob sie als Präsidentin den Bau der Keystone XL Pipeline unterstützen werde. Kaum ein Projekt ist bei Umweltaktivisten in Amerika so verhasst wie der Keystone-Ausbau, mit dem Rohöl aus kanadischem Ölsand noch schneller bis nach Texas transportiert werden soll. Clinton hatte zwei Tage zuvor die Förderung erneuerbarer Energien zu einem zentralen Wahlkampfpunkt erklärt. Die Frage lag also nahe.

Clintons Antwort an den Bürger, der wissen wollte, wie die Frau, die sich um seine Stimme bewirbt, zu einer für ihn entscheidenden Frage steht: "Das ist Präsident Obamas Entscheidung, und ich werde ihn nicht kritisieren. Wenn die Sache noch immer nicht entschieden sein sollte, wenn ich Präsidentin bin, werde ich Ihre Frage beantworten."

57 Prozent der Amerikaner sind der Meinung, dass Hillary Clinton nicht ehrlich ist und man ihr nicht trauen kann. Fast die Hälfte bezweifelt auch, dass sie sich wirklich um die Sorgen und Nöte der Wähler schert. Das ist das Verrückte und auch Schöne an Politik: Manchmal muss man alle Ratschläge in den Wind schlagen, um den Leuten zu beweisen, dass es einem wirklich ernst ist mit dem, was man sagt. Trump mag ein schrecklicher Chauvinist und Frauenfeind sein, aber wenigstens erkennen ihn die Leute wieder.

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