Weissrussland "Wir sind das Volk"

Polizeiterror, Armut, Perspektivlosigkeit: Nach sechs Jahren unter der Herrschaft des Präsidenten Alexander Lukaschenko in Weißrussland wächst der Volkszorn. Jetzt steht die Bevölkerung auf. Immer häufiger kommt es zu Großdemonstrationen gegen die Regierung.

Von Vladimir Essipov


Minsk - "Ich habe Angst, wenn ich abends nach Hause komme. Ich habe Angst, dass mein Telefon abgehört wird. Ich habe Angst, wenn meine Tochter bedroht wird." Die Frau schluchzt und wischt die Tränen aus dem Gesicht. "Ich habe Angst vor allem." Olga Zacharenkos Angst ist nicht unbegründet - vor einem Jahr ist ihr Mann Jurij, früherer Innenminister, spurlos verschwunden.

An dem Abend im Mai 1999 rief er noch von seinem Handy aus an: Er sei unterwegs vom Parkplatz nach Hause. Seitdem fehlt jede Spur. Zwar haben Passanten Hilfeschreie gehört und zwei wegrasende Autos gesehen, doch die Suche blieb erfolglos. Olga Zacharenko ist sich sicher, wer hinter der Tat steckt: "Lukaschenko hatte Angst vor meinem Mann," sagt sie. Denn er war sehr populär bei der Armee und der Polizei - die Angst des weißrussischen Despoten vor einem Militärputsch war zu groß.

Seit 1994 ist Alexander Lukaschenko der Präsident Weißrusslands, einst Vorzeigerepublik der Sowjetunion. Die Ergebnisse seiner Herrschaft sind mehr als zweifelhaft: gleichgeschaltete Medien, zerschlagene Opposition, wirtschaftliche Misere. Jeder siebte Weißrusse arbeitet heute bei der Polizei, Telefone werden abgehört, Regimekritiker werden observiert und zusammengeschlagen. Die Oppositionellen sprechen von einem Polizeistaat.

"Wir sind das Volk"
AP

"Wir sind das Volk"

Der Volkszorn wächst. Am vergangenen Mittwoch marschierten rund 40.000 Demonstranten durch die weißrussische Hauptstadt - mit der traditionellen Kundgebung am 26. April gedachten die Weißrussen der Opfer des Reaktorunglücks von Tschernobyl 1986. Dominiert wurde der Marsch aber von der aktuellen Lage: Die weißrussische Opposition nutzte die Gelegenheit, um wieder gegen die Politik des Präsidenten zu protestieren.

Unter dem Motto "Wir sind das Volk" zogen die aus dem ganzen Land angereisten Weißrussen durch die Hauptstadt der ehemaligen Sowjetrepublik, die am meisten unter den Folgen des Reaktorunglücks leidet. Zwei Drittel der radioaktiven Niederschläge gingen im Südosten und Osten des Landes nieder. Verseucht wurden dadurch rund 20 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen und 15 Prozent der Wälder. In den betroffenen Gebieten lebt heute fast jeder fünfte Weißrusse.

Die Regierung hat jedoch kein Geld, die Schäden zu beseitigen. In den verseuchten Regionen werden erneut Familien angesiedelt. Ein großer Teil der Bevölkerung ist völlig verarmt - viele Menschen haben kein Geld, um unverstrahlte Lebensmittel zu kaufen. Der Lebensstandard ist seit dem Amtsantritt Lukaschenkos dramatisch gesunken. Kaum ein Großunternehmen wagt Investitionen in dem Land, wo sämtliche Wirtschaftsaktivitäten unter strengster Kontrolle des Präsidenten stattfinden.

"Unsere Jugend sieht keine Perspektive für sich", sagt Igor Germentschuk, Chefredakteur der Monatszeitschrift "Kurier". "Viele junge Leute waren schon im Westen und auch in Moskau. Sie sehen, welche Vorteile die demokratische Freiheit bringt. Alle, die können, wollen auswandern", sagt Germentschuk.

Viele Möglichkeiten bietet der weißrussische Staat nicht. Genug Arbeit gibt es nur bei der Polizei. Verbissen kämpfen die Jugendlichen für mehr Lebensqualität - Straßenschlachten mit der Polizei sind an der Tagesordnung. Sie wollen nationale Unabhängigkeit und eine Orientierung nach Europa.

Wer zu populär wird in dem Land, riskiert sein Leben. Der verschwundene Ex-Innenminister Jurij Zacharenko ist kein Einzelfall. Im April 1999 starb unter mysteriösen Umständen Gennadij Karpenko, einer der aussichtsreichsten Kandidaten für den Präsidentenposten. Im Herbst letzen Jahres verschwand auch Wiktor Gontschar, wohl der bekannteste Anführer der Opposition. Hunderte Demonstranten wurden verprügelt, zu Geldstrafen und Haft verurteilt - für die Teilnahme an verbotenen Veranstaltungen der Oppositionellen.

Von der Demokratie ist das arme Land noch weit entfernt. Seine vorwiegend bäuerliche Bevölkerung informiert sich ausschließlich aus dem staatlichen Hörfunk und Fernsehen, Intellektuelle wandern scharenweise in die USA ab oder suchen politisches Asyl in neuen osteuropäischen Demokratien.

Nur Olga Zacharenko will nicht weg. Beim Protestmarsch in Minsk ging sie in den ersten Reihen, mit einem Portrait ihres Mannes in der Hand. "Früher war ich nie bei Demonstrationen. Jetzt gehe ich zu jedem Protestmarsch gegen Lukaschenko," sagt sie. Auch ein Jahr nach dem Verschwinden ihres Mannes hat sie die Hoffnung auf seine Rückkehr nicht verloren. "Ich bleibe in Minsk, solange ich keine Klarheit über meinen Mann habe."



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