Euro-Krise Abwrackprämie für Athen!

Sparen will Angela Merkel, in Konjunkturprogramme investieren lieber nicht. Dabei hat die Kanzlerin viel Geld in die Hand genommen, als Deutschland zuletzt in der Krise steckte: für die Abwrackprämie. Warum will sie den Südeuropäern verweigern, was in Deutschland funktioniert hat?

Merkel: "Wachstum muss bei den Menschen ankommen"
dapd

Merkel: "Wachstum muss bei den Menschen ankommen"

Ein Debattenbeitrag von Christoph Schwennicke


Neulich hat Angela Merkel einen dieser trockenen Sätze gesagt, die sich leicht versenden und es doch in sich haben. Bei ihrem ersten Rencontre mit dem neuen französischen Staatspräsidenten François Hollande bemerkte die Kanzlerin, Wachstum, das sei erst mal "ein allgemeiner Begriff". Entscheidend aber sei: "Wachstum muss bei den Menschen ankommen."

Genau. Eben darum dreht sich Merkels Streit mit Hollande, mit dem amerikanischen Präsidenten Obama, im Grunde mit der ganzen Welt. Was kann getan werden, um die europäischen Wackelländer vor dem Absturz ins Fürchterliche zu bewahren? "Madame Non" beharrt auf Sparprogrammen etwa für Griechenland, an denen ungleich stärkere Gemeinwesen zerbrechen würden. Sie verweigert aber - bislang jedenfalls - jedes Zugeständnis an ein ökonomisches Stimulans, das einem Kaputtsparen dieser Länder entgegenwirkt.

Warum ist Merkel eigentlich so hartleibig und hartherzig, wenn es um klassische Konjunkturprogramme geht?, fragt man sich. Vor allem: Warum ist für andere falsch, was für Deutschland richtig war?

Rückblende: Als die Krise I Ende 2008 die Welt erfasste und auch Deutschland nicht aussparte, da legte die Kanzlerin zwei Konjunkturpakete auf, um die deutsche Wirtschaft am Laufen zu halten. Da war viel reingemogelt worden an Geld, das ohnehin verplant und vorgesehen war, das zentrale Symbol für diese stimulierende Wirtschaftspolitik der Bundesregierung aber war die sogenannte Abwrackprämie. Entlang der so banalen wie richtigen Erkenntnis, dass die Automobilbranche immer noch der Motor der deutschen Wirtschaft ist, nahm die damalige Regierung Anfang 2009 fünf Milliarden Euro in die Hand und lockte in Tranchen zu je 2500 Euro deutsche Autobesitzer, ihre eigentlich noch fahrtüchtigen Wagen zerquetschen zu lassen und einen Neuwagen zu kaufen.

Es gab Kritik an dieser Maßnahme, Zweifel sowieso. Sie hat sich aber als goldrichtig erwiesen, wie die Kanzlerin nicht müde wurde, immer wieder zu betonen. Man habe "eine Brücke gebaut", sagte sie im Herbst 2009, als die Aktion auslief. Am dritten Januar 2011 schrieb sie in einem Namensbeitrag für die "ADACmotorwelt", allen Diskussion zum Trotz hab sich die Umweltprämie als wichtiges Instrument erwiesen, und noch in einer Videobotschaft vom 24. September 2011 bezeichnete sie die Abwrackprämie als "klug".

Warum also diese Härte?

Na dann!, möchte man ihr zurufen, warum dann diese Beinhärte den anderen gegenüber? Die Abwrackprämie war ein im Kern archaisch-primitives, aber wirksames Mittel. Wenn man ein Dutzend kluger und kreativer Leute für einen Tag in einen Raum sperrt und ihnen sagt, sie mögen doch bitte entlang der Idee der Abwrackprämie Vorschläge für Griechenland (vielleicht schon zu spät) und andere südeuropäische Wackelstaaten machen, dann wird da ganz sicher etwas Praktikables dabei herauskommen: ein Renovierungsprogramm für dortige Hotels und andere Tourismuseinrichtungen (wie bei uns im Übrigen geschehen mit Schulen und Straßen), einen staatlichen Zuschuss für einen Griechenlandurlaub; man kommt da sicher noch auf bessere Ideen.

Bedingung: Man muss wirklich wollen.

Man muss wirklich wollen, dass das Wachstum auch bei den Menschen ankommt, wie Merkel gesagt hat. Auch bei den anderen Menschen, dort, wo es jetzt europäisch nötig ist. Denn sonst drängt sich ein furchtbarer Verdacht auf, wie es vielleicht doch logisch sein könnte, dass Merkel für andere verweigert, was sie Deutschland verordnet hat. Weil die deutsche Wirtschaft auf diese Weise zweimal profitiert. Seinerzeit vom deutschen Steuergeld. Und jetzt von der Not der anderen.

Das wäre dann allerdings europäischer Ungeist, wie man ihn sich bei einer deutschen Kanzlerin nicht vorstellen möchte.

insgesamt 173 Beiträge
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Seite 1
n+1 22.05.2012
1. was hat funktioniert?
Zitat von sysopdapdSparen will Angela Merkel, in Konjunkturprogramme investieren lieber nicht. Dabei hat die Kanzlerin viel Geld in die Hand genommen, als Deutschland zuletzt in der Krise steckte: für die Abwrackprämie. Warum will sie den Südeuropäern verweigern, was in Deutschland funktioniert hat? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,834430,00.html
Die Abwrackprämie hat die Schulden erhöht. Und damit den finanziellen Spieraum der Zukunft verengt. 2011 und auch zu Beginn 2012 konnten Kleinwagen nur mit großen Abschlägen verkauft werden. Irgenwelche Konjunktur- und Wachstumsimpulse gab es nicht. Und in einem "failed state" wie Griechenland funktioniert gar nichts. Außer Ouzo und Fakelaki.
toskana2 22.05.2012
2. Athen abwracken
Zitat von sysopdapdSparen will Angela Merkel, in Konjunkturprogramme investieren lieber nicht. Dabei hat die Kanzlerin viel Geld in die Hand genommen, als Deutschland zuletzt in der Krise steckte: für die Abwrackprämie. Warum will sie den Südeuropäern verweigern, was in Deutschland funktioniert hat? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,834430,00.html
[QUOTE=sysop;10227716](...) >>> Abwrackprämie für Athen!
Konradii 22.05.2012
3. Weil wir es selbst bezahlt haben?
Zitat von sysopdapdSparen will Angela Merkel, in Konjunkturprogramme investieren lieber nicht. Dabei hat die Kanzlerin viel Geld in die Hand genommen, als Deutschland zuletzt in der Krise steckte: für die Abwrackprämie. Warum will sie den Südeuropäern verweigern, was in Deutschland funktioniert hat? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,834430,00.html
Die Griechen dürfen jedes Konjunkturprogramm der Welt auflegen, solange wir nicht die Zeche zahlen!
lokator 22.05.2012
4. Super Idee!
Zitat von sysopdapdSparen will Angela Merkel, in Konjunkturprogramme investieren lieber nicht. Dabei hat die Kanzlerin viel Geld in die Hand genommen, als Deutschland zuletzt in der Krise steckte: für die Abwrackprämie. Warum will sie den Südeuropäern verweigern, was in Deutschland funktioniert hat? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,834430,00.html
Man könnte doch jedem deutschen Griechenlandurlauber eine Griechenlandumweltprämie von 1000 € in die Hand drücken. Dann freut sich der deutsche Steuerzahler und die Griechen. Gleichzeitig haben wir einen Beitrag zur Völkerverständigung, falls die Deutschen dort nicht verhauen werden ;-) Um etwas Geld wieder einzusparen könnte man alle Euro-Kommissare für Griechenland entlassen, die haben bisher eh nichts gebracht. Außerdem darf kein Minister oder Ministerialer mehr nach GR fliegen.
henning.sittel 22.05.2012
5. Sie verweigert, weil...
das in einem Land wie Griechenland nicht funktioniert. Zuviel Korruption, zuviel "eigene Taschen Wirtschaft" Mentalität. Klingt populistisch und plakativ, ist aber die Kurzfassung.
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