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West Wing Das Ende der Globalisierung?

In den USA bahnt sich ein historischer Richtungswechsel in der Wirtschaftspolitik an: Der Freihandelsgedanke, Grundlage der heutigen Globalisierung, überzeugt nur noch eine Minderheit. An der Spitze der Skeptiker marschieren die Präsidentschaftsbewerber Hillary Clinton und Mike Huckabee.
Von Gabor Steingart

Washington - Große Politik beginnt meist winzig klein. In ihrem Embryonalzustand ist sie oft nichts anders als ein Zweifel, der im Innern eines Politikerherzens keimt. So brachte die Skepsis gegenüber der Konfrontationspolitik des Kalten Krieges schließlich die Entspannungspolitik hervor.

Auch das heutige China verdankt seine Existenz einem Zweifel. Der KP-Führer Deng Xiaoping glaubte nicht mehr daran, dass mit Mao und Marx ein Staat zu machen sei. Selbst die britischen Siedler in der neuen Welt wären noch heute Briten, wenn in ihnen nicht Zweifel an der Gewogenheit des Mutterlandes gekommen wären. Aus Zweifel wurde Zorn, aus Zorn schließlich Krieg, bis am Ende das heutige Amerika geboren war.

Im US-Wahlkampf ist derzeit wieder ein Zweifel zu besichtigen, der sich als geschichtsmächtig erweisen könnte. Die demokratische Präsidentschaftsbewerberin Hillary Clinton hat sich von der Freihandelstheorie losgesagt, die seit Ende des Zweiten Weltkrieges Amerikas Weltsicht prägt. Der Warenaustausch zwischen den Nationen steigert demnach automatisch den Wohlstand aller; jeder Handel sei besser als kein Handel. Alle amerikanischen Präsidenten seit Harry S. Truman setzten einen Großteil ihrer Arbeitszeit ein, um Zollmauern und Handelsbeschränkungen zu beseitigen.

Clinton sagt sich vom Erbe ihrer Vorfahren los

Ohne Übertreibung lässt sich sagen: Dem Freihandel verdankt die heutige Globalisierung ihr Gesicht. In den grundlegenden Fragen der Wirtschaftspolitik herrschte ein Allparteienkonsens. Zuletzt war es Präsident Bill Clinton, der Mexiko, Kanada und die USA im Nordamerikanischen Freihandelsabkommen zusammenschweißte.

Hillary Clinton sagt sich jetzt vom Erbe ihrer Vorfahren los, auch von dem ihres Gatten. Sie glaubt nicht mehr daran, dass der Handel mit anderen Nationen automatisch Vorteile für ihr Land bringt. Die alte Theorie stimme nicht mehr, sagte sie jetzt der "Financial Times". Als Präsidentin wolle sie die laufende Welthandelsrunde, die einst in Doha gestartet wurde, nicht mehr zu Ende führen. Eine Handelspolitik, die da weitermache, wo Bush ende, komme für sie nicht in Betracht: "That is not an option."

Ausweislich aller verfügbaren Umfragen ist ihr Zweifel in beiden politischen Lagern mehrheitsfähig. Die tiefrote Handelsbilanz der einst größten Exportnation unter der Sonne hat Spuren in der Psyche der Bevölkerung hinterlassen. Das neuzeitliche Amerika exportiert vor allem eines – die gut bezahlten Jobs seiner Mittelklasse. Was mit Fabrikarbeitern begann und sich bei Software-Ingenieuren fortsetzt, wird als nächstes Investmentbanker und Pharma-Forscher betreffen, sagt Alan Blinder, Professor in Princeton, einst Vizepräsident der US-Notenbank. Bis zu 40 Millionen amerikanische Jobs – das Doppelte der heutigen US-Industriearbeiterschaft – stünden demnach zur Verlagerung an.

2001, als Blinder noch fest im Glauben war, klang er so: "So wie 99 Prozent aller Ökonomen seit den Tagen von Adam Smith bin ich ein Freihändler vom Kopf bis zu den Füßen." Wenn wir den Sinneswandel von Blinder und Hillary Clinton zurückverfolgen, landen wir in einem der oberen Stockwerke des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge. Dort findet sich ein langer Gang mit allen nur denkbaren Ökonomen der vergangenen Jahrhunderte an der Wand. Adam Smith, David Ricardo, Karl Marx. Irgendwann biegt der Gang ab zu einem Büro, wo ein über 90-Jähriger mit Fliege um den Hals sitzt – und Sushi isst. Professor Paul A. Samuelson hat schon die Präsidenten Eisenhower und Kennedy beraten. Für seine Theorien bekam er 1970 den Nobelpreis. Sein Lehrbuch ist die Pflichtlektüre aller Studenten der Volkswirtschaft.

Die Gefahr eines ökonomischen Tsunamis

Samuelson liest Ex- und Importstatistiken mit der gleichen Anteilnahme wie unsereins den Wetterbericht. Er schaut auf die Satellitenbilder der Volkswirtschaft und versucht die Wirbelsturm vom Hurrikan zu unterscheiden. Er meldet seit längerem schon, dass da ein ökonomischer Tsunami unterwegs ist. Eine Druckwelle, die sich unter Wasser gebildet hat. Mit jedem Tag gewinne sie an Kraft. Wenn wir erst die haushohen Wellen am Strand sehen, wird es zu spät sein. Die Wucht des Tsunami wird vieles zerstören, sagt er, auch die Reste der amerikanischen Industrie. Übrig bleibe, im besten Falle, "eine amerikanische Bürowirtschaft".

Ist die Globalisierung dann Ihrer Meinung nach ein Nullsummenspiel, bei dem der eine gewinnt und der andere verliert? fragte ich Samuelson, nachdem er sein Sushi verspeist hat. Nein, sagt der alte Mann, der Wohlstand der Welt steigt. Aber, schränkte er sogleich ein, das gelte leider nicht für alle Gruppen einer Gesellschaft. Aber wiegen denn die Gewinne der Gewinner die Verluste der Verlierer nicht auf? Seine Antwort: Nein, nicht mehr, die Globalisierungsbilanz für Amerika sei seit geraumer Zeit negativ. Gegenüber den Asiaten befinde sich das Land in einer "Win-Lose"-Situation. Asien gewinne an ökonomischer Stärke, Amerika verliere Substanz.

Koalition der Zweifler

Die Freihandelskritikerin Hillary Clinton beruft sich heute auf Samuelson. Seine Zweifel sind jetzt auch ihre.

Die Koalition der Zweifler ist in Amerika derzeit in der Übermacht. Die Freetrader, die früher als Männer von klarem ordnungspolitischem Profil galten, sind mittlerweile bei vielen als Starrköpfe verschrien. Sie gelten bis weit ins Lager der Republikaner als Ideologen, die ein Prinzip um des Prinzips willen verteidigen. "Der neue Präsident müsse verstehen, dass es keinen freien Handel geben kann, wenn es keinen fairen Handel gibt", sagt auch der republikanische Präsidentschaftsbewerber Mike Huckabee.

Führen Zweifel und Skepsis automatisch zur richtigen Politik? Leider nicht. Der Zweifel kann auch Zerstörung bedeuten, wie sich am Beispiel Michail Gorbatschows beweisen lässt. Der sowjetische Reformer glaubte nicht mehr daran, dass sich mit Hilfe von Geheimdienstlern und Planbürokraten Wohlstand erzeugen ließe. Aber eine Alternative ist ihm nicht gelungen. Das Sowjetreich zerfiel. Die Industrieproduktion brach ein. Der Wohlstand war am Ende geringer als zuvor.

Auch in der Freihandelsdebatte ist Behutsamkeit gefragt. Protektionismus jedenfalls, also das ökonomische Abschotten Amerikas, wäre eine tödliche Medizin. Als Präsidentin sollte sich Hillary Clinton vielleicht am ehesten am großen chinesischen Reformer Deng Xiaoping orientieren. Der zweifelte an allem, auch an seiner eigenen Weitsicht. Er warb zeitlebens für eine Politik der kleinen Schritte: "Niemand ist diese Straße gegangen. Deshalb müssen wir vorsichtig gehen."

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