Westküste Al Gores härtester Kampf

In der letzten Woche vor den Präsidentschaftswahlen hetzt der Vize an Bord der "Airforce 2" kreuz und quer durch Amerika. Das Augenmerk gilt der demokratischen Basis in den gefährdeten "Schaukelstaaten".

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Der simple Kerl mit dem netten Lächeln: Bush in Portland
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Der simple Kerl mit dem netten Lächeln: Bush in Portland

Seattle - Ein Zufall war es, dass sich die Wege der beiden US-Präsidentschaftsbewerber am Dienstag im Westküstenstaat Oregon kreuzten. Doch die Art des Auftritts, den sich die beiden Kandidaten für die entscheidende Schlussphase des Wahlkampfes ausgesucht hatten, ist beinahe schon Programm.

Im "Portland Memorial Coliseum", einer Mehrzweckhalle für Eishockey, High-School-Sport und gelegentliche Popkonzerte, feierte eine aufgeheizte Menge von rund 3000 Republikanern den Gouverneur aus Texas als den "nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika".

Helfer verteilten Wimpel, Pompons und Transparente an die johlenden Bush-Fans: Bei der Rallye "Victory 2000", einer lautstarken Lichtshow am Nachmittag vor Halloween, herrschte in der Sportarena aufgekratzte Karnevalsstimmung.

Überschäumende Volksnähe zu Halloween

Auf der anderen Seite der Hafenstadt, inmitten bukolischer Herbststimmung, trat Vizepräsident Al Gore auf dem gepflegten Campus des "Portland Community College" auf - vor rund 250 handverlesenen Anhängern. Keine Überraschungen: Den telegenen Hintergrund für die Fernsehkameras bot eine politisch korrekte Auswahl von US-Bürgern. Weißhaarige Senioren, propere Schüler und Studenten, ein strahlendes Ehepaar mit Säugling und natürlich auch zwei, drei schwarze Zuhörer. Die Botschaft Gores an seine Zuhörer ist erfüllt von einem hartnäckigen Populismus: "Bei dieser Entscheidung geht es um die Zukunft, zur Wahl steht nicht weniger als unser hart verdienter Wohlstand."

Tochter Karenna Gore Schiff, 27, hatte den Vizepräsidenten angekündigt ("Den besten Vater der Welt"), und auch Gore versucht sich in spontanen Äußerungen von überschäumender Volksnähe: Er drückt Hände, winkt zu kostümierten Kleinkindern und macht Scherze über die verkleideten Pressefotografen.

Auf Stimmenfang an der Westküste
AP

Auf Stimmenfang an der Westküste

Doch statt einer feurig-bewegten Ansprache spult Al Gore selbst eine knappe Woche vor dem Stichtag am 7. November, sein Standardprogramm über Steuersenkungen herunter. "Ich kämpfe für Amerikas Familien", verspricht er und verbreitet ein zähes, langatmiges Zahlenkonvolut mit Statistiken, Belegen und Fußnoten.

Bis auf die zweite Stelle nach dem Komma rechnet Gore die Vorteile seiner Pläne für das typische Mittelklasseeinkommen vor. Bushs Vorschläge, so Gore, seinen nutzlos und unverantwortlich. "Es geht um eine wirklich wichtige Alternative, Amerika steht am Scheideweg", ruft der Vizepräsident und gelobt - am Ende seiner Rede endlich in Fahrt - : "Ich kämpfe für Euch".

Vor allem aber kämpft der Vizepräsident für sich selbst. Denn bei diesem Kampf geht es um Gores politisches Überleben. Trotz einer Karriere von mehr als zwei Jahrzehnten als demokratischer Abgeordneter und Senator, gefolgt von acht Jahren Dienst als Stellvertreter des Präsidenten, könnte Gore der Griff nach dem höchsten Amt verwehrt bleiben.

"Ihr braucht euch ja nicht zu verlieben"

Die "New York Times" rühmt den Mann aus Tennessee als den "aktivsten und erfahrensten Vizepräsidenten der amerikanischen Geschichte". Doch ausgerechnet bei der diesjährigen Qualifikationsrunde für den Chefposten der einzigen Supermacht scheint die Intelligenzbestie Gore dem simplen Kerl aus Texas mit dem netten Lächeln zu unterliegen.

Gibt sich gut gelaunt: Kandidat Al Gore
AFP

Gibt sich gut gelaunt: Kandidat Al Gore

Ist sein Gegner - mit just sechs Jahren Praxis als Gouverneur von Texas - überhaupt qualifiziert für den Chefposten der Supermacht? Die Frage mag der Vizepräsident in der Schlussphase des Rennens nicht mehr zu stellen - negative Attacken gelten als Zeichen von Unsicherheit. So überlässt Gore die Attacken seinem Mitstreiter Joe Lieberman. Und der ist deutlich: "Bush hat nicht das Zeug für den Job im Weißen Haus."

Auch Al Gores Gattin Tipper, wie der Rest der Familie im Dauereinsatz für den Vizepräsidenten, plädiert dafür, die Sachkenntnis ihres Mannes zum Maßstab ihrer Wahlentscheidung zu machen. "Wenn ihr überlegt, wen ihr zum Präsidenten wählen wollt, dann müsst ihr die Erfahrung der Kandidaten abwägen. Das ist wichtig." Und dann fügt sie schnell noch eine Bemerkung an, die verrät, dass auch sie die Defizite ihres Mannes kennt, wenn es um Charme und Liebenswürdigkeit geht: "Ihr braucht euch ja nicht in ihn zu verlieben, das habe ich schon gemacht."



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