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15. März 2012, 19:09 Uhr

E-Mail-Enthüllungen

In Assads Welt

Von und

Geliebter Ehemann, grausamer Diktator: 3000 private E-Mails von Syriens Präsident Assad liegen offenbar dem "Guardian" vor. Nach Recherchen des Blatts sind sie authentisch. Die Korrespondenz mit Ehefrau und Beratern liefert einzigartige Einblicke in das Weltbild des Despoten - und zeigt seine Vorliebe für ein zynisches Video.

Hamburg - Es ist ein bislang ungekannt detaillierter Einblick in die Schaltzentrale des syrischen Regimes: Dem britischen "Guardian" liegen mehr als 3000 Mails vor, in denen Diktator Baschar al-Assad mit seiner Ehefrau und seinen engsten Beratern kommuniziert.

Die Nachrichten sind teils privat und geben Auskunft über die private Vorlieben des Ehepaars - vom Luxus-Shopping in England bis zu amerikanischem Hip Hop. Andererseits diskutieren sie die Lage im umkämpften Land.

Doch was steht genau in dem spektakulären Info-Paket? Wer sind die Hauptakteure? Wie gelangte die Tageszeitung in den Besitz der Mails - und sind diese wirklich authentisch?

SPIEGEL ONLINE liefert einen Überblick über die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Mail-Verkehr des Herrschers, dessen Volk seit einem Jahr aufbegehrt.

Sind die E-Mails überhaupt echt?

Die rund 3000 Mails bekam der "Guardian" nach eigenen Angaben von einem Mitglied der syrischen Opposition zugespielt. Unabhängig überprüfen lässt sich die Authentizität der Mails bislang nicht. Doch die britische Zeitung verweist auf ihre gründliche Nachrecherche und kommt zu dem Ergebnis, dass es sich tatsächlich um Assads Mail-Verkehr handele.

In den Mails seien zahlreiche private Informationen enthalten, von Familienfotos bis zu einer Geburtsurkunde, die selbst für Geheimdienste schwer zu fälschen seien. Die Zeitung hat nach eigenen Angaben zehn Menschen, deren Mails im Paket enthalten sind, kontaktiert - diese hätten den Inhalt ihrer Mails bestätigt oder zumindest nicht dementiert. Auch Mails zwischen Assad-Beratern und westlichen Journalisten sind enthalten. Die britischen Händler, bei denen Asma al-Assad offenbar unter dem Namen "Alia Kayali" bestellte, bestätigten ebenfalls, dass die Mails tatsächlich bei ihnen eingingen.

Die Domain der Web-Adressen, alshahba.com, klingt plausibel: Shahba ist eine Firmengruppe, die dem syrischen Regime gehört.

Die Möglichkeit, dass die E-Mails gefälscht sind, ist damit gering, wenn auch nicht ausgeschlossen. Die Recherchen des "Guardian" legen nahe, dass die E-Mail-Konten tatsächlich von Assad benutzt wurden. Ob allerdings jede der 3000 Nachrichten tatsächlich aus seinem Account stammt, lässt sich zurzeit kaum beurteilen.

Was steht in den Mails?

Der Mail-Verkehr liefert Hinweise darauf, was der Präsident über die Situation in der Protesthochburg Homs weiß und bei wem er sich Ratschläge holt, um dem wachsenden internationalen Druck standzuhalten.

Wem schreibt Assad, wer sind seine Berater?

Neben Assad und seiner Ehefrau Asma tauchen mehrere Personen immer wieder im Mail-Verkehr rund um den Präsidenten auf, darunter auffallend viele Frauen. Bei ihnen handelt es sich offenbar um teils höchst einflussreiche Beraterinnen, die direkten Zugang zur syrischen Machtzentrale erhalten.

Wie wurden die Mails geleakt?

Offenbar wurden die Zugänge zu den Mail-Konten schon vor rund einem Jahr aus dem Umfeld Assads herausgegeben. Laut der Aktivisten der syrischen Opposition, die das Material nun dem "Guardian" aushändigten, habe jemand aus dem Umfeld Assads bereits Ende März 2011 einem Freund einen kleinen Zettel ausgehändigt. Darauf standen die zwei E-Mail-Adressen mit den jeweiligen Passwörtern. Der Zettel solle an Exil-Syrer weitergereicht werden.

Seit Juni 2011 haben laut "Guardian" zwei Syrer in der Golfregion die Postfächer ständig überwacht. Zunächst gingen auf den Adressen nur ein, zwei Mails pro Tag ein. Im Spätsommer, als nach dem Ramadan die Gewalt in Syrien zunahm, habe sich der E-Mail-Verkehr verstärkt. Ab Dezember habe es immer interessantere Informationen zu lesen gegeben.

Als die Hackergruppe Anonymous im Januar in das Netz des syrischen Presseministeriums eindrangen und E-Mail-Adressen veröffentlichte, wurden offenbar auch die Mail-Adressen der Assads bekannt. Anfang Februar ging eine Droh-Mail bei sam@alshahba.com, dem Account des Präsidenten, ein - seit dem Tag wurde der Account nicht mehr genutzt.

Nun, zum Jahrestag des Aufstands gegen Machthaber Assad, habe man der Welt zeigen wollen, wie das Regime tickt, sagte ein Aktivist dem "Guardian".

Was sagt das Regime?

Im syrischen Staatsfernsehen wies ein Regierungssprecher die Mails als Verschwörung ausländischer Medien zurück. Die Nahost-Expertin Rime Allaf vom britischen Thinktank Chatham House berichtete, dass Syrien versuche, den Zugang zur Website des "Guardian", auf der ausführlich über die Mails berichtet wird, zu sperren.

Als Anonymous die Mail-Adressen Dutzender syrischer Regierungsvertreter veröffentlicht hatte, ließ das Staatsfernsehen im Februar bereits zurückweisen, dass die betreffende E-Mail-Adresse, um die es jetzt geht, von Assad benutzt worden sei. Die Aktivisten behaupten derweil, dass dies bereits eine präventive Maßnahme gegen die nun erfolgte Veröffentlichung gewesen sei.

Welches Bild von Assad vermitteln die Mails?

Sollten die Mails tatsächlich authentisch sein, eröffnen sie einen einzigartigen Einblick in das private und politische Leben von Präsident Assad - der seit langem international isoliert ist und über dessen Motive der Westen rätselt. Der "Guardian" beschreibt Assads Haltung in den Mails als eine Mischung aus Selbstmitleid, Trotz und Albernheit.

Assad schickt etwa seiner Frau den Link zu einem Clip aus einer US-Castingshow, das er als "beste Illusion aller Zeiten" preist. Ende Dezember schreibt sie ihm: "Wenn wir zusammen stark sind, werden wir das zusammen überstehen. Ich liebe Dich."

Zur gleichen Zeit leitet Assad einen Link zu einem YouTube-Video an seine Beraterin Ali weiter. Der Film spielt in einer zynischen Weise Szenen aus der belagerten Protesthochburg Homs nach.

Mit einem Spielzeugauto, Keksen und einem Tee-Trinkhalm veralbert der Film den Vorwurf der Opposition, das Regime habe Panzer vor internationalen Beobachtern in der Protesthochburg Homs versteckt. Schau dir das Video an, schreibt Assad. Seine Beraterin schreibt daraufhin entzückt zurück: "OMG!!! This is amazing!"

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