WikiLeaks-Gründer Assange attackiert rechte US-Kritiker

US-Erzkonservative haben WikiLeaks-Gründer Julian Assange zum neuen Lieblingsziel ihrer Tiraden auserkoren. Einzelne fordern sogar seine Hinrichtung. Doch nun wehrt sich Assange: Solche Kritiker sollten wegen Anstiftung zum Mord verfolgt werden, sie seien "Idioten" und Wichtigtuer.

WikiLeaks-Gründer Julian Assange: "Idioten, die sich einen Namen machen wollen"
AFP

WikiLeaks-Gründer Julian Assange: "Idioten, die sich einen Namen machen wollen"


Hamburg - Julian Assange ist das Gesicht der Enthüllungsplattform WikiLeaks - er ist seit der Veröffentlichung von Hunderttausenden US-Botschaftsdepeschen vor allem in den Vereinigten Staaten scharfen Attacken ausgesetzt. Nun wehrt sich der Australier. Kritiker wie die einflussreichen Republikaner Mike Huckabee und Sarah Palin nennt er "Idioten, die sich einen Namen machen wollen".

"Wenn wir in einer Zivilgesellschaft leben wollen, können nicht hochrangige Leute im nationalen Fernsehen dazu aufrufen, das Justizwesen zu umgehen und illegal Menschen zu ermorden", sagte Assange dem Sender MSNBC.

Besonders das rechte Amerika griff Assange in den vergangenen Wochen an. Wer immer Depeschen an WikiLeaks weitergegeben habe, habe sich des Landesverrats schuldig gemacht, sagte der einstige Baptistenprediger Huckabee, einer der aussichtsreichsten Bewerber für die republikanische Präsidentschaftskandidatur 2012. "Alles außer einer Hinrichtung ist eine zu milde Strafe."

Ähnliche Tiraden kamen von dem US-Fernsehmoderator Bill O'Reilly im konservativen Fernsehsender Fox. Jene, die die Informationen weitergegeben hätten, seien Verrräter: Diese sollten "exekutiert oder ins Gefängnis geworfen werden". Assange nannte er einen "Widerling", der Amerika zerstören wolle.

Auch Huckabees Konkurrentin Sarah Palin meldete sich zu Wort - über Facebook. Assange müsse gejagt werden, forderte sie, "er ist ein antiamerikanischer Aktivist mit Blut an den Händen. Warum wird er nicht mit demselben Nachdruck verfolgt wie al-Qaida- oder Taliban-Führer?"

"High-Tech-Terrorist" Assange?

Assange konterte nun bei MSNBC: "Das ist Anstiftung zum Mord." Wer solche Drohungen ausstoße, sollte juristisch verfolgt werden. Laut fragte er sich, ob die USA nicht schon in "Anarchie" verfallen seien, wenn die politischen Führer sich zu diesen Aussagen hinreißen ließen.

Die Kritik des Australiers richtete sich auch gegen US-Vizepräsident Joe Biden. Dieser hatte Assange vor wenigen Tagen als "High-Tech-Terroristen" bezeichnet - bislang die schärfste Reaktion aus der US-Regierung. Biden sagte, die Veröffentlichung der Dokumente habe Leben gefährdet.

Gegen solche Darstellung wehrte sich Assange nun: Kein Mensch sei jemals körperlich zu Schaden gekommen durch das Vorgehen von WikiLeaks: "Wer auch immer die Terroristen sind, wir sind es nicht."

CIA gründet neue Task Force wegen WikiLeaks

Die USA suchen derzeit nach Wegen, Assange wegen Geheimnisverrats vor Gericht zu stellen. Vergangene Woche fand in Washington eine Expertenanhörung im Rechtsausschuss des US-Repräsentantenhauses statt, in der es um die Möglichkeit ging, Assange deswegen zu belangen.

Er steht derzeit in Großbritannien unter Hausarrest und hält sich in einem Landhaus in der ostenglischen Grafschaft Suffolk auf, seit er das Gefängnis im Londoner Bezirk Wandsworth gegen Kaution verlassen durfte. Schweden fordert wegen des Verdachts auf Vergewaltigung und des sexuellen Missbrauchs seine Auslieferung.

Assange befürchtet jedoch eine Auslieferung an die USA. Dies halte er für "immer wahrscheinlicher", sagte der WikiLeaks-Chef vergangene Woche vor Journalisten: "Ich denke, es sind sehr aggressive Untersuchungen im Gange." Er sei von seinen US-Anwälten unterrichtet worden, dass es in einem geheimen Verfahren "eine US-Klageschrift wegen Spionage gegen mich geben könnte", sagte Assange dem britischen Sender BBC.

Der US-Geheimdienst CIA hat inzwischen eine Arbeitsgruppe eingesetzt, um die Folgen der Enthüllung der Geheimdokumente zu untersuchen. CIA-Chef Leon Panetta habe die sogenannte "WikiLeaks Task Force" (WTF) damit beauftragt, zu prüfen, ob die jüngst veröffentlichten Dokumente die ausländischen Beziehungen des Geheimdienstes oder seine Einsätze beeinträchtigten, sagte Behördensprecher George Little. Einem weiteren CIA-Vertreter zufolge wird die Arbeitsgruppe von der Abteilung für Spionageabwehr geleitet.

Der US-Obergefreite Bradley Manning wird verdächtigt, geheimes Material an WikiLeaks weitergegeben zu haben. Er ist seit mehreren Monaten in einem Militärgefängnis inhaftiert - seine Unterstützer beklagen nun äußerst harte Haftbedingungen. Den Vorwürfen gehen nun offenbar die Vereinten Nationen nach. Das Büro des Uno-Sonderberichterstatters über Folter, Manfred Nowak, sagte der Nachrichtenagentur AP, es habe eine Beschwerde von Unterstützern des Obergefreiten Bradley Manning erhalten, derzufolge die Haftbedingungen in einer Kaserne der Marineinfanterie im US-Staat Virginia Folter bedeuteten. Das US-Verteidigungsministerium wies alle Vorwürfe zurück.

kgp/dpa/AFP



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Seite 1
kleiner-moritz 11.12.2010
1.
Zitat von sysopDie Enthüllungen von WikiLeaks zeigen wie z.T. unzureichend die Öffentlichkeit von den Regierungen informiert wird. Wieviel Geheimnisse darf der Staat haben und fällt es noch unter Meinungsfreiheit, wenn diese veröffentlicht werden?
Es ist immer auch nach der Art des Geheimnisses zu fragen. Den Zugangscode für militärische Anlagen zu verraten ist etwas anderes als bspw. Pläne offenzulegen, wie die eigenen Kritiker (mund)tod gemacht werden sollen!
berther 11.12.2010
2.
Zitat von sysopDie Enthüllungen von WikiLeaks zeigen wie z.T. unzureichend die Öffentlichkeit von den Regierungen informiert wird. Wieviel Geheimnisse darf der Staat haben und fällt es noch unter Meinungsfreiheit, wenn diese veröffentlicht werden?
Wenn ein Staat nicht in der Lage ist , die seinen Bürgern verschwiegenen schmutzigen Machenschaften geheim zu halten , dann sollte er keine Geheimnisse haben. denn angeblich sollten doch in einer Demokratie die Bürger das sagen und die Entscheidungsgewalt haben - wird uns zumindest vor wahlen laufend eingeredet. Oder gibt es etwa gar keine Deokratie auf dieser nach amerikanischem Muster gestalteten Welt ? Vor 2000 Jahren im alten Rom war es schon ebenso , die Optimates mit aller Macht und Gewalt, mit Mord und Bürgerkrieg gegen die Populares. Die mächtigen Reichen gegen die scheinbar machtlosen Armen. Geschichte wiederholt sich - wenn die Menschen nichts daraus lernen.
tig13 11.12.2010
3.
Zitat von sysopDie Enthüllungen von WikiLeaks zeigen wie z.T. unzureichend die Öffentlichkeit von den Regierungen informiert wird. Wieviel Geheimnisse darf der Staat haben und fällt es noch unter Meinungsfreiheit, wenn diese veröffentlicht werden?
Ideal wäre natürlich, dass jeder die Möglichkeit hat sich über alles zu informieren. (Freier Zugang zu allen Daten) Ich glaube aber nicht, dass ein Staat auf diese Weise regiert werden kann, ja sogar im Gegenteil unregierbar würde und dann eventuell von einer anderen Macht "übernommen" würde, die wieder klare Verhältnisse schaffen soll. Völlige Meinungsfreiheit hat doch, meines Wissens, noch zu keinem Zeitpunkt, irgendwo auf der Welt geherrscht. Meiner Meinung nach ist das eine Utopie, ein nicht erreichbare Zustand, der als Idealbild angestrebt wird, aber praktisch unmöglich zu erreichen ist. Natürlich wird man sich für einmal getätigte Aussagen, bzw. einmal geäusserten Meinungen verantworten müssen. Jede Kultur, bzw. Gesellschaft hat da recht unterschiedliche Maßstäbe. Das sollte doch jedem klar sein. Die Frage ist für mich eher, wo ziehen wir die Grenze. Für mich erscheint es daher sinnvoll an der Utopie der völligen Meinungsfreiheit festzuhalten, um sich zumindest längerfristig in diese Richtung zu bewegen. Denn was wäre die Alternative dazu? Aus diesem Grunde finde ich es richtig, diese Dokumente zu veröffentlichen. Ob das allerdings auf diese Weise geschen muss? Naja . . . mal abwarten, wie sich das weiterentwickelt, ich emfinde diese Vorgänge um die Depeschen höchst interessant und politisch richtungsweisend.
Citizen-Kane 11.12.2010
4.
Zitat von sysopDie Enthüllungen von WikiLeaks zeigen wie z.T. unzureichend die Öffentlichkeit von den Regierungen informiert wird. Wieviel Geheimnisse darf der Staat haben und fällt es noch unter Meinungsfreiheit, wenn diese veröffentlicht werden?
Jetzt reicht es langsam! Eine Frage vorweg, ist das eigentlich beabsichtigt, dass die WikiLeaks Affäre durch die immer neuen Blocks zu diesem Thema zerfasert wird? Der ganze Themenkomplex wurde in den einzelnen Bereichen jetzt schon durch tausendfache Beiträge beleuchtet und egal wie die Fragestellung vorher ausgefallen ist, der Kern des Problems lies sich letztendlich nicht leugnen. Wie wäre es den mal mit folgender Fragestellung. "Frontalangriff auf die Freiheit, was kann, was sollte man tun?" Einen schönen Tag noch.
maxmart 11.12.2010
5. bedenklich ...
... findet konrad lischka in seinem kommentar "der stärkere legt nach" das verhalten der angegriffenen angreifer. sie mögen sich doch bitte an die schönen demokratischen tugenden halten und edel aber nutzlos ihre meinung kundtun. wo leben sie, herr lischka? in der welt, die ich lese, behängen sich die politiker pittoresk gegenseitig mit verdienstkreuzen, während mutti den bundeskanzler gibt. derweil betrügt die globalisierte finanzindustrie - endlich aller moral befreit - die menschen um ihr geld, die unternehmer um ihre unternehmen und die staaten um ihre autonomie. kriege sind projekte zur steigerung von produktivität und wirtschaftlicher effizienz. wann entwickelt SAP endlich eine standardlösung zur elimination prozesshemmender weltbestandteile, wahlweise militärisch oder finanziell? für die logistik von gerät, waffen und munition gibt es das ja bereits. herr lischka, in welcher welt leben sie? glauben sie ernsthaft, dass in den banken ihr geld persönlich entgegen genommen, in den keller getragen und sorgfältig behütet wird, bis sie ihre scheine wieder abholen? bei solchem verhalten wären ihre vorschläge zutiefst angemessen. ansonsten entsprechen die re-aktionen doch genau den aktionen. und warum kritisieren sie die nicht? george grosz hätte wieder viel zu malen.
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