Ex-Whistleblower Daniel Ellsberg "Eine höchst gefährliche Situation"

Daniel Ellsberg war der erste prominente US-Whistleblower. Er enthüllte 1971 die "Pentagon Papers". Er sorgt sich um die Sicherheit des Informanten in der Ukraineaffäre.

SPIEGEL ONLINE

Ein Interview von , New York


Der anonyme Whistleblower, der die Ukraineaffäre enthüllt und damit ein mögliches Impeachment-Verfahren gegen US-Präsident Donald Trump ausgelöst hat, steht in einer langen Tradition. Der erste prominente Whistleblower war Daniel Ellsberg, Aktivist und Ökonom, heute 88 Jahre alt. Er lancierte 1971 die "Pentagon Papers" an die "New York Times" und die "Washington Post".

Die geheime Regierungsstudie bewies, dass der Vietnamkrieg nicht zu gewinnen war und sowohl Präsident Lyndon Johnson als auch sein Nachfolger Richard Nixon die Öffentlichkeit belogen hatten. Nachdem Ellsbergs Identität enthüllt worden war, wurde er angeklagt. Ihm drohte eine Höchststrafe von 115 Jahren Haft. Das Verfahren platzte nur, weil herauskam, dass Nixon ihn illegal hatte abhören lassen.

DER SPIEGEL: Was hat Sie damals zum Geheimnisverrat bewegt?

Ellsberg: Ich war die einzige Person, die alle 7000 Seiten der "Pentagon Papers" lesen durfte. Ich hatte sie in meinem Safe liegen. Ich entschied, dass die Öffentlichkeit von diesen Dokumenten erfahren musste. Die Menschen mussten über diesen Krieg Bescheid wissen, der ja noch andauerte. Meine Absicht war es, dadurch Druck auf den Kongress auszuüben.

DER SPIEGEL: Sie riskierten Ihre Freiheit. Was raten Sie dem jetzigen Informanten?

Ellsberg: Er oder sie kann nicht viel tun, außer sich weiter zu verstecken. Aber da der Whistleblower ja vor dem Kongress aussagen will, ist es natürlich sehr unwahrscheinlich, dass er oder sie am Ende wirklich anonym bleibt. Der Kongress wird zwar versuchen, seine Anonymität zu wahren. Ich glaube aber kaum, dass alle Republikaner dieses Geheimnis für sich behalten würden. Es ist eine höchst gefährliche Situation. Man muss sie oder ihn beschützen.

DER SPIEGEL: Wie kam Ihre Identität ans Licht?

Ellsberg: Neil Sheehan, der Korrespondent der "New York Times", dem ich die "Pentagon Papers" gab, versicherte mir, dass meine Anonymität gewahrt bleiben würde. Doch ein anderer Journalist, der von der gleichen Zeitung entlassen worden war, brauchte nur 20 Minuten, um meinen Namen herauszufinden, und enthüllte ihn. 20 Minuten!

DER SPIEGEL: Was geschah dann?

Ellsberg: Am nächsten Morgen tauchten FBI-Agenten vor meinem Haus auf. Ich war zum Glück nicht da, sondern gerade in einem Motel, um die "Pentagon Papers" an die "Washington Post" zu geben. Meine Frau und ich versteckten uns 13 Tage lang.

DER SPIEGEL: Mussten Sie noch andere Leute fürchten außer den FBI-Agenten?

Ellsberg: Ja, unter anderem heuerte Nixon eine Gruppe von Leuten an, die sich "Plumbers" ("Klempner") nannten und später im Zuge des Watergate-Skandals bekannt wurden. Sie brachen in das Büro meines früheren Psychoanalytikers ein, in der Hoffnung, dort Informationen zu finden. Sie wollten mich damit erpressen und zum Schweigen bringen.

DER SPIEGEL: Wie geht man als Privatperson mit so einer Situation um?

Ellsberg: Das geht mir in letzter Zeit auch wieder durch den Kopf. Ich glaube, dass die Anwälte des jetzigen Whistleblowers absolut Recht haben, wenn sie sagen, dass ihr Mandant in physischer Gefahr ist. Nicht unbedingt durch Beauftragte oder Angestellte der Regierung, wie in meinem Fall. Aber Trump hat eine enorm große, gut bewaffnete Anhängerschaft, die offen gewaltbereit ist. Er macht den Ukraine-Whistleblower zur Zielscheibe. Ich hoffe, dass diese Person gut geschützt ist.

DER SPIEGEL: Ihr Fall zeigt, dass staatliche Rache gegen Whistleblower nichts Neues ist, das gibt es nicht erst seit Trump.

Ellsberg: Barack Obama hat neun oder zehn Whistleblower strafrechtlich verfolgt. Er soll sogar - angeblich im Scherz - gesagt haben: 'Können wir (den NSA-Whistleblower, Anm. d. Red.) Edward Snowden nicht mit einer Drohne loswerden?' Andere sprachen sehr offen darüber, dass Snowden gehenkt werden solle. Trumps Gerede, dass diese Person, die hinter den Ukraine-Enthüllungen steht, jetzt die Todesstrafe verdiene, das begann nicht mit ihm. Das sagten auch Vizepräsidenten und Abgeordnete schon häufig über mich und andere, insbesondere über Snowden und Chelsea Manning (die WikiLeaks-Informantin, Anm. d. Red.), mit denen ich mich am meisten identifiziere. Wir handelten und wussten, dass wir dafür schwere Strafen und Gefahren riskieren.

DER SPIEGEL: Wie wird der jetzige Skandal enden?

Ellsberg: Trump begeht einen illegalen Akt nach dem anderen. Das ist ein großer Unterschied zu früher: Dies ist ein klarer Fall, es sind strafbare Handlungen. Hinzu kommt, dass es bis jetzt nur einen einzigen Whistleblower gibt, aber anscheinend Dutzende weitere Leute, die ebenfalls Bescheid wussten, aber noch schweigen. Was taten die dagegen? Wir haben von keinem gehört, einschließlich Außenminister Mike Pompeo, dass sie den Präsidenten gewarnt hätten, und keiner hat dem Kongress, den Gerichten oder der Presse etwas erzählt. Trump verlässt sich darauf, dass sie den Mund halten. Doch jeder von ihnen ist damit an der Vertuschung eines Verbrechens beteiligt und verletzt den Amtseid, wonach er die US-Verfassung gegen alle Feinde im In- und Ausland verteidigen soll.

DER SPIEGEL: Ist ein Amtsenthebungsverfahren gegen Trump berechtigt?

Ellsberg: Ein solches Verfahren nicht einzuleiten, würde trotz der politischen Risiken bedeuten, dass dieser Präsident über dem Gesetz stünde. Es würde bedeuten, noch zwei Jahre mit einem absolut gesetzlosen Präsidenten zu leben. Und das ist zu lang.

DER SPIEGEL: Wie sehen Sie die Chancen eines Impeachments?

Ellsberg: Trump hat ja öffentlich - und wahrscheinlich zu Recht - gesagt, er könne jemanden auf der Fifth Avenue erschießen und würde die Unterstützung seiner Wähler trotzdem nicht verlieren. Die Frage, die sich nun stellt: Trifft das auch auf den Senat zu? Auf die Republikaner?

DER SPIEGEL: Was denken Sie?

Ellsberg: Ich halte eine Amtsenthebung für möglich. Vielleicht bin ich da naiv. Es wird einige republikanische Senatoren geben, die genug haben werden, die Trump nicht länger unterstützen können. Die Frage ist, ob es 20 oder mehr sein werden.

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Seite 1
mcdonald.r.ronald 06.10.2019
1. Häh?
Das ist doch ausgemachtes Pflaumenmus. Der Bericht liegt seit August bestimmten Kreise vor. Wurde danach von mehreren Instanzen als vernachlässigbar eingestuft. Nachdem die Gesetzeslage im September rückwirkend verschärft wurde, kann man da mit gutem Willem ein Skandälchen draus machen. Es kann und darf daraus nichts werden, jedenfalls nichts Nachhaltiges, denn wer soll dann für Quoten und Klicks sorgen? Abgesehen davon, würde ich Hörensagen eher nicht in das Feld des Whistleblowing einordnen. Schon Richter Falcone hat sehr genau erkannt, daß man zwar mit der Kronzeugen-Regelung enorm wichtige Erkenntnisse erlangen kann, aber auch daß damit auch schmutzige Wäsche gewaschen wird. Wenn man sich nun noch den Umgang der Medien und der Demokraten mit der Causa Manning in Gedächtnis ruft, dann dürfte klar sein, woher hier der Wind weht.
Pummelix 06.10.2019
2. Welche Ukriane-Affäre?
Ist nun Donald John Trump den US-Demokraten auch noch verdächtig, ein Agent der Ukraine zu sein? :-) Das Telefonate mit Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj ist nun wahrlich keine Staatsaffäre. Da haben die zwei Richtigen zusammen telefoniert, der Komiker und der Entertainer. :-) Nur in 6 Zeilen des langen und veröffentlichten Protokolls des Telefonats geht es um die Aufklärung von Straftaten, in die evtl. US-amerikanische Bürger verwickelt sind. Wegen dieser m.E. unverfänglichen Zeilen geraten die US-Demokraten ausser sich, weil hier ein Fehlverhalten der Obama-Regierung angesprochen wurde. Dass der eigentliche Inhalt des Telefonats hier in dieser Atlantik-Brücken-Postille wahrheitsgemäss dargestellt wird, wird man vergebens hoffen. Und auch auf eine wahrheitsgemässe Darstellung der Rolle eines Joe Biden -Vizepräsidenten der USA- unter Obama braucht man nicht zu warten. Wie die gesamten Vorgänge in der Ukraine vor und seit dem Umsturz hier ständig falsch berichtet wurde (Lügenpresse). Oder wussten Sie, wie korrupt die Freundin der Kanzlerin, Julija Wolodymyriwna Tymoschenko war? Oder der letzte Präsident vor dem Umsturz, der Wiktor Fedorowytsch Janukowytsch? Schon damals wurde im Spiegel die Lage in der Ukraine falsch dargestellt. Teilweise aus Ahnungslosigkeit wie aus der DDR, teilweise wegen der hier übliche US-Propaganda.
fred_m 06.10.2019
3. Die offene Frage
Zitat: "Trump hat ja öffentlich - und wahrscheinlich zu Recht - gesagt, er könne jemanden auf der Fifth Avenue erschießen und würde die Unterstützung seiner Wähler trotzdem nicht verlieren. Die Frage, die sich nun stellt: Trifft das auch auf den Senat zu? Auf die Republikaner?" Die Antwort ist meines Erachtens sehr einfach: solange ein republikanischer Senator annehmen darf, dass seine eigene Wähler den Mord rechtfertigen, wird er Trump weiterhin mit allen Kräften unterstützen. Der Senator möchte ja wiedergewählt werden. Bei Nixon lief es ja genauso: die republikanische Senatoren hielten an ihn fest, bis die Stimmung im Volk kippte.
draco2007 06.10.2019
4.
Zitat von mcdonald.r.ronaldDas ist doch ausgemachtes Pflaumenmus. Der Bericht liegt seit August bestimmten Kreise vor. Wurde danach von mehreren Instanzen als vernachlässigbar eingestuft. Nachdem die Gesetzeslage im September rückwirkend verschärft wurde, kann man da mit gutem Willem ein Skandälchen draus machen. Es kann und darf daraus nichts werden, jedenfalls nichts Nachhaltiges, denn wer soll dann für Quoten und Klicks sorgen? Abgesehen davon, würde ich Hörensagen eher nicht in das Feld des Whistleblowing einordnen. Schon Richter Falcone hat sehr genau erkannt, daß man zwar mit der Kronzeugen-Regelung enorm wichtige Erkenntnisse erlangen kann, aber auch daß damit auch schmutzige Wäsche gewaschen wird. Wenn man sich nun noch den Umgang der Medien und der Demokraten mit der Causa Manning in Gedächtnis ruft, dann dürfte klar sein, woher hier der Wind weht.
Wo haben sie den Unsinn her, dass er als "vernachlässigbar" eingestuft wurde? Das Gegenteil ist der fall. Er wurde als dringlich (!) eingestuft und von Trumps privatem Justizminister abgeblockt und zwar gesetzwidrig. "Abgesehen davon, würde ich Hörensagen eher nicht in das Feld des Whistleblowing einordnen." Auch das ist schlicht eine Lüge. Denn zum einen besitzt der Whistleblower durchaus in einigen Fällen Wissen aus erster (!) Hand und zudem werden jetzt innerhalb einer Ermittlung (!) die direkten Quellen mit Sicherheit befragt werden. Sie würden wohl nicht zur Polizei gehen, wenn ihnen ein guter Bekannter erzählt, dass er gesehen habe, dass ihr Nachbar jemanden ermordet hat?
burlei 06.10.2019
5. Dieser Person ...
... die auf den Stuhl des amerikanischen Präsidenten hockt, wird Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um seine Rachegelüste an dem Whistleblower abreagieren zu können. Was sich diese Person geleistet hat, Recht und Gesetz gebrochen hat um wieder gewählt zu werden spottet allerdings jeder Beschreibung. Da helfen auch die krampfhaften Versuche seine Fanatiker nichts, diese Taten runter zu schreiben. Es ist in einem demokratischen Land unvorstellbar, das passt eher in eine rechtsgerichtete Staatsform, in der der "Führer" sich alles leisten kann. Nun, diese Person hat ja noch ein Jahr Zeit, den letzten Rest Demokratie in den USA wegzuputschen. Sollte ihm das gelingen, wird das Beifallsgeschrei hüben und drüben des Atlantiks laut genug sein.
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