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11. April 2013, 08:20 Uhr

Kriegsdrohungen aus Pjöngjang

Nordkorea provoziert Amerikas Falken

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Die US-Regierung will und kann Nordkoreas Drohungen nicht länger ignorieren. Außenminister Kerry reist für Vermittlungen nach China, Konservative im Kongress drängen auf einen Militärschlag. Pentagon-Chef Hagel warnt das Kim-Regime: "Es schlittert sehr nah an einer gefährlichen Linie."

Für viele Amerikaner wirkt Nordkoreas Diktator Kim Jong Un wie eine Witzfigur. US-Komiker Jon Stewart gelang zuletzt eine besonders gelungene Satire: In seiner "Daily Show" sprach er von Kim wie von einem lästigen Verehrer. Militärmanöver? Raketentests? Atomversuche? Damit ließen sich die Amerikaner nicht locken. "Wir haben gerade erst zwei sehr ernste Kriege hinter uns." Es klang wie: zwei ernste Beziehungen. Die USA fühlten sich zwar geschmeichelt, grinste Stewart. "Aber wir sind nicht interessiert."

Doch das war vergangene Woche. Inzwischen lassen sich die nordkoreanischen Drohungen kaum mehr ignorieren - auch in Washington nicht. Die Lage lädt nicht mehr zum Scherzen ein.

Also trat US-Verteidigungsminister Chuck Hagel am Mittwoch vor die Reporter, um einen Strich zu ziehen: Schluss mit lustig. Pjöngjang "schlittert sehr nah an einer gefährlichen Linie" entlang, deklamierte der Pentagon-Chef. Sollte Nordkorea seine Rhetorik nicht bald "zurückdrehen", werde es ernst: "Wir haben alle Kapazitäten, um mit jeder Aktion Nordkoreas umzugehen."

Es war die bisher schärfste Aussage der US-Regierung in diesem Konflikt - und zugleich das Eingeständnis, dass Despot Kim mit seinem Plan, die USA aus der Reserve zu locken, Erfolg hat. Kim will weltweite Aufmerksamkeit - und nun hat er sie.

US-Admiral warnt vor Gefahr aus Nordkorea

Die Nachrichten überschlagen sich. Ein nordkoreanischer Raketentest, heißt es, könnte noch diese Woche kommen. Vielleicht sogar der Abschuss einer Mittelstreckenrakete des Typs Musudan, vermutete Reichweite: bis zu 3500 Kilometer - das schlösse auch Guam ein, ein US-Territorium im Pazifik. Südkorea, Japan und die USA versetzten ihre Streitkräfte jetzt in erhöhte Alarmbereitschaft.

Obwohl Experten dem Geplustere Kims wenig Glauben schenken und aus Nordkorea selbst widersprüchliche Meldungen kommen, lassen die Kapriolen in Washington inzwischen niemanden mehr kalt. Das zeigte sich jetzt auch im Streitkräfteausschuss des US-Senats. Vor den trat am Dienstag Samuel Locklear, der Oberkommandierende aller US-Truppen im Pazifik - bisher ein relativ friedlicher Posten.

Das könnte sich ändern. Die jüngsten Entwicklungen, warnte der Vier-Sterne-Admiral, seien eine "eindeutige und direkte Bedrohung für die nationale Sicherheit". Locklears Publikum war empfänglich für diese Botschaft: In dem Ausschuss sitzen viele Falken, allen voran der Republikaner und Vietnam-Held John McCain, dessen Vater, ebenfalls ein Admiral, einst im Korea-Krieg kämpfte. Seit damals, knurrte McCain mit zuckender Braue, sei die Lage in der Region nicht mehr so brisant gewesen.

Zweieinhalb Stunden befragten die Senatoren Admiral Locklear, als wollten sie ihn quasi zur Kriegserklärung drängen. Er antwortete ebenso routiniert wie ausweichend: Ja, man sei zum Gegenschlag bereit. Doch wie, wann und warum, das sagte er nicht. Wie ernst sind Kims Drohungen wirklich? Wie genau sollte man auf einen Raketenstart reagieren? Konventionell? Nuklear? Eine Frage jagte die andere, Locklear hatte keine Antworten - oder gab sie nicht.

"Idiotisches Zeichen von Schwäche"

Nicht nur die Kongress-Republikaner reden immer lauter von der militärischen Option. Auch rechte Kommentatoren haben in Nordkorea ein neues Reizthema gefunden. Die "Appeasement"-Politik von US-Präsident Barack Obama, schreibt die konservative Kolumnistin Jennifer Rubin in der "Washington Post", sei nicht nur ein Zeichen von "Schwäche", sie sei "idiotisch".

US-Diplomaten hoffen aber weiter auf eine stille Lösung. Außenminister John Kerry fliegt am Freitag nach Seoul und Peking, um Südkorea zu beruhigen und um China zu werben: Die Volksrepublik könnte als Nordkoreas wichtigster Alliierter die Krise wohl beenden.

Leider ist Washingtons Beziehung zu China dieser Tage gespannt. Als Senator Lindsey Graham Admiral Locklear fragte, ob er China als Freund oder Feind sehe, sagte er: "Weder noch." Er selbst habe seit zwei Wochen keinen Kontakt mehr zu Peking gehabt.

In Washington ist jetzt Schluss mit lustig, das hat auch Komödiant Stewart gemerkt. Der hatte jetzt Jimmy Carter zu Gast. Carter hat mit Nordkorea seine ganz persönlichen Erfahrungen gemacht, erst als Offizier im Korea-Krieg, dann als Präsident, schließlich als US-Sonderbeauftragter, der seinerzeit ein erstes Abkommen aushandelte.

Was er denn von dem aktuellen Getöse aus Nordkorea halte, fragte Stewart. Carters Antwort: "Mehr als irgendetwas anderes, wollen sie einen Friedensvertrag mit den Vereinigten Staaten."

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