Proteste in der Türkei US-Außenminister fürchtet "exzessive Gewalt" gegen Demonstranten

US-Außenminister John Kerry zeigt sich besorgt über das Vorgehen der türkischen Polizei gegen die Demonstranten - und fordert eine Untersuchung der Vorfälle. Derweil setzen die Sicherheitskräfte erneut Tränengas gegen die Protestierenden ein.

Polizisten in Istanbul setzen Tränengas gegen Demonstranten ein.
REUTERS

Polizisten in Istanbul setzen Tränengas gegen Demonstranten ein.


Istanbul/Washington - Die Proteste in der Türkei gegen die Regierung um Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan ebben nicht ab: Am Montag gingen wieder tausende Menschen in Istanbul auf die Straße - und wieder setzte die Polizei Tränengas gegen die Demonstranten ein. Nun hat sich US-Außenminister John Kerry eingeschaltet und das gewaltsame Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen die Demonstranten kritisiert. Es gebe Berichte über "exzessive Gewalt" der Polizei, sagte er bei einer Pressekonferenz in Washington. Die USA hofften, dass es eine Untersuchung dieser Vorfälle geben werde.

Die Polizisten gingen am Montagabend gegen mehrere hundert Menschen vor, die sich im Stadtteil Besiktas versammelt hatten, berichtet die Nachrichtenagentur AFP. In dem Stadtteil befindet sich auch das Büro des Ministerpräsidenten. Zeitgleich strömten erneut mehrere tausend Demonstranten auf den zentral gelegenen Taksim-Platz und riefen: "Tayyip, tritt zurück". Dazu schwenkten sie rote Fahnen und bliesen in Trillerpfeifen.

Kerry forderte sowohl die Demonstranten als auch die türkische Regierung auf, "jegliche gewaltsame Provokation zu vermeiden". Er wolle sich nicht in die inneren Angelegenheiten der Türkei einmischen, betonte der Außenminister. Ihm gehe es vielmehr darum, "die allgemeingültigen Prinzipien und Werte der demokratischen Praxis" zu stützen.

Die Europäische Union hatte das Vorgehen der türkischen Polizei zuvor ebenfalls kritisiert. Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton sprach von einem "unverhältnismäßigen Einsatz von Gewalt durch Mitglieder der türkischen Polizei". Angesichts der zahlreichen Verletzten zeigte sie sich besorgt und rief zu einer friedlichen Lösung des Konflikts auf. Alle Seiten müssten Zurückhaltung üben und den Dialog suchen.

Die Proteste hatten vor einer Woche mit Kundgebungen gegen die Errichtung eines Einkaufszentrums beim Taksim-Platz im Herzen Istanbuls begonnen. Die zunächst friedlichen Demonstrationen weiteten sich am Freitag zu einem Bürgerprotest gegen den als autoritär empfundenen Führungsstil von Erdogan aus.

In der Nacht zum Montag sollen erneut mehrere Hundert Demonstranten festgenommen worden sein. Der TV-Sender CNN Türk berichtete von 500 Regierungsgegnern, die in Gewahrsam seien. In der Hauptstadt Ankara hat es türkischen Medien zufolge schwere Zusammenstöße rund um ein Einkaufszentrum gegeben.

Nach Angaben von Ärztevereinigungen und Menschenrechtsorganisationen wurden bei den Unruhen bislang mehr als 1700 Menschen verletzt. Die türkische Regierung zählte hingegen bis Sonntag 173 Verletzte - 58 Zivilisten und 115 Sicherheitskräfte. Die türkischen Börsen brachen am Montag als Folge der Aufstände ein, der Istanbuler Aktienindex fiel um mehr als 8 Prozent.

vks/Reuters/AFP

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