Westbank Hoffen auf das Karussell der Abus

Die Menschen in Ramallah sind gefangen zwischen Sorge und Hoffnung. Kaum einer will zugeben, dass Jassir Arafat wenn schon nicht physisch, so doch politisch tot ist. Zugleich plant die Führung längst ohne den "Ra’is". Es könnte vorübergehend zu einer Regierung der nationalen Einheit kommen – inklusive der radikal-islamischen Hamas.

Aus Ramallah berichtet Yassin Musharbash


Beten für Arafat: Palästinenser in Ramallah
AFP

Beten für Arafat: Palästinenser in Ramallah

Ramallah - Der Prediger spricht über den Islam auf den Philippinen und im Kaukasus. Er ereifert sich lautstark über das Unrecht, das den Muslimen im Irak und in Afghanistan widerfährt. Er verurteilt US-Präsident George W. Bush und dessen Herausforderer Kerry in scharfen Tönen, die drohend aus den Lautsprechern krachen. Doch über seinen eigenen, todkrank in Paris liegenden Präsidenten Jassir Arafat verliert der Imam der Märtyrer-Moschee von Ramallah beim Freitagsgebet kein einziges Wort.

Szenen der Sprachlosigkeit auch vor Arafats Amtssitz, der zur Geröllhalde zerbombten "Mukata'a": Als Ahmad Kurei und Mahmud Abbas, Arafats engste Gefährten, die Krisensitzung der palästinensischen Führung verlassen, kurbeln sie nicht einmal die Fenster ihrer verdunkelten Limousinen herunter, obwohl Dutzende Journalisten aus aller Herren Länder Fragen schreien und mit Mikrofonen gegen die Scheiben klopfen. Langsam und stur bohren sich die Fahrzeuge durch den Pressetross, die beiden potenziellen Nachfolger "Abu Ammars", selbst als Abu Ala und Abu Mazen bekannt, blicken eisern geradeaus.

Nur Jamil Tarifi, Minister für zivile Angelegenheiten der Palästinensischen Autonomiebehörde, diktiert den Journalisten, sichtlich erzürnt, einen Satz in die Blöcke, als er das Gelände verlässt: "Schämt Euch! Die Presse geht mit Arafat um, als sei er schon tot."

Einheitsregierung bis zu den Wahlen?

Journalisten vor Arafats Amtssitz: "Schämt Euch. Ihr tut, als sei er schon tot"
AFP

Journalisten vor Arafats Amtssitz: "Schämt Euch. Ihr tut, als sei er schon tot"

Tarifi bringt damit auf den Punkt, was die meisten Palästinenser zur Stunde denken: Dass es pietätlos ist und verfrüht, schon jetzt über Arafats Erbe, seine Nachfolge, die zu erwartende neue Situation im Nahen Osten zu reden. Vor allem die vorzeitige Todeserklärung gestern Nachmittag hat viele erschüttert. Noch gibt es schließlich Hoffnung. Auch einfache Sicherheitsbeamte, Bäcker, Zeitungsverkäufer und Obsthändler äußern sich in diesem Sinne. "Allahu a'lam" heißt es immer wieder, "Gott weiß es besser!"

Selbst, wenn sie eigentlich der Hamas oder dem Islamischen Dschihad oder der linken Opposition zuneigen - heute verlieren sie kein böses Wort über Arafat. "Nationale Einheit" lautet das Motto der Stunde, und jeder benutzt dieses Wort, selbst die radikalislamische Hamas-Bewegung. Die Hamas besitzt neben einem politischen auch einen militärisch-terroristischen Flügel und ist für zahlreiche Selbstmordanschläge gegen israelische Zivilisten verantwortlich. Ihr Programm, das die Vernichtung Israels beinhaltet, steht im krassen Gegensatz zu dem der Arafat-Bewegung Fatah. Trotzdem wollen die Islamisten jetzt gerne Teil einer nationalen Notstandsregierung werden.

Viele Palästinenser finden das richtig. "Die Hamas-Leute könnten meine Brüder oder Söhne sein. Sie sind wie wir, sie haben dieselben Erfahrungen gemacht. In dieser Stunde müssen wir zusammenstehen", sagt beispielsweise der 60-jährige Abdallah Muhammad, der vom Vermieten seiner Häuser lebt. Dabei ist er selbst ein Arafat-Verehrer. "Wir tragen Abu Ammar im Moment alle in unseren Herzen", sagt der Mann, der eine feine Anzughose und ein gestärktes, kariertes Hemd trägt. "Arafat ist unersetzlich."

Die Mukata'a: Hier tagt das Karussell der Abus
AP

Die Mukata'a: Hier tagt das Karussell der Abus

Sogar der demokratische Politiker Mustafa Barghouti, Generalsekretär der reformorientierten "Palestinian National Initiative", plädiert dafür, unter Beteiligung der Hamas eine Allparteienregierung zu bilden. Allerdings nur bis zu den für Anfang nächsten Jahres angesetzten Wahlen. Barghouti kämpft derzeit auf allen Kanälen und in mehreren Sprachen vor allem für diesen Urnengang; er hält ihn für die einzige Möglichkeit, die palästinensische Position wieder mit Legitimität zu versehen - auch in Hinblick auf eventuell wieder aufzunehmende Verhandlungen mit Israel.

Zwischen zwei Interviews mit US-Fernsehstationen ruft der schlanke, groß gewachsene Mann noch rasch eine Kollegin per Handy zu Hilfe, damit sie die Interviewanfragen zwischen sich aufteilen können. Es ist offensichtlich, dass die Abwesenheit Arafats, die ja vermutlich dauerhaft sein wird, ein Momentum ausgelöst hat, dass auch nach vorn und nicht ins Chaos führen könnte.

Die Zukunft wird in Ramallah und Gaza entschieden

Ramallah ist keine große Stadt. Etwa 40.000 Menschen leben hier, gut ein Drittel davon sind Christen, weswegen man hier auch im Ramadan auf der Straße rauchen oder Wasser trinken kann, ohne angefahren zu werden. Offiziell ist Jerusalem die Hauptstadt des Palästinensischen Staates, der allerdings nicht besteht. Faktisch gibt es hingegen zwei heimliche Hauptstädte: Ramallah in der Westbank und Gaza im Gazastreifen. In diesen beiden Orten wird sich entscheiden, wie sich die palästinensische Politik in Zukunft entwickelt. Niemand sagt, dass Arafat, wenn schon nicht physisch, so doch politisch tot ist. Aber denken tun es alle, insbesondere die, die in der Politik mitmischen wollen, die eine Vorstellung davon haben, in welche Richtung es gehen soll. So wie Mustafa Barghouti, der den Auflauf vor der Mukata'a für seine Interviews nutzt.

Wachposten auf der teils zerstörten Mukata'a: Gerüchte machen die Runde
AFP

Wachposten auf der teils zerstörten Mukata'a: Gerüchte machen die Runde

Oder so wie Abu Abbas und Abu Mazen, die in Wahrheit schon seit Tagen in vertrauten Abu-Runden dabei sind, die Zukunft ohne Arafat zu planen. Ab und an dringen Gerüchte nach außen. Mal heißt es, ein Dreiergremium solle die Geschäfte führen, ein anderes Mal, dass Abu Ala Präsident wird und Abu Mazen die PLO-Führung übernimmt. Fast alles wird sofort dementiert. Deshalb muss es aber nicht wirklich falsch sein. Tatsache ist, die Wachen vor der Mukata'a bestätigen das unfreiwillig, dass sich die Palästinenserspitze jeden Tag trifft. Die Wachposten, keiner älter als 30, sind für jeden erkennbar verunsichert. Nein, sie wissen auch nicht mehr über Arafats Gesundheitszustand als wir. Ja, einige auf dem Gelände haben Kontakt mit den Ärzten in Paris. Nein, sie wissen nicht mehr, was noch stimmt und was nicht. Gerüchte machen die Runde: Ist Arafats Büro etwa schon geräumt?

Halb Supermann, halb kranker Greis

Viele Palästinenser, auch solche, die immer über die Korruption innerhalb ihrer Regierung geklagt haben, vertrauen dem Karussell der Abus bei dieser Form der Politikfindung. "Natürlich ist der am besten als unser Führer geeignet, der die Wahlen gewinnt", sagt naiv aber voller Überzeugung ein Ladenbesitzer, der heute ein Auge zudrückt und seinen Kunden trotz Fastenmonat gestattet, in seinem Geschäft Wasser zu trinken oder draußen vor der Tür eine Zigarette zu rauchen. Allerdings, so gibt er zu, komme auch vieles darauf an, wie sich die Politiker der jungen Garde jetzt orientieren.

Insbesondere Mohammad Dahlan wird ein wichtiger Faktor sein. Der Vertreter der neuen Führungsgeneration - man könnte sagen, der "Arafat-Enkel", hat nicht nur gute Verbindungen nach Israel, sondern auch einen bewaffneten Sicherheitsdienst unter sich. Sein Westbank-Gegenstück ist Dschibril Radschub. "Ein bisschen Geballere", könne er sich da schon vorstellen, sagt der Ladenbesitzer. Aber sicher keinen Bürgerkrieg. Obwohl fast alle so denken, ist die Stimmung angespannt: Es patrouillieren mehr Sicherheitsleute als an einem gewöhnlichen Freitag im Ramadan. Auch die israelische Seite zeigt Nerven. Auf einmal tauchen am Stadtrand zwei Militärjeeps auf, verschwinden, tauchen wieder auf, verschwinden erneut.

Plötzlich knallt es. Die Menschen in der Nähe schauen aus dem Fenster. Aber es ist kein Schuss, es ist Feuerwerk: Die Abenddämmerung hat eingesetzt, das Fasten ist für heute beendet. "Arafat ist auch nur ein Mensch", sagt der Ladenbesitzer zum Abschluss. "Er muss eines Tages sterben." - "Nein", entgegnet ein Kunde, "Arafat ist ein Symbol, das ist etwas anderes." Arafat, halb Superheld mit schwarzweißem Kopftuch, halb kranker Greis im taubengrauen Jogginganzug und lächerlicher Mütze. Die Nacht kommt schnell in Ramallah, die Menschen gehen endlich essen. In einem Militärkrankenhaus in Paris liegt derweil schwer krank Jassir Arafat im Koma - irgendwo zwischen Sterblichkeit und Unsterblichkeit.



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