Riesige Militärübung in Weißrussland "Provokationen gegen ein drittes Land"

Moskau plant ein großes Manöver an der EU-Grenze. Hier spricht der weißrussische Sicherheitsexperte Andrei Paratnikau über Russlands Botschaft an den Westen, Truppenzahlen - und unangenehme Überraschungen.

Panzerfeuer bei Übung in Weißrussland (2013)
AP/ RIA-Novosti/ Kremlin

Panzerfeuer bei Übung in Weißrussland (2013)

Ein Interview von , Moskau


Russland spielt Krieg an der Ostgrenze der Nato. Nach 2013 wird der Kreml in diesem Jahr wieder eine große Militärübung in Weißrussland abhalten. Am Sapad-Manöver nehmen 13.000 Soldaten mit 700 Fahrzeugen, Booten und Fluggeräten teil. Russlands Vizeverteidigungsminister Alexander Fomin wies zuletzt den Vorwurf zurück, das Manöver diene als Sprungbrett für einen Einmarsch in Polen, Litauen oder der Ukraine. Es handle sich vielmehr um eine rein defensive Übung zusammen mit der weißrussischen Armee.

Im Interview spricht der weißrussische Sicherheitsexperte Andrei Paratnikau über die Risiken des Großmanövers - und den Symbolwert, den sich der Kreml verspricht.


Zur Person
  • privat
    Andrei Paratnikau, 1978 in Babrujsk geboren, weißrussischer Sicherheitsexperte und Leiter des Belarus Security Blog. Leistete seinen Militärdienst in Ermittlungsbehörden des Innenministeriums.
  • Belarus Security Blog

SPIEGEL ONLINE: Weißrussische Oppositionelle warnen davor, dass nach dem Militärmanöver Sapad, zu Deutsch Westen, im September russische Soldaten in Belarus bleiben könnten. Teilen Sie diese Angst?

Andrei Paratnikau: Im Moment weist nichts darauf hin. Eher befürchte ich, dass die russische Seite während des Manövers von weißrussischem Gebiet aus Provokationen gegen ein drittes Land starten könnte.

SPIEGEL ONLINE: Wen meinen Sie damit?

Paratnikau: Vor allem die Ukraine. Es wäre möglich, dass russische Militärflugzeuge den ukrainischen Luftraum verletzen.

SPIEGEL ONLINE: Was würde das bedeuten?

Paratnikau: Dieses Manöver beunruhigt die Regierung in Kiew stark. Ukrainische Luftabwehrkräfte werden den Befehl bekommen, während dieser Zeit jedes Flugzeug abzuschießen, das unerlaubt in den ukrainischen Luftraum eindringt. Sollten russische Maschinen von Belarus aus die Grenze passieren, würde das meiner Meinung nach im Süden in der Nähe der Hauptstadt Kiew geschehen. Die Ukraine könnte dann als Reaktion Luftabwehrraketen einsetzen, die aber wegen der unmittelbaren Nähe zur Grenze auch auf weißrussischem Gebiet einschlagen oder zumindest den weißrussischen Luftraum verletzen könnten.

SPIEGEL ONLINE: Welche Folgen hätte das?

Paratnikau: Russland könnte Minsk nahelegen, im Gegenzug russische Luftabwehrraketen vom Typ S-400 in Belarus zu stationieren, um den weißrussischen Luftraum zu schützen. Zwei russische Divisionen wären im Stande, von belarussischem Gebiet aus den Luftraum über der gesamten Nordukraine abzudecken.

SPIEGEL ONLINE: Das würde aber voraussetzen, dass Moskau eine neue Sicherheitskrise in der Region herbeiführen will. Wie wahrscheinlich ist das?

Paratnikau: Wenn wir die Lage pragmatisch analysieren, liegt die Wahrscheinlichkeit bei zwei Prozent. Nur gibt es dabei zwei Probleme: Erstens hat in Russland der Präsidentschaftswahlkampf begonnen, Staatschef Wladimir Putin fehlt es aber bisher an einem Wahlprogramm. Wir wissen ja, dass es in Russland die Tradition gibt, außenpolitische Krisen dafür zu nutzen, einflussreiche Machtgruppen und das Land hinter den Kreml zu vereinigen. Zweitens sind die neuesten Sanktionen der USA gegen Russland, Nordkorea und den Iran sehr schmerzhaft für Moskau, sie verlangen eine Reaktion. Eine mögliche Antwort Russlands wäre, dafür zu sorgen, dass es eine neue Krise in der Region gibt. Die USA haben mehreren Nachbarstaaten Sicherheitsgarantien gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Wäre ein neuer Konflikt wirklich im Sinne Putins? Der Einsatz im Syrienkrieg und die Unterstützung der prorussischen Kämpfer in der Ostukraine sind sehr kostenintensiv...

Paratnikau: Pragmatisch gesehen nein. Nur lassen sich russische Politiker sehr häufig von ideologischen Überlegungen leiten und nicht von der Vernunft. Deshalb bleiben leider zwei Prozent Risiko für unangenehme Überraschungen.

SPIEGEL ONLINE: Putin will schon lange einen Luftstützpunkt im Südosten in Babrujsk aufbauen. Präsident Alexander Lukaschenko verwehrt ihm das bisher. Wie lange kann er das noch? Schließlich ist Belarus wirtschaftlich angeschlagen und von Moskau abhängig.

Paratnikau: Im Moment ist das kein Thema. Putin geht es nicht so sehr um diesen Standort, sondern darum, seine Militärpräsenz auszuweiten. Er will zeigen, dass Belarus Teil der russischen Sphäre ist.

SPIEGEL ONLINE: 12.700 Soldaten nehmen laut Russland an dem Militärmanöver teil. Bei der Nato hält man das für unglaubwürdig, die Rede ist gar von bis zu 100.000 Soldaten. Was stimmt denn nun?

Paratnikau: Es kommt darauf an, wie und was man zählt. Erstens gibt es das Manöver Sapad 2017, Russland hat dafür tatsächlich 12.700 Soldaten angemeldet. Zweitens gibt es ein Manöver der russischen Fallschirmspringer in Russland, in Pskow und im Leningradsker Gebiet, es heißt auch Sapad. Laut russischen Angaben sind zwei Divisonen plus Kommando beteiligt, das sind bis zu 24.000 Mann. Und dann kommen in Russland von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer regionale Kampfübungen verschiedener Armeeeinheiten hinzu, da werden noch einmal bis zu 200.000 Mann alarmiert.

SPIEGEL ONLINE: Und das läuft alles parallel ab Mitte September ab?

Paratnikau: Ja. Beide Seiten - Russland und die Nato, versuchen, mit den Zahlen Stimmung und Politik zu machen. Schwierigkeiten sehe ich in der Übung auf russischem Gebiet. Sie sieht vor, dass Russland mit Fallschirmjägern angreift. Das Manöver in Belarus wird von ausländischen Beobachtern deshalb als Teil dieser russischen Angriffsvorbereitungen wahrgenommen, angeblich bereitet Russland einen großen Krieg in der Region vor, und Belarus ist dabei. Dabei geht es bei dem Manöver in Weißrussland vor allem um Verteidigung.

SPIEGEL ONLINE: Wie verhält sich Minsk?

Paratnikau: Weißrussland versucht, sich als zuverlässiger Partner zu präsentieren. Einerseits hält Belarus das Manöver mit Moskau ab, anderseits zeigt es Verständnis für die Befürchtungen der angrenzenden EU- und Nato-Länder. Das Land macht mehr Zugeständnisse, indem es ausländische Beobachter und Politiker informiert und seine Verpflichtungen übererfüllt.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Sorgen der baltischen Länder und Polens vor einer russischen Bedrohung denn unbegründet?

Paratnikau: Vieles hat nichts mit einer tatsächlichen Bedrohung durch Russland zu tun, vieles ist Spekulation.

SPIEGEL ONLINE: Moskau hat doch schon allein dadurch gewonnen, dass es Stärke an der Grenze zur EU und Nato demonstrieren kann.

Paratnikau: Moskau zeigt nicht nur Stärke, sondern den Willen, sie auch anzuwenden. Das belarussische Sicherheitssystem ist dabei Teil des russischen Apparats. Die Botschaft lautet: Wenn der Westen über die Sicherheit in Osteuropa sprechen will, dann nur mit Moskau und nicht mit Minsk. Russland bemüht sich darum, Minsk vom Westen zu isolieren, damit es sich nachgiebig zeigt - und das nicht nur militärisch, sondern in allen Bereichen.

Mitarbeit: Wladimir Schirokow



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