Weltfinanzgipfel Londons Banker zittern vor G-20-Protest

40 Delegationen, 5000 Polizisten und Tausende Demonstranten: Der G-20-Gipfel in der kommenden Woche wird London lahmlegen. Bankern wird geraten, ohne Schlips zur Arbeit zu gehen, um die Gipfelgegner nicht zu provozieren. Zur Börse werden sie sowieso nicht durchkommen.


London - Marina Pepper ist gerade von einem Obdachlosen in der Bahnhofsgegend der Liverpool Street um ein Pfund angebettelt worden. Sie kramt in ihrer Handtasche und reicht ihm ein Bündel 20-Pfund-Scheine. "Hier, die kannst du verteilen", sagt sie. Der Obdachlose starrt verständnislos auf die Scheine und weiß nicht, ob er das gut oder schlecht finden soll.

Flyer zum Protest gegen den G-20-Gipfel: "Party in der City"
AFP

Flyer zum Protest gegen den G-20-Gipfel: "Party in der City"

Auf dem Falschgeld steht "G20 Meltdown". Es sind Flyer für eine "Party in der City". Pepper nimmt dem Obdachlosen das Versprechen ab, dass er am nächsten Mittwoch kommt und möglichst viele Kumpels mitbringt. Einem zweiten Obdachlosen widerfährt wenige Meter weiter das gleiche Schicksal.

Die 41-jährige Pepper ist eine der Strippenzieherinnen des "G20 Meltdown", jener Protestkoalition gegen den Londoner Finanzgipfel, die selbst Scotland Yard einigen Respekt abnötigt. "Sie haben sehr clevere Leute, und sie wollen die City lahmlegen", warnte der zuständige Polizeikommandeur Bob Broadhurst vergangene Woche. "Sie sind innovativ. Wir müssen auch innovativ sein".

Pepper lacht, wenn sie an die besorgten Ordnungshüter denkt. Die Aussicht auf das Katz-und-Maus-Spiel quer durch die Millionenmetropole versetzt sie in Hochstimmung. "Es ist alles eine Frage der Zahlen", sagt sie. 5000 Polizisten sind im Einsatz, viele davon in Kampfausrüstung. Es ist die größte Polizeioperation seit mehr als zehn Jahren. Doch es gibt Zweifel, ob die Zahl ausreicht. Denn die Beamten müssen 22 Regierungschefs schützen, darunter einen US-Präsidenten, 40 Konvois quer durch London lotsen, Dutzende Botschaften und Hotels bewachen, ein Konferenzzentrum abriegeln und obendrein die Banken des Finanzdistrikts gegen die Autonomen verteidigen.

Polizeimission mit ungewissem Ausgang

Es ist eine Mission mit ungewissem Ausgang. Niemand weiß, wie viele Aktivisten überhaupt kommen werden. Schätzungen gehen von 3000 aus. Das ist nicht viel, doch sie sind dank Twitter und SMS gefährlich mobil. Seit Wochen diskutieren die Demonstranten mögliche Orte für ihre Aktionen in Internet-Foren und lassen Namen in die Öffentlichkeit durchsickern. Etliche sollen bloß der Ablenkung dienen, um die Sicherheitskräfte auseinanderzuziehen.

Der G-20-Gipfel findet am 2. April im Excel-Konferenzzentrum in den Docklands im Osten Londons statt. Die erste Gegendemo läuft bereits diesen Samstag: Über hundert NGOs und Gewerkschaften haben zum Marsch aufgerufen. Die Kreativen kommen dann am 1. April zum Zug: Um 11 Uhr sollen vier Karnevalszüge von vier U-Bahn-Stationen im Finanzdistrikt starten und sich kreuzförmig auf die Bank von England zu bewegen. Dort ist ein "Bankett vor der Bank" geplant. "Es wird sehr lustig, sehr englisch", verspricht Pepper. Sie selbst wird einen alten Kupferkessel zu dem Picknick mitschleppen. "Im Notfall macht der Engländer Tee", erklärt sie.

Klima-Aktivisten, die sonst gegen den Ausbau der Londoner Flughäfen protestieren, wollen ein 24-Stunden-Zeltlager vor der Emissionshandelbörse bei der Liverpool Street aufbauen. Parallel wird vor dem Excel-Zentrum ein großer Eisberg aufgestellt, der langsam vor sich hin schmelzen soll.

Auch vor der Zentrale der Royal Bank of Scotland, die die britischen Steuerzahler bislang das meiste Geld gekostet hat, soll eine Demonstration stattfinden. Ein anderer Zug zielt auf die US-Botschaft. In der University of East London nahe des Konferenzzentrums halten G-20-Kritiker einen Alternativgipfel ab. Am 2. April dann wollen Demonstranten vor das Excel-Zentrum ziehen, wobei sie nicht allzu nah heran gelassen werden.



insgesamt 594 Beiträge
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Seite 1
Rainer Eichberg 23.03.2009
1.
"Wo Schatten ist, da ist auch Licht" Selbstverständlich wird die Krise Gewinner hervorbringen. Viele Menschen haben gemerkt, daß sie sich von anderen abhängig gemacht haben. Stichwort: Hohe Energiekosten. Wer kann, wird tunlichst versuchen, weitere Abhängigkeiten zu minimieren, wenn es um den Bau eines Eigenheimes geht: Erdwärme, Sonnenenergie usw. boomen doch jetzt schon.
auriculum 23.03.2009
2.
Zitat von sysopWeltweit kämpfen Banken und Unternehmen mit den Folgen des Finanzmarktbebens: Doch junge Firmen mit innovativen Produkten stemmen sich gegen den Abschwung. Können diese Firmen als Gewinner aus der Weltwirtschaftskrise hervorgehen?
Jede Krise hat auch ihre Gewinner, seien es die "Kriegsgewinnler" oder eben innovative Firmen. Jede Krise zwingt auch immer zum Umdenken, so geschehen z.B. beim Wandel unserer Gesellschaft in eine Dienstleistungsgesellschaft.
knut beck 23.03.2009
3.
Zitat von Rainer Eichberg"Wo Schatten ist, da ist auch Licht" Selbstverständlich wird die Krise Gewinner hervorbringen. Viele Menschen haben gemerkt, daß sie sich von anderen abhängig gemacht haben. Stichwort: Hohe Energiekosten. Wer kann, wird tunlichst versuchen, weitere Abhängigkeiten zu minimieren, wenn es um den Bau eines Eigenheimes geht: Erdwärme, Sonnenenergie usw. boomen doch jetzt schon.
"Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch." Ich denke, viele Menschen - und täglich werden es mehr - begreifen die Krise auch als eine Chance für einen grundlegenden politischen Neuanfang mit der SPD am 27. September.
AchimT 23.03.2009
4. Bloß wo führt die Krise noch hin?
Zitat von Rainer Eichberg"Wo Schatten ist, da ist auch Licht" Selbstverständlich wird die Krise Gewinner hervorbringen. Viele Menschen haben gemerkt, daß sie sich von anderen abhängig gemacht haben. Stichwort: Hohe Energiekosten. Wer kann, wird tunlichst versuchen, weitere Abhängigkeiten zu minimieren, wenn es um den Bau eines Eigenheimes geht: Erdwärme, Sonnenenergie usw. boomen doch jetzt schon.
Ich sehe das so ähnlich wie Sie. Und ich muss (kann) gestehen, dass ich bis jetzt persönlich von der Krise noch nichts gespürt habe. Rente + Betriebspension kommen wie gewohnt, Haus ist bezahlt, alles bestens also. Energiemäßig hinke ich noch etwas hinter her, heize z.B. mit Öl, aber das ist im Moment auch nicht so schlecht, und beim Strom konnte ich durch Einhaltung einiger strikter Maßnahmen den Verbrauch drastisch reduzieren. Auch hier also alles bestens eigentlich. Was mir zu denken gibt, ist die Geldmenge, die z.B. die Amerikaner derzeit in den Markt werfen. Hierdurch könnte eine massive Inflation ausgelöst werden, die, wenn sie Ausmaße wie Anfang der 20er Jahre letzten Jh. in Deutschland annehmen sollte, alles in der Welt zum Einsturz bringen würde. Und dann wäre nichts mehr bestens und niemand würde gestärkt aus der Krise kommen. Das macht mir Angst.
Andreas Heil, 23.03.2009
5.
Zitat von knut beck"Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch." Ich denke, viele Menschen - und täglich werden es mehr - begreifen die Krise auch als eine Chance für einen grundlegenden politischen Neuanfang mit der SPD am 27. September.
Schwer vorstellbar, wie eine Resozialisierung in der Regierung ausgerechnet in der Spezialdemokratie vonstatten gehen soll. Aber vielleicht ist eine Läuterung als marginalisierter Juniorpartner ja möglich, wenn die Partei ihre Führungsriege weitesgehend entsorgt. Zumindest ist eine linke Regierung ohne die SPD im September ja noch nicht vorstellbar, aber andere Demokratien oder auch schon einzelne einstellige Ergebnisse für die SPD zeigen ja wo's ansonsten hingeht.
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