WikiLeaks-Enthüllungen Diplomaten-Kabel stellen Prinz Peinlich bloß

Erstes prominentes britisches WikiLeaks-Opfer ist Prinz Andrew: Bei einem Brunch in Bischkek plauderte er über korrupte Franzosen und ungebildete Amerikaner. Die Briten reagieren mit Kopfschütteln über den undiplomatischen Prinz - doch Konsequenzen will die Regierung nicht ziehen.
Britscher Außenhandelsbeauftragter Prinz Andrew: "Tiraden-Gesandter"

Britscher Außenhandelsbeauftragter Prinz Andrew: "Tiraden-Gesandter"

Foto: Chris Jackson/ Getty Images

Prinz Andrew

Überschrieben ist die Depesche vom 29. Oktober 2008 mit den Worten "Offene Diskussion mit über die Kirgisen". Die Verfasserin Tatiana Gfoeller, US-Botschafterin in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek, war von dem Gast aus Großbritannien offensichtlich beeindruckt - wenn auch nicht sonderlich positiv.

Die "erstaunlich offene" Diskussion mit britischen und kanadischen Geschäftsleuten über das Investitionsklima in dem zentralasiatischen Land habe mitunter "ans Rüde gegrenzt", berichtete Gfoeller nach Washington. Der Prinz, der als Sonderbeauftragter britische Außenhandelsinteressen vertritt, sei "großspurig" aufgetreten.

Andrew, schon länger umstritten, dürfte vor allem seine unvorsichtigen Äußerungen über Korruption bereuen. Unter anderem nannte er die mehrjährige Untersuchung eines Rüstungsdeals von BAe Systems mit Saudi-Arabien durch die britische Anti-Korruptionsbehörde eine "Idiotie", die das Geschäft beinahe verhindert hätte.

Unter dem Beifall der Anwesenden schimpfte Andrew auch auf "die ... (Schimpfwort) Journalisten, besonders vom 'Guardian', die ihre Nase überall reinstecken". Diese erschwerten es britischen Geschäftsleuten, Geschäfte zu machen, so der Prinz laut Gfoeller. Als die Investoren sagten, in Kirgisien laufe gar nichts ohne Schmiergelder, lachte Andrew laut und sagte: "Das klingt wie Frankreich".

"Enthüllt - die Vier-Buchstaben-Tirade"

Die US-Botschafterin war vom britischen Botschafter Paul Brummell zu dem Brunch im Hyatt Regency in Bischkek eingeladen worden. Eigentlich sollte das Treffen nur eine Stunde dauern, schreibt Gfoeller. Dank eines "superengagierten Prinzen" wurden jedoch zwei daraus. Gfoeller fiel auch die Abwesenheit von deutschen und französischen Investoren auf: "Sie waren anscheinend nicht eingeladen, obwohl sie auch Mitglieder der EU sind."

Die Depesche, über die der von Andrew so gescholtene "Guardian" im Zuge der WikiLeaks-Enthüllungen in Großbritannien groß berichtete, sorgte für einigen Wirbel. Fast alle großen Zeitungen machten am Dienstag mit der Nachricht auf. "Enthüllt - die Vier-Buchstaben-Tirade, mit der Prinz Andrew die amerikanische Botschafterin schockte", titelte die "Daily Mail". "Großspuriger Prinz attackiert britische Korruptionsuntersuchung", schrieb die "Times". Und die "Sun" nannte Andrew den "Tiraden-Gesandten".

Der Labour-Abgeordnete John Mann sagte, Andrew solle darüber nachdenken, ob er für den Job noch geeignet sei. "Als Mitglied der Königsfamilie wird von ihm erwartet, dass er keine politischen Kommentare abgibt", erinnerte die "Mail". Die Enthüllung werfe nun Fragen nach seiner Zukunft als Regierungsgesandter auf. Der Posten ist unbezahlt, aber die Spesen belaufen sich auf mehrere hunderttausend Pfund im Jahr.

Es ist nicht das erste Mal, dass Andrew als Handelsgesandter in der Kritik steht. Zuletzt hatte er für Schlagzeilen gesorgt, als der Schwiegersohn des kasachischen Präsidenten ihm sein Anwesen Sunninghill Park in der Grafschaft Surrey für 15 Millionen Pfund abkaufte - drei Millionen Pfund mehr als gefordert. Dabei hatte das Haus bereits mehrere Jahre zum Verkauf gestanden.

Die lockeren Sprüche über die Korruption lassen Andrew nun erneut in schlechtem Licht erscheinen. Gfoeller zitiert den Prinzen mit den Worten, mit der Korruption sei es wie mit der Magersucht. Von außen könne man die Kultur der Korruption in Kirgisien nicht ändern, das könne das Land nur selbst erledigen.

"Hoffen wir mal, dass er daraus lernt"

Allerdings ist es unwahrscheinlich, dass Andrew von seinen Aufgaben entbunden wird. Der Buckingham-Palast äußerte sich nicht dazu. Und der britische Wirtschaftsminister Vince Cable sagte, Andrew mache seinen Job ehrenamtlich und er mache ihn gut. Allerdings wäre es "hilfreich", wenn er sich künftig nicht zu politischen Fragen äußere, sagte der Minister dem Sender Sky News. Die britische Regierung dulde jedenfalls keine Korruption.

Der frühere Außenminister Malcolm Rifkind sagte der BBC, Andrews Äußerungen seien "unklug" gewesen, aber kein Grund für einen Rücktritt. "Hoffen wir mal, dass er daraus lernt".

Der Zwischenfall unterstreicht, dass Diplomatie nicht Andrews Stärke ist. Der Prinz ist - wie sein Vater Prinz Philip - bekannt dafür, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt. Er verkniff sich bei dem Brunch in Bischkek nicht einmal einen Seitenhieb auf die Amerikaner, obwohl die US-Botschafterin mit am Tisch saß.

Vereinigten Königreich

Als einer der Investoren anmerkte, die USA hätten trotz ihrer wirtschaftlichen Übermacht nicht mehr in Kirgisien investiert als die Briten, entgegnete Andrew, das sei keine Überraschung: "Die Amerikaner haben keine Ahnung von Geographie. Hatten sie noch nie. Im haben wir die besten Geographielehrer der Welt."