Wiedervereinigung Moldau träumt vom Anschluss an Rumänien

Die Linke liebt Moldau. Doch das letzte kommunistische Regime Europas könnte mit der Wahl am Sonntag ins Wanken geraten. Denn das Volk wünscht sich eine Wiedervereinigung mit dem EU-Mitglied Rumänien - nach deutschem Vorbild.

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Chisinau - Ausgerechnet im ärmsten Land Europas ist dieser Tage immer häufiger von der deutschen Einheit die Rede. Vor der Parlamentswahl in Moldau am kommenden Sonntag haben Oppositionsparteien massiv Zulauf, die für einen Bruderbund oder eine Vereinigung mit dem EU-Mitglied Rumänien werben. Das rumänischsprachige Land an der Südwestgrenze der Ukraine mit gegenwärtig 3,4 Millionen Einwohnern war schon 1918 bis 1940 ein Teil Rumäniens.

Etwa 800.000 Moldauer haben bereits die rumänische Staatsbürgerschaft beantragt. Ein europäischer Diplomat ist sich sicher: "Wenn Rumänen und Moldauer sich für eine Vereinigung entscheiden, wird die EU sich dem nicht widersetzen können." Schließlich hätten die Deutschen einen Präzedenzfall geschaffen, mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik.

Die frühere Sowjetrepublik Moldau liegt in einem geopolitischen Spannungsfeld zwischen Moskau und dem Westen. Das neutrale Moldau gehört zur Staatengemeinschaft GUS. Moskauer Militärs sichern im abtrünnigen Landesteil Transnistrien nach einem Sezessionskrieg einen Waffenstillstand. Zugleich zementieren sie in der Region mit einer halben Millionen Einwohnern den russischen Einfluss. Es ist eine ähnlich brisante Gemengelage wie in Georgien, wo es im vergangenen August zu einem Krieg mit Russland kam.

Für die Eigenstaatlichkeit Moldaus kämpft am stärksten die Kommunistische Partei (KP), die das Land seit acht Jahren beherrscht. Sie zehrt davon, dass das Armutsrevier in der Sowjetära einen beachtlichen Aufschwung erlebte. Moldaus Präsident und KP-Chef Wladimir Woronin weckte bei Wählern jahrelang Hoffnungen auf eine "Wiedergeburt der sozialistischen Gesellschaft". Jetzt mimt er den Europa-Freund.

Doch an Feiertagen legt der ergraute Altfunktionär wie einst Erich Honecker in der DDR Kränze vor Lenin-Denkmälern nieder. Das KP-Programm beschwört immer noch den "Vulkan sozialer Schöpferkraft, geboren in der Revolution". Beliebt ist die KP bei den deutschen Genossen. Linke-Delegationen lassen sich in russischen Wolga-Pkw der Partei durch das sonnige Weinbauernland fahren und schwärmen von den "herzlichen" und "rührenden" KP-Genossen.

Die sind im eigenen Volk immer weniger beliebt. Nur noch Rentner in abgetragenen Mänteln lauschen brav dem monotonen Redner Woronin. Im Kulturhaus des Dorfes Ustia im moldauischen Osten verspricht er ihnen, sie würden bald "nicht schlechter leben als in den Städten".

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An der Tür eines Lebensmittelgeschäftes klebt ein KP-Wahlplakat. Auf dem Poster verkündet eine junge Schönheit mit makellosen Model-Zähnen: "Das europäische Moldau bauen wir gemeinsam."

Solche Mädchen sucht man im Dorf vergebens. Stattdessen öffnen Dauerarbeitslose mit Zahnlücken die Tür des Lebensmittelladens. Dörfler Michail, ein Endfünfziger, weiß: "Die Jugend ist fortgegangen nach Russland oder Europa und baut ihre Zukunft dort." Bei den Dagebliebenen entlädt sich immer heftigerer Zorn auf das korrupte KP-Regime, in dem Präsidentensohn Oleg zu einem der reichsten "Businessmen" des Landes aufstieg. Der durchschnittliche Monatslohn liegt bei 175 Euro. "Wir haben keine Angst" lautet die Parole einer Kundgebung liberaler und rechter Oppositionsparteien mit 30.000 Teilnehmern in der Hauptstadt Chisinau.

Das pro-russische Transnistrien weigert sich

Quelle der Furcht ist der "Dienst für Information und Sicherheit", geleitet von einem Präsidenten-Vertrauten. Die Staatssicherheit residiert in einem mit Stacheldrahtrollen gesicherten Naturstein-Gebäude an der "Straße des 31. August" in der Hauptstadt. Ihre Offiziere brüsten sich im kleinen Kreis damit, sie hätten die Oppositionspolitiker "unter Kontrolle", sprich: erpresst und gekauft. So will die KP nach der Wahl einen Nachfolger für Woronin inthronisieren, der gemäß Verfassung nicht wieder antreten darf.

Wer dem Regime widersteht, braucht ein breites Kreuz, eines wie Serafim Urechean, Chef der größten Oppositionspartei "Unser Moldau". Der Ex-Bürgermeister von Chisinau, früherer KP-Funktionär, sitzt in seinem Büro umgeben von neun Ikonen. Fünf Strafverfahren der regierungshörigen Staatsanwaltschaft vor allem wegen Amtsmissbrauch hat er überstanden. Der Mann mit dem Paten-Charme sieht sich als Retter des Vaterlandes und künftiger Präsident.

Auch er will das Land im Schulterschluss mit Rumänien in die EU führen. Für ein Großrumänien schlägt das Herz von Dorin Chirtoaca. Der energische Hauptstadt-Bürgermeister von der Liberalen Partei hat in Bukarest studiert. Die von ihm erträumte Wiedervereinigung mit Rumänien aber fände gewiss ohne den russischsprachigen Landesteil Transnistrien statt.

Dessen international nicht anerkannter "Präsident" Igor Smirnow sagt, sein Gebiet werde sich Rumänien nicht anschließen: "Sie sollten uns nicht mit der DDR verwechseln . Wir sind nicht Ostdeutschland, und Moldau ist nicht Westdeutschland."



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