Westerwelle-Odyssee in Pakistan  "Yes, this is Guido again"

Guido Westerwelle bleibt wirklich nichts erspart: Die Wähler mögen ihn nicht, die Partei will ihn davonjagen - und nun macht auch noch Nebel seinen Pakistan-Trip zur Odyssee. Statt eines Turbo-Programms muss der Außenminister in klapprigen Bussen die Langsamkeit entdecken.

DPA

Aus Islamabad berichtet


Als Guido Westerwelle nach rund acht Stunden Flugzeit von Berlin aus in seiner geräumigen VIP-Kabine des Luftwaffen-Jets "Theodor Heuss" erwachte, warteten keinen guten Nachrichten auf den deutschen Außenminister.

Statt wie geplant in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad zu landen, das eröffnete ihm Kapitän Klaus Peter Wegener, müsse der Airbus ins knapp 400 Kilometer entfernte Lahore ausweichen. Am Grund der spontanen Flugplanänderung konnten auch Guido Westerwelle und sein Stab nichts ändern. Seit Tagen plagt dichter Nebel Islamabad. Am Morgen lag die Sichtweite am Flughafen bei nur rund zehn Metern. Für eine sichere Landung aber, ganz egal von wem, brauchen die Piloten gute 800 Meter Sicht - da hilft auch der VIP-Status eines Ministers nichts.

Die enttäuschende Meldung des Kapitäns war der Startschuss für eine Odyssee des Außenministers, die an die Tage der Aschewolke aus Island im vergangenen Jahr erinnerte. Damals irrten mehrere deutsche Minister der Bundesregierung wegen der Luftraumsperrungen mit Bussen, Mini-Vans und Limousinen durch Europa. Statt Stunden brauchten sie Tage für ihre Heimreisen, einer von ihnen - Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg - wurde wegen seines Trips von Istanbul nach Berlin gar zum coolsten Minister aller Zeiten ernannt.

Parole Abwarten

Nun aber stand Westerwelle, im Krisenland Pakistan begleitet von einem Tross schwerbewaffneter Personenschützer, vor einem gravierenderen Problem: Wie sollten der Spitzenpolitiker und seine rund 30-köpfige Delegation die 400 Kilometer von Lahore nach Islamabad zurücklegen - mitten durch ein Land, vor dem Westerwelles Amt alle Deutschen eindrücklich warnt?

Zuerst einmal wurde die Parole Abwarten ausgegeben. Westerwelle zog sich in sein Abteil zurück, irgendwann müsse sich der Nebel ja mal verziehen. Die Delegation wurde in die plüschige "State Lounge" im Airport verfrachtet, dort warten normalerweise Regierungsmitglieder und deren Gäste auf den Abflug.

Doch die Anzeigetafeln hielten kaum aufmunternde Nachrichten bereit. Fast alle Flüge nach Islamabad wurden gestrichen, alle anderen Verbindungen waren massiv verspätet.

Nach gut drei Stunden Warten und Hoffen fiel die Entscheidung. Der deutsche Honorarkonsul in Lahore organisierte drei klapprige Minibusse. In gut drei Stunden, so die Hoffnung, würde die Reisegruppe aus Deutschland doch noch ans Ziel gelangen.

Westerwelle selber hatte sich seinen Trip in Pakistan anders vorgestellt. Die Reise ins Krisenland sollte ein sichtbares Zeichen setzen, dass der Top-Liberale nach wochenlanger Dauerkritik an ihm und seiner Chefrolle bei der FDP sich endlich, nach seiner Kraftrede zum Dreikönigstreffen in Stuttgart, wieder in die echte Arbeit stürzt.

Eine konkrete Nachricht an die Pakistaner gab es nicht. Der Kapitän wollte schlicht zeigen, dass er wieder bei vollen Kräften am Steuer steht.

"I would really like to meet you tonight"

Das Kalkül ging nur bedingt auf. Statt auf roten Teppichen und vor prunkvollen Kulissen stand Westerwelle nun im zugigen Wind vor dem Flughafen von Lahore, am Ohr stets das Mobiltelefon. "Yes, this is Guido again", sagte er dem pakistanischen Außenminister Schah Machmud Qureshi am anderen Ende, "I would really like to meet you tonight, let us see if we can make it happen."

Qureshi beruhigte den Außenminister mit milder Stimme. Gegen die Natur könne man nichts machen, der Präsident stecke auch noch im Süden des Landes fest.

Doch vor dem Treffen mit dem Amtskollegen waren noch Hürden zu bewältigen. Zuerst verschwanden die Fahrer der Busse immer wieder, dann wollte die Polizei eine Waffenliste von den BKA-Beamten sehen. Das sei Vorschrift in Pakistan. Irgendwann nahm Westerwelle die Sache selber in die Hand. "Wir sollten jetzt fahren", sagte Westerwelle, "sonst kommen wir zu gar nichts mehr."

Entdeckung der Langsamkeit

Den Personenschützern wurde schon nach den ersten Metern durch den dichten Verkehr aus Eselskarren, heillos überladenen Trucks und den zahllosen Toyota Corrollas ganz mulmig zumute. Einen solchen Trip, mitten durch eines der gefährlichsten Länder der Welt, hat es wohl in der Geschichte der Bundesregierung nur selten gegeben.

Der Minister nahm die Odyssee bewusst gelassen. Immer wieder lugten er und sein Afghanistan-Berater Michael Steiner aus den Fenstern des braunen und reichlich altersschwachen "Coaster"-Minibusses. Fast gerührt beobachtete Westerwelle ein Dutzend Kinder aus einem Armenviertel direkt an dem Highway beim Cricket-Spiel.

Wenig später, wieder einmal musste der Konvoi an einer Tankstelle anhalten, gewann er der extremen Verlangsamung seiner Dienstreise gar Positives ab. Im Gegensatz zu den normalen Reisen, bei denen der Top-Diplomat im Schweinsgalopp durch die Hauptstädte rast, sehe er nun auch mal etwas vom Land. Ganz plötzlich war ihm auch klar geworden, dass ein Minister vor einem bunten Truck vielleicht die viel schöneren Fotos seiner Reise für die Wählerschaft daheim sind.

Aus den versprochenen drei Stunden bis nach Islamabad wurde dann auch nichts. Mal hielt die Kolonne für ein Palaver auf offener Straße an, dann wieder wollten die Fahrer günstige Zigaretten erwerben, etwas später gingen Teile der improvisierten Eskorte verloren, da einer der Minibusse schlapp machte.

Ein paar O-Töne vor der hübschen Kulisse

Westerwelles Wagen hielt stand, auch wenn die blaugrauen Dunstwolken hinter dem Fahrzeug auf einen Mangel an Wartung schließen ließen. Der Minister störte sich daran wenig. Nur ab und an bat er den Fahrer, die Heizung etwas aufzudrehen, dann widmete er sich wieder der vorbeiziehenden Landschaft aus von Schlamm braun gefärbten Flüssen, Elendsvierteln an der Straße und den bunt verzierten "Jingle-Trucks", einer der Attraktionen des Chaos-Landes Pakistan.

Die Odyssee durch den dichten Verkehr endete für Westerwelle rund 150 Kilometer vor Islamabad. Hektisch hatte die Botschaft zwei standesgemäße Jeeps für den Minister an eine Tankstelle entsandt, dort sollten sie ihn und seine Top-Beamten abholen. Mittlerweile wirkte Westerwelle, als ob er vom chaotischen Verkehr gar nicht genug kriegen könne. Interessiert besichtigte er nochmals die bunt verzierten Trucks und gab vor der hübschen Kulisse noch schnell ein paar O-Töne.

Ja, Deutschland unterstütze Pakistan bei seinen Bemühungen gegen den Terror, das Land nehme eine Schlüsselrolle für die Afghanistan-Krise ein. Neu war das alles nicht, doch dazu sind solche Besuche auch nicht immer da.

Wiederholung der Diplomaten-Binse

Am Abend dann erreichte der Minister doch noch Islamabad. Hastig eilte er zu einem Treffen mit dem Außenminister, mit dem er Dutzende Male telefoniert hatte über den Tag. Beide versicherten sich später vor den Kameras die enge Verbundenheit, die Pakistan gern durch einige Waffenlieferungen aus Deutschland unterstrichen haben würde.

Westerwelle hielt sich zu den Details zurück. Stattdessen wiederholte er die Diplomaten-Binse, dass Pakistan eine Schlüsselrolle im Kampf gegen den Terrorismus spiele und seinen Kampf gegen die Extremisten im eigenen Land unnachgiebig fortsetzen müsse.

Sein Programm konnte Westerwelle - besser gesagt die emsigen Mitarbeiter der Botschaft - dann trotz der Aufregung einigermaßen retten. Nach dem Außenminister traf er noch den mächtigen Armeechef Ashfaq Kayani. In der Islamischen Republik hat noch immer das Militär in vielen Fragen das letzte Wort.

Danach hetzte der Minister noch zu einem Abendessen, oder eher einer Mitternachtssuppe, zurück ins Außenministerium. Dort wollte er seinem Amtskollegen ans Herz legen, dass Pakistan in Zukunft auch einen Botschafter in die sogenannte Afghanistan-Kontaktgruppe entsenden soll. Ein positiver Bescheid wäre wenigstens ein kleiner politischer Erfolg des leicht verunglückten Staatsbesuchs.

Er sagt dann noch, dass er Fortschritte in den Bemühungen um eine baldige Freilassung der beiden deutschen Journalisten im Iran sehe: "Ich bin sehr froh darüber, dass die Gespräche ganz augenscheinlich jetzt noch einmal einen Schritt nach vorn kommen." Das war's.

Morgen dann will sich Westerwelle einige deutsche Hilfsprojekte in der Nähe der Hauptstadt ansehen und auch noch den Premier des Landes treffen. Zum Glück, unkte einer seiner Mitarbeiter am späten Abend, könne man diese beiden Termine ohne ein Flugzeug erreichen.

insgesamt 60 Beiträge
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Seite 1
maemo 08.01.2011
1. Wow!
---Zitat--- Eine konkrete Nachricht an die Pakistaner gab es nicht. Der Kapitän wollte schlicht zeigen, dass er wieder bei vollen Kräften am Steuer steht. ---Zitatende--- Schön, dass er dafür mit 30 Mann nach Pakistan fliegt. Hat er das aus eigener Tasche bezahlt, oder sind wir wieder die Dummen? Naja, immer weiter Richtung 3%, lieber Guido.
deb2006, 08.01.2011
2. .
Zitat von sysopGuido Westerwelle bleibt wirklich nichts erspart: Die Wähler mögen ihn nicht, die Partei will ihn davonjagen - und nun macht auch noch Nebel seinen Pakistan-Trip zur Odyssee. Statt eines Turbo-Programms muss der Außenminister in klapprigen Bussen die Langsamkeit entdecken. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,738493,00.html
Irgendwie passt die Geschichte zu Westerwelle. Der Mann ist und bleibt nur eine Lachnummer. Zu mehr reicht es eben nicht. NB: Dramatisch für die FDP ist, dass niemand da ist, der es wagt, den König zu stürzen.
KeinGutmensch 08.01.2011
3. .
Ein überraschend nüchterner Artikel. Danke.
Rubeanus 08.01.2011
4. Todessehnsucht
400 km im Bus durch Pakistan zu reisen kann man nur mit dem Begriff Todessehnsucht charakterisieren.
Kopfkratzer 08.01.2011
5. Seit Tagen plagt dichter Nebel Islamabad.
Das hätte man vielleicht berücksichtigen sollen, dann wäre die Enttäuschung nicht so groß gewesen.
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