Weißes Haus Aussteiger bringt Bush in Bedrängnis

Einst war er Demokrat. Dann schloss er sich George W. Bush an, weil er "wie verliebt" war - und stieg in dessen innersten Zirkel auf. Doch jetzt hat Matthew Dowd genug: Bushs Fehlentscheidungen und seine zunehmende Abkapselung haben ihn aus dem Bush-Camp vertrieben.


Als Mathew Dowd sich 1999 George W. Bush anschloss und die Demokraten verließ, für die er bislang als Stratege aktiv gewesen war, sahen nicht wenige darin ein Symbol für Bushs Attraktivität. Nun wiederholt sich die Geschichte mit umgekehrten Vorzeichen: Dowd ist der erste aus dem innersten Zirkel des US-Präsidenten, der zum Renegaten wird. Und wieder liegt die Vermutung nahe, dass Dowds Schritt einen Trend markiert.

Erst Idol, dann enttäuschte Liebe: US-Präsident George W. Bush
AP

Erst Idol, dann enttäuschte Liebe: US-Präsident George W. Bush

Der "New York Times" gab Dowd ein ausführliches Interview über seine Beweggründe. "Ich mag ihn wirklich, was vielleicht der Grund dafür ist, dass ich so enttäuscht bin", sagte er dem Blatt, "aber ich finde, er hat sich immer mehr abgekapselt und lebt in einer Blase." Bush sei wohl doch nicht der Mann, für den er ihn gehalten habe.

Dowd war schon vor seinem Übertritt zum Bush-Camp ein bekannter Mann: Er war einer der herausragenden Strategen der Demokraten. Aber 1999 wechselte er die Seiten, weil er fand, dass Bush einen besonderen Ansatz hatte, Politik zu machen, der den Menschen außerordentlich nahe war. Er sei "geradezu verliebt" gewesen, sagte er der "NYT". Dowd stieg danach schnell auf, wurde 2004 sogar zum Wahlkampfleiter, als der Texaner sich seine zweite Amtszeit sicherte.

Doch heute ist von dieser Liebe nicht viel geblieben. Dowd wirft Bush vor, den Kontakt zu den Menschen in Amerika verloren zu haben. Diese wollten einen Abzug aus dem Irak, aber der Präsident ignoriere das.

Wieso wurde Rumsfeld nicht gefeuert?

Überhaupt, so Dowd, habe Bush weniger Führungsqualitäten als er sich erhofft hatte. Er zählt in der "NYT" gleich eine ganze Reihe von Fehlentscheidungen auf. So habe der Präsident nach dem Skandal um die Misshandlung von Irakern im US-Lager Abu Ghuraib im Irak "nicht aggressiv genug" dafür gesorgt, dass die Schuldigen bestraft wurden. Er sei außerdem geradezu entgeistert gewesen, dass Bush seinen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld in der Folge dieses Skandals nicht feuerte.

Aber auch Bushs Umgang mit den Folgen des Hurrikans "Katrina" 2005 und seine Weigerung, sich mit der Friedensaktivistin Cindy Sheehan zu treffen, deren Sohn im Irak fiel, verstand Dowd nicht.

Er habe allerdings sehr lange gebraucht, um Konsequenzen aus seiner Desillusionierung zu ziehen, so Dowd gegenüber der "NYT". "Wenn man sich so verliebt, und dann feststellt, dass doch nicht alles genau so ist, wie du dachtest, was machst du dann? Wie in einer Beziehungen sagt man sich doch dann: Nein, nein, nein, es wird alles wieder anders werden!"

Eine ganze Zeit lang behielt Dowd seine Zweifel für sich. Einmal wäre er fast schon an die Öffentlichkeit gegangen: Nach der Wahl 2004 verfasste er einen Debattentext mit der Überschrift "Kerry hatte Recht" - obwohl er in eben jenem Wahlkampf zu jenen gehört hatte, die im Auftrag von Bush die Glaubwürdigkeit seines Kontrahenten John Kerrys unterminiert hatte. Er war aber zu der Überzeugung gelangt, dass Kerrys Forderung, sich schnell aus dem Irak zurückzuziehen, richtig war. Dowd gibt zu, seine veränderte Einstellung habe auch damit zu tun, dass sein eigener Sohn derzeit im Irak stationiert ist. Den Debattentext ließ er jedenfalls wieder in der Schublade verschwinden.

"Ist das perfekt? Nein!"

Noch etwas später, sagt Dowd, sei er dann schon so desillusioniert von Bushs Politik gewesen, dass er mit dem Gedanken spielte, an Demonstrationen gegen den Irakkrieg teilzunehmen - nur seine persönliche Wertschätzung für Bush habe ihn von diesem Schritt abgehalten.

Jetzt aber, so der 45-Jährige, sei er zu dem Ergebnis gekommen, dass "alles zusammengerechnet wohl ein Bild ergibt: Es ist nicht mehr dasselbe, er ist nicht mehr die Person, für die ich ihn gehalten hatte."

Die "NYT" sprach auch mit zwei Weggefährten Dowds aus dem Bush-Orbit. Nicole Wallace, Presseverantwortliche des Wahlkampfes 2004, erklärte, sie könne verstehen, dass Dowd den Drang verspürte, sich öffentlich zu äußern. Dan Bartlett, ein Berater im Weißen Haus, sorgte sich allerdings sogleich um die möglichen Folgen der Dowd-Beichte: "Wissen wir, ob unsere Kritiker das zu ihrem Vorteil nutzen werden? Ja! Und ist das perfekt? Nein!"

yas



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