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28. Februar 2017, 13:57 Uhr

Als Journalist in der Türkei

Einschüchterung mit System

Ein Kommentar von

"Welt"-Korrespondent Deniz Yücel sitzt in U-Haft, der absurde Vorwurf: "Terrorpropaganda". Für Hasnain Kazim, der die Türkei vor rund einem Jahr verlassen musste, reicht stiller Protest nun nicht mehr.

Jetzt ist also passiert, was wir Korrespondenten, die mit der Türkei zu tun haben, schon lange befürchtet haben: Mit Deniz Yücel sitzt einer von uns im Gefängnis. Der Vorwurf: "Propaganda für eine terroristische Vereinigung" und "Aufwiegelung der Bevölkerung".

Es ist ein Schicksal, das türkische Journalisten, aber auch Blogger, Künstler, kurz: alle Kritiker zur Genüge kennen. Die Einschüchterungen und Drohungen haben System. Zum ersten Mal trifft es jetzt einen deutschen Kollegen, einen Freund.

Wie absurd dieser Vorwurf ist, habe ich selbst erlebt, bevor ich im vergangenen März, vor bald einem Jahr, die Türkei verlassen musste, weil meine Akkreditierung nicht verlängert wurde. Sicher, mein Fall ist nicht mit dem von Deniz Yücel zu vergleichen. Ich saß nicht in Gewahrsam oder in der Untersuchungshaft. Bei mir war es weniger kompliziert, zumal ich eben nicht die türkische Staatsbürgerschaft habe. Und doch gibt es Ähnlichkeiten.

Viele von rund 30 deutschen Korrespondenten warteten damals auf ihre Pressekarte, und nur nachdem Bundeskanzlerin Angela Merkel das Thema mit dem damaligen türkischen Premierminister Ahmet Davutoglu angesprochen hatte, bekamen nach und nach die Kollegen ihre Papiere.

Bis auf drei. Ich war darunter. Deniz Yücel war auch einer von denen, die sie nicht bekamen.

Ein türkischer Kollege sagte mir: "Klar, dass du sie nicht kriegst. Bei dir denken sie: Du bist ja kein richtiger Deutscher, für dich werden die Deutschen nicht kämpfen." Ein anderer sagte zugespitzt: "Wir Türken sind die größten Rassisten der Welt. Weiße Journalisten ärgern wir höchstens ein bisschen, nichtweißen machen wir das Leben zur Hölle und türkische werfen wir gleich in den Knast."

Die Bundesregierung setzte sich sehr wohl für uns alle ein, wenn auch leise, diplomatisch. Nur: Es nützte nichts.

Es drohte eine Ausreisesperre oder gar Haft

Meine Familie und ich wollten die Angelegenheit aussitzen und bleiben, obwohl wir ohne meine Presseakkreditierung auch keine Aufenthaltsgenehmigung mehr hatten. Dann aber wurde mir von Staatsanwälten, die Präsident Recep Tayyip Erdogan kritisch gegenüberstanden, zugetragen, dass ich riskiere, wegen "Unterstützung einer Terrororganisation" und wegen "Terrorpropaganda" angeklagt zu werden - und dass sie mir rieten, das Land zu verlassen.

Ich wollte das nicht, denn ich empfand das als Einknicken vor dem autoritären Regime Erdogans. Und die Vorwürfe waren, wie im Fall Yücel, schlicht unsinnig. Die Staatsanwälte warnten mich dennoch vor den Konsequenzen: ein Prozess, während dem ich das Land nicht mehr verlassen könnte, weil eine Ausreisesperre verhängt werde, womöglich Haft.

Gemeinsam mit meiner Redaktion entschieden wir schließlich, dass ich mit meiner Familie das Land doch verlasse.


Im Video: Deniz Yücel muss in U-Haft

Ich habe die Türkei seither nicht mehr besucht. Mir raten nicht nur jene Staatsanwälte, sondern auch mehrere westliche Diplomaten davon ab, in die Türkei zu reisen. Ich solle nicht einmal in Istanbul zwischenlanden, wenn ich in ein drittes Land reise, denn die Wahrscheinlichkeit, dass man mich herausgreife, sei "in der jetzigen Lage nicht klein", wie es einer formulierte.

Wir reden hier von unserem Nato-Partner Türkei. Von einem Land, das Mitglied der EU werden will.

Was genau war der Vorwurf gegen mich? Ich hatte PKK-Kämpfer im Südosten der Türkei getroffen. Ich hatte mit ihnen gesprochen, sie begleitet, versucht, ihre Sicht der Dinge zu verstehen. So ist das mit Journalisten: Wir sprechen mit allen Seiten. Ich habe mich auch mit Taliban, Al-Qaida-Leuten und IS-Anhängern getroffen, ohne mir ihre Sicht zu eigen zu machen.

Um ausgewogen berichten zu können, fragte ich mehrmals beim türkischen Verteidigungsministerium an, auch Soldaten begleiten zu können, die gegen die PKK kämpfen. Denn natürlich wollte ich auch ihre Sicht und die des türkischen Staates verstehen. Darauf bekam ich keine Antwort. Offensichtlich erwartet man von uns Journalisten, dass wir einfach nur wiederzugeben haben, was die Regierenden sagen. Nicht hinterfragen, nicht kritisieren. Solche Sprachrohrtätigkeit hält die türkische Regierung für Journalismus.

Skandalöser Tiefpunkt für Ankara

Die Untersuchungshaft für Deniz Yücel markiert einen Tiefpunkt der türkischen Regierung im Umgang mit Auslandskorrespondenten. Er hat seine Arbeit als Journalist getan, er hat unabhängig, frei und mit Sorge über die Entwicklung des Landes berichtet - und selbstverständlich kritisch. Wie denn sonst? Vom Staat Türkei wird er nun behandelt wie ein Verbrecher. Das ist skandalös.

Viele fragen, was man denn jetzt tun könne. Wichtiger denn je ist es zu kritisieren. Das muss präzise und klug geschehen, zum Beispiel, wenn man argumentiert, warum Erdogan nicht in Deutschland auftreten und für sein Präsidialsystem werben darf. Wir dürfen nicht mit den gleichen undemokratischen Argumenten kommen wie die Autokraten. Wir müssen deutlich machen, dass unsere Solidarität mit Deniz Yücel und allen anderen inhaftierten Journalisten und Kritikern nicht nachlassen wird.

Und die Bundesregierung muss endlich den Druck auf die Türkei erhöhen, auch mit wirtschaftlichen und politischen Konsequenzen drohen - und die Drohung nötigenfalls wahrmachen. Eine andere Sprache versteht Erdogan nicht.

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