TV-Wahlkampf in den USA Jetzt wird es richtig schmutzig

Noch nie haben die US-Parteien so viel Geld für TV-Wahlspots ausgegeben. Die meisten davon sind wüste Verleumdungen. Am schlimmsten geht es in den von Obama und Romney umkämpften Swing States zu - dort haben die Fernsehzuschauer keine Chance, den aggressiven Clips zu entkommen.
Anti-Romney-Video (Standbild): Aggressive Clip-Kampagne in den Swing States

Anti-Romney-Video (Standbild): Aggressive Clip-Kampagne in den Swing States

Foto: prioritiesusaaction.org

Im US-Wahlkampf unterwegs zu sein, bringt viele Freuden. Budget-Hotels, deren muffige Zimmer stets gleich aussehen, in Iowa wie in Florida. Steife Bettlaken. Drive-Thru-Fast-Food. Die überall identische, akzentfreie Stimme der Lady im Mietwagen-Navi, ich nenne sie Doris.

Jetzt, im Endspurt, kommt in den Swing States noch ein Vergnügen dazu, das man anderswo zum Glück nicht genießen kann: flächendeckende Beschallung durch Wahlwerbung. Dagegen ist das von den Republikanern längst aufgegebene New York eine Oase des Friedens. Doch Ohio, Virginia, Florida? Noch nie haben sie hier so viele Fernsehspots geschaltet. Und noch nie waren die Beiträge so verleumderisch.

Die Wahl geht in die entscheidende Phase. Nichts ist den Rivalen mehr heilig. Vor allem nicht das Seelenheil des Zuschauers.

Zu beobachten ist das zum Beispiel von 19 bis 20 Uhr auf WPEC-TV, der CBS-Tochter in Boca Raton, Florida, wo ich die Nacht verbringe. Hier swingt der Swing State wirklich: Mal schickt dieser reiche Bezirk einen Demokraten in den US-Kongress, mal einen Republikaner. Und so wird die vorabendliche Nachrichtenstunde zum Hauptschlachtfeld.

In meinem Hotelzimmer unterziehe ich mich einem spontanen Versuch. Allein in der einen Stunde unterbrechen 23 Werbespots die deprimierenden Lokalnachrichten (obdachloser Einbrecher, Autounfall auf der I-95, Fashion-Gala des Kunstmuseums). 22 Spots sind Polit-Propaganda, dazwischen verliert sich ein einsamer Clip für einen Autobauer. Die meisten Filmchen dauern 30 Sekunden, einige 60. Alle paar Minuten stoppt das News-Programm, dann gibt es Wahlkampf auf unterstem Niveau:

"Mitt Romney hat mehr als 100 Millionen Dollar kassiert, indem er unsere Fabrik zerstörte!"

"Amerika ist kein globaler Führer mehr!"

"Senatorin Ellyn Bogdanoff beutet Floridas Senioren aus!"

Am aktivsten sind Mitt Romney und die hiesigen Republikaner: 13 Spots gehen auf ihr Konto - vier direkte Attacken auf Präsident Barack Obama, acht auf andere Demokraten und ein einziger positiver Spot im Namen eines Senatskandidaten. Dagegen kommen Obama und die Demokraten kaum an, mit je drei Attacken auf Romney und diverse andere Republikaner. Plus zwei positive Spots, immerhin, für einen Senatskandidaten.

Und dann gibt es da noch einen Spot gegen eine Volksbefragung, bei der es wohl um Steuerkürzungen geht. Wobei ich nicht verstanden habe, wer gegen was ist und warum die "Snowbirds", die Wintergäste, so böse sind.

Der Staat der Hurrikane ist das Auge eines Propagandasturms. Landesweit haben die Kandidaten und ihre Truppen dafür nach Berechnung der Campaign Media Analysis Group bisher 665 Millionen Dollar ausgegeben - 348 Millionen Dollar im Namen Romneys, 314 Millionen Dollar im Namen Obamas.

Die meisten Spots sind "negative" Attacken, 85 Prozent bei den Demokraten, 91 Prozent bei den Republikanern. Die Werbung konzentriert sich fast ausschließlich auf die wenigen Swing States. Dritter Platz auf der Hitliste der US-Wahlwerber: Virginia. Zweiter Platz: Ohio. Sieger: Florida - bisher 133 Millionen Dollar.

Das spüre ich in Boca. Fast jeder Spot ist eine bitterböse Attacke, mit bebenden Sprechern, Gruselmusik und Schwarz-Weiß-Bildern wie im Horrorfilm. Die schlimmsten kommen von den Super-PACs - unregulierte, von Milliardären finanzierte Lobbygruppen. Die offiziellen Spots der Kandidaten selbst sind dagegen fast zahm.

Etwa dieser Spot aus der Werbeschmiede von Obama: Der Präsident sitzt in einem Coffeeshop - als sitze er da immer - und schwört den Rentnern (hallo Florida!), ihre Gelder niemals anzutasten. Und Romney? "Senioren könnten 6000 Dollar im Jahr mehr zahlen", droht ein Sprecher düster.

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Viel schärfer attackiert der demokratische Super-PAC "Priorities Action USA" mit einem berüchtigten Anti-Romney-Spot: Der porträtiert den Republikaner als eiskalten Firmenkiller.

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Romney teilt noch härter aus. "Wenn Barack Obama wiedergewählt wird, wie werden dann die nächsten vier Jahre?" Die Antwort ist eine Weltuntergangsvision: 20 Billionen (!) Dollar Staatsschulden, 20 Millionen Amerikaner ohne Krankenkasse, 4000 Dollar mehr Steuern, höhere Spritpreise, 716 Milliarden Dollar in Sozialkürzungen zu Lasten der Rentner (hallo Florida!). Dass jeder einzelne Punkt davon längst widerlegt ist - wen stört das?

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Am boshaftesten sind die Spots ortsansässiger Kandidaten. Die Demokratin Maria Sachs, die in Floridas Senat will, muss sich in einem Spot der Republikaner Limousinen-Trips "auf Kosten der Steuerzahler" vorhalten lassen. Sie habe die Quittungen "verloren", höhnt der Sprecher: "Jetzt wird ermittelt." Auch das ist unwahr.

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Die Demokraten schlagen zurück, gegen Sachs' Rivalin Ellyn Bogdanoff: Die habe "Tausende" Dollar der Altersheim-Industrie eingesackt, "auf Kosten der ältesten und verwundbarsten und gebrechlichsten Bürger Floridas". Schon wieder die Senioren. Schon wieder eine Verzerrung.

Beide Spots - der gegen Sachs und der gegen Bogdanoff - laufen in einer Stunde je dreimal.

Auch der Tea-Party-Abgeordnete Allen West steht im Sperrfeuer: Er habe - so die Botschaft in zwei Spots - einem behinderten Jungen den Rücken gekehrt, der seine Hilfe erbeten habe.

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West - der das dementiert - revanchiert sich mit einem Spot gegen seinen Rivalen Patrick Murphy: Der wolle 716 Milliarden Dollar aus der Krankenkasse für Senioren (hallo Florida!) kürzen. Auch das ist bekanntlich widerlegt.

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Irgendwann fließt alles ineinander, zu einem einzigen Armageddon, wo Politiker Omas ausrauben, Wähler abzocken und die Nation ruinieren. Der Sprecher scheint stets derselbe, seine sonore Stimme verfolgt mich bis in meine Alpträume. Was in den Nachrichten passiert ist, habe ich jedoch längst vergessen.

Die Leute hier machen das jeden Tag mit. Wenn ich Amerikaner wäre und wählen dürfte, bliebe da nur eine Konsequenz: keinen wählen.

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