Weisungen des neuen US-Kommandeurs Petraeus ruft zur tödlichen Hatz auf Taliban

"Rammt eure Zähne in ihr Fleisch und lasst nicht mehr los": Mit martialischen Worten schärft General Petraeus den Soldaten in Afghanistan Kampfeswillen ein. Der Krieg unter dem neuen Chef der Nato-Schutztruppe soll härter werden - inklusive harscher Methoden wie dem gezielten Töten von Taliban.
General Petraeus in Kabul (M., mit US-Botschafter und Soldaten): Tödliche Strategie

General Petraeus in Kabul (M., mit US-Botschafter und Soldaten): Tödliche Strategie

Foto: Sgt. Rebecca Linder/ AP

David Petraeus

Berlin/Kabul - Seit einem Monat ist er im Amt - jetzt wendet sich General mit einer Vier-Seiten-Order an die rund 120.000 Männer und Frauen der Nato-Schutztruppe für Afghanistan (Isaf). Die sogenannte Guidance wurde an diesem Sonntag verbreitet und ist eine Art Marschbefehl für die kommenden Monate.

Taliban

Petraeus ruft darin zum unerbittlichen Kampf gegen die auf und fordert mit martialischen Worten Kampfeswillen für die zweifelsohne schwierigsten Monate im achten Kriegsjahr ein. "Jagt den Feind ohne Unterlass", schreibt er, "rammt eure Zähne gemeinsam mit den afghanischen Partnern in ihr Fleisch und lasst nicht mehr los."

Afghanistan-Kriegs

Vier Seiten umfasst die Guidance (PDF siehe unten). Der Vier-Sterne-General lässt in ihr erstmals durchblicken, wie er sich die kommenden Monate des vorstellt - und dass er sich kaum von seinem Vorgänger Stanley McChrystal abhebt, der im Juni wegen abfälliger Bemerkungen zurückgetreten war. Petraeus und McChrystal gelten beide als Männer hinter der neuen US-Strategie für Afghanistan, die in diesem Jahr implementiert wurde und die Präsident Barack Obama im Dezember einer Bilanz unterziehen will. Krasse Änderungen der großen Linien wurden daher nicht erwartet.

Isaf

Tatsächlich beginnen Petraeus' Richtlinien wie bei McChrystal mit der Mahnung, die -Truppen seien zum Schutz der Bevölkerung in Afghanistan. "Die Menschen sind das wichtigste Feld", schreibt Petraeus. "Nur wenn wir ihnen Sicherheit bringen und uns ihr Vertrauen erarbeiten, können die afghanische Regierung und wir gewinnen." Folglich sollten die Soldaten immer nah bei den Menschen wohnen, ihre Patrouillen zu Fuß statt im Panzerwagen durchführen, den Tod von Zivilisten vermeiden.

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Darüber hinaus enthält die Weisung Hinweise darauf, dass die US-Truppen ihr harsches Vorgehen gegen die Taliban nicht nur fortsetzen, sondern noch verschärfen wollen. Offenbar plant Petraeus, vor allem die gezielten Tötungen von prominenten Taliban und Qaida-Kämpfern auszuweiten.

So werden die größtenteils geheim agierenden Spezialkräfte schon in der Einleitung des Textes erwähnt. Später heißt es: "Sucht den Feind und eliminiert ihn. Nehmt das ganze Netzwerk ins Visier, nicht nur Einzelne." Deutlicher kann man das aggressive Vorgehen der Jäger nicht beschreiben. Die abgeschirmten Sondertrupps der diversen US-Einheiten, sogenannte Task Forces, töten seit Monaten Taliban-Kommandeure im ganzen Land. Es sind Einsätze nach Wildwestmanier, ohne Beweise, ohne Richter und ohne Urteil. Früher wurde über sie geschwiegen, heute meldet sogar das Kabuler Hauptquartier immer wieder gezielte Luftangriffe - sogar wenn es nur Drohnen sind, die Autos mit Gesuchten beschießen.

Die gezielten Tötungen, sogenannte Kill-Missionen, sind mit offensichtlicher Rückendeckung durch die US-Regierung ausgeweitet worden. Die "New York Times" berichtet an diesem Sonntag, die militärische und politische Spitze sehe in ihnen den einzigen Weg, um die Taliban in die Knie zu zwingen. Man habe registriert, dass die Führungsebene der Aufständischen wegen des Verfolgungsdrucks durchaus geschwächt sei. Es gehe darum, den Taliban Angst vor einem Aufstieg in den eigenen Hierarchien zu machen, weil sie ab einer bestimmten Ranghöhe zu Zielen würden. Dem Bericht zufolge hoffen die Strategen in Washington, dass durch eine solche Strategie am Ende Verhandlungen mit den Taliban erleichtert oder überhaupt erst ermöglicht würden.

Wie steht die deutsche Regierung zur gezielten Tötung?

Für Deutschland und andere Isaf-Nationen könnten die Kill-Missionen noch Probleme bringen. So jagt seit Herbst 2009 eine US-Spezialeinheit auch im deutschen Nordsektor Taliban. Die Task Force 373, die mittlerweile unter dem Namen 3-10 agiert, hat schon Dutzende Verdächtige getötet - doch noch immer ringt die Bundesregierung darum, wie sie mit ihren Einsätzen umgehen soll. Sowohl Kanzlerin Angela Merkel als auch Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg schweigen zur . Guttenberg weiß zwar, dass die Bundeswehr ohne den Beistand der Eliteeinheiten gegen die Taliban kaum noch bestehen kann. Doch öffentlich loben will er die gezielten Tötungen nicht, dafür ist das Thema in der Öffentlichkeit zu heiß.

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Gefechtszone Afghanistan: Bilder eines Krieges

Foto: GORAN TOMASEVIC/ REUTERS

Die Frage ist, ob die Regierung noch lange auf dieser Position beharren kann. Spätestens durch die WikiLeaks-Enthüllung von weitgehend geheimen Militärdokumenten und durch SPIEGEL-Recherchen ist klar, wie die Task Force im deutschen Gebiet agiert. Die Opposition erwägt, Guttenberg schon in der kommenden Woche für eine Sonderunterrichtung der Verteidigungspolitiker des Bundestags nach Berlin zu zwingen. Es soll vor allem darum gehen, welche Taliban Deutschland auf die Fahndungsliste der Isaf geschrieben hat und was mit ihnen passiert ist (mehr dazu...).

Dass die Taliban allerdings nicht die einzigen Probleme der Isaf in Afghanistan sind - auch das hat Petraeus in seiner Order klargemacht. In ihr findet sich als neuer Ansatz auch die offene Aufforderung, Informationen über korrupte Politiker und Regierungsmitglieder weiterzugeben. Der US-General zitiert dabei die Ankündigungen des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai, der auf einer internationalen Konferenz in Kabul kürzlich versprach, er werde sich der Bekämpfung der Vetternwirtschaft voll verschreiben. Intern hat Petraeus inzwischen die Anti-Korruptions-Abteilung noch einmal verstärkt. Sie soll Beweise liefern und so Prozesse gegen bestechliche Würdenträger ermöglichen.

Wie Petraeus' Weisung bei seinen Männern und Frauen ankommt, ist schwer abzusehen. Nie zuvor sind in den vergangenen neun Kriegsjahren mehr Isaf-Soldaten gefallen als im Juni und Juli, insgesamt fast 200. Politisch wird der Konflikt zusehends zum Alptraum für Obama - er wird dieses Problem nicht mehr loswerden. Er hat diesen Krieg schließlich zu seinem Krieg erklärt.

Obama: Unsere Ziele sind erreichbar

Am Sonntag verteidigte er den Einsatz der US-Armee. Die gesteckten Ziele seien "bescheiden" und könnten verwirklicht werden, sagte er dem Fernsehsender CBS. "Was wir tun wollen ist schwierig, sehr schwierig, aber unser Ziel ist bescheiden", sagte Obama. Es gehe nicht darum, Afghanistan in eine perfekt funktionierende Demokratie nach westlichem Vorbild zu verwandeln. Vielmehr solle verhindert werden, dass Terroristen von der Region aus agieren, Trainingslager aufbauen und Anschläge gegen die USA planen könnten. "Das kann uns gelingen", sagte er. "Wir können Afghanistan ausreichend stabilisieren." Obama versicherte, er würde die US-Soldaten sofort aus dem Land abziehen, wenn er den Einsatz nicht für unerlässlich für die Sicherheit der USA halte: "Ich muss die Briefe an die Angehörigen unterschreiben, die einen von ihnen geliebten Mensch verloren haben."

mit Material von AFP
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