821 Millionen Menschen Zahl der Hungernden steigt zum dritten Mal in Folge

Die Welt droht den Kampf gegen den Hunger zu verlieren: Im vergangenen Jahr hungerten weltweit 821 Millionen Menschen, so viele wie lange nicht. Zwei Milliarden Menschen essen schlecht oder unzureichend.

Frau in Niger mit der Hand ihres unterernährten Kindes vor dem Mund (Archiv)
Finbarr O'Reilly/ REUTERS

Frau in Niger mit der Hand ihres unterernährten Kindes vor dem Mund (Archiv)


Andauernde Kriege in der Ukraine, im Jemen und im Südsudan, wirtschaftlicher Abschwung in den vergangenen Jahren in der Türkei und Venezuela, Dürre und Ernteausfälle in Simbabwe, Kenia, Nigeria. Die Gründe für Nahrungsmittelknappheit sind vielfältig, insgesamt hat sich die Ernährungssituation der Menschheit im vergangenen Jahr erneut verschlechtert.

Der gemeinsame Bericht "The State of Food Security" mehrerer Uno-Organisationen (hier als PDF) weist den dritten Anstieg hungernder Menschen weltweit in Folge aus. Geschätzt 821 Millionen leiden demnach Hunger. Bis 2015 war ihre Zahl rückläufig gewesen, nun ist sie wieder auf das Niveau von 2011 geklettert.

  • Besonders von Hunger geplagt ist Afrika. Verglichen mit 2017 nahm der Anteil der Unterernährten (19,9 Prozent) in beinahe allen Regionen des Kontinents zu.
  • Am schwersten betroffen: Ostafrika, wo knapp 31 Prozent der Menschen an Unterernährung leiden, und Zentralafrika, wo es 26,5 Prozent sind.
  • Auch in der Karibik und Lateinamerika nahm der Anteil der Unterernährten zu, liegt aber im Durchschnitt noch knapp unter 7 Prozent.
  • In Asien sind 11 Prozent der Menschen von Unterernährung betroffen. Dort hätten die südasiatischen Länder in den vergangen Jahren die größten Fortschritte gemacht. Mit fast 15 Prozent sind sie allerdings von Unterernährung immer noch weitaus stärker betroffen als nordasiatische Staaten.
  • Von den insgesamt 7,6 Milliarden Menschen weltweit sind etwa zwei Milliarden von Nahrungsmittelunsicherheit betroffen. Darin sind sowohl Fälle extremer Unsicherheit als auch mangelnder Zugang zu nahrhafter und ausreichender Nahrung zusammengefasst.

Eigentlich ist das Ziel der Uno, den Hunger bis 2030 zu eliminieren. Außerdem soll die Zahl der durch Hunger in ihrer Entwicklung gestörten Kinder halbiert und die Zahl der untergewichtig geborenen Kinder bis 2025 um ein Drittel gesenkt werden.

"Wenn sich die aktuellen Trends fortsetzen, werden wir unsere Ziele verfehlen", schreiben die Chefs der Uno-Landwirtschaftsorganisation FAO, des Welternährungsprogramms WFP, der Weltgesundheitsorganisation WHO und des Kinderhilfswerks Unicef in ihrem Vorwort.

Uno-Organisationen warnen vor erneuter Eintrübung der Weltwirtschaft

Paradoxerweise konstatieren die Organisationen ebenfalls einen weltweit steigenden Hang zur Fettleibigkeit: "Der Trend zu Übergewicht und Fettleibigkeit geben uns zusätzlichen Grund zur Sorge, denn sie nehmen in allen Regionen zu." Besonders betroffen demnach: Schulkinder und Erwachsene. Vier Millionen Todesfälle weltweit hätten 2018 in Verbindung mit extremem Übergewicht gestanden.

Frau in England: Fettleibigkeit nimmt weltweit weiter zu
Matthew Horwood/ Getty Images

Frau in England: Fettleibigkeit nimmt weltweit weiter zu

Neben Klima und Konflikten legen die Organisationen in ihrem Bericht ein besonderes Augenmerk auf die Folgen der globalen Wirtschaftskrise von 2008. Der drastische Abschwung habe den Volkswirtschaften unterschiedlich stark geschadet. Während sich Asien, Nordamerika und Europa beinahe vollständig erholten, kehrte die Wirtschaftsleistung in Mittel- und Südamerika und in Afrika nicht auf das Vorkrisenniveau zurück.

"Während wirtschaftliche Schocks selten der primäre Verursacher einer Ernährungskrise sind, verstärken sie oft die Schwere einer solchen Krise und verlängern ihre Dauer", heißt es in dem Bericht.

Um den selbst gesteckten Zielen wieder näher zu kommen, müssten die Organisationen entschiedener und vernetzter Handeln. Besonders angesichts der weltwirtschaftlichen Entwicklung machen sich die Führer der größten Uno-Organisationen für Nahrung und Landwirtschaft Sorgen, weil die "wirtschaftlichen Aussichten sich erneut eintrüben".

cht

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