WikiLeaks-Gründer Assange "Ich wurde vor Sex-Fallen gewarnt"

Ist Julian Assange Opfer einer Schmutzkampagne? Nicht nur er selbst ist davon überzeugt, auch viele Anhänger glauben an eine Geheimoperation unbekannter Strippenzieher. Die falschen Vergewaltigungsvorwürfe hält der WikiLeaks-Gründer für einen "schmutzigen Trick" - und weist indirekt auf das Pentagon.
WikiLeaks-Gründer Assange in Schweden: "Wir wurden gewarnt"

WikiLeaks-Gründer Assange in Schweden: "Wir wurden gewarnt"

Foto: Bertil Ericson/ dpa

WikiLeaks

Stockholm - Kaum war die Meldung in der Welt, kursierten erste Spekulationen. -Gründer Julian Assange soll in Schweden zwei Frauen vergewaltigt und belästigt haben? Das musste eine Geheimoperation sein, um den Meister der Whistleblower kaltzustellen.

Der Vorwurf wurde fallengelassen - und Assange gab umgehend seine Sicht der Dinge bekannt: Er hält eine Verschwörung für möglich. Der schwedischen Zeitung "Aftonbladet" sagte er in einem Interview, die Vorwürfe gegen ihn hätten WikiLeaks auf jeden Fall geschadet. "Feinde" der Enthüllungsplattform könnten sie nun benutzen, um deren Arbeit zu diskreditieren.

Wer hinter den Anschuldigungen stecke, wisse er nicht - "aber wir wurden gewarnt, dass beispielsweise das Pentagon plant, schmutzige Tricks anzuwenden", wird der 39-Jährige zitiert. "Ich wurde auch vor Sex-Fallen gewarnt." Zu den Vorwürfen selbst sagte er, er habe niemals mit jemandem Sex gehabt, der damit nicht einverstanden gewesen wäre - weder in Schweden noch anderswo.

Pentagon-Sprecher Geoff Morrell nannte Assanges Vorwürfe "absurd".

Kristinn Hrafnsson, ein WikiLeaks-Sprecher in Island, nannte die Ereignisse "so unglaublich, dass es unnatürlich wäre, nicht irgendetwas im Hintergrund zu vermuten".

Assange war in der vergangenen Woche bei einem Seminar der schwedischen Sozialdemokraten aufgetreten und hatte mehrere Interviews gegeben. WikiLeaks benutzt auch Server in Schweden. Daher bemühte er sich darum, dass die Website unter den Schutz der schwedischen Gesetze zum Informantenschutz fällt.

Staatsanwältin soll nicht ausreichend informiert gewesen sein

Hintergrund des Haftbefehls wegen Verdunkelungsgefahr waren die Aussagen zweier Schwedinnen, die Assange Vergewaltigung und sexuelle Nötigung vorwarfen. Sie hatten berichtet, zunächst freiwillig Sex mit dem 39-jährigen Australier gehabt zu haben. Dann sei er gewalttätig worden. Beide Frauen gingen zur Polizei, erstatteten aber keine Anzeige.

Stunden nach dem Haftbefehl wurde dieser wieder aufgehoben. Die Stockholmer Staatsanwältin Eva Finné sagte: "Es gibt für mich keinen Grund mehr für den Verdacht, dass er eine Vergewaltigung begangen hat." Die Ermittlungen wegen sexueller Nötigung würden jedoch fortgesetzt.

Warum die Kehrtwende? Finné habe am Samstag über deutlich mehr Informationen verfügt als die diensthabende Staatsanwältin am Freitagabend, teilte die Behörde am Sonntag mit. Eine Sprecherin sagte, da die Vergewaltigungsvorwürfe in der Nacht bekannt geworden seien, sei das Vorgehen "normal" gewesen. Die diensthabende Staatsanwältin Maria Häljebo Kjellstrand sagte der Zeitung "Expressen", sie bedauere ihre Entscheidung nicht, Assange zur Fahndung auszuschreiben. Die Auskünfte, die sie von der Polizei erhalten habe, seien "überzeugend" gewesen. Eine kleine schwedische Bürgerrechtsgruppe dagegen legte inzwischen beim Justiz-Ombudsmann Beschwerde ein, weil der Haftbefehl ohne ausreichende Informationen erlassen worden sei.

Assange selbst wies gleich nach Bekanntwerden der Anschuldigungen alles zurück. Im offiziellen WikiLeaks-Blog stellten sich die Mitarbeiter hinter ihn: "Wir sind zutiefst beunruhigt über die Schwere der Vorwürfe. Wir, die Leute hinter WikiLeaks, empfinden großen Respekt für Julian. Er hat unsere volle Unterstützung." Zu der für Schweden extrem ungewöhnlichen Veröffentlichung des Namens eines Tatverdächtigen schrieb WikiLeaks gleich in einer ersten Twitter-Mitteilung: "Wir sind vor schmutzigen Tricks gewarnt worden. Jetzt erleben wir den ersten." Auch Assange meldete sich über die Kurzmitteilungsplattform zu Wort und erklärte: "Diese Vorwürfe entbehren jeder Grundlage, und dass sie zu diesem Zeitpunkt erhoben werden, ist zutiefst beunruhigend."

US-Staatsanwälte prüfen mögliche Strafanzeigen

Afghanistan-Protokolle

WikiLeaks ist in den Wochen seit der Enthüllung der unter Druck geraten. Vor allem die US-Regierung protestiert gegen die Veröffentlichung geheimer Militärdokumente und prüft, wie sie gegen die Aktivisten der Internetplattform vorgehen kann.

Einem Bericht des "Wall Street Journal" zufolge prüfen US-Staatsanwälte inzwischen mögliche Strafanzeigen gegen WikiLeaks. Assange ist vom US-Geheimdienst FBI bislang nicht zum Ziel weiterer Untersuchungen erhoben worden - dennoch würden Verteidigungs- und Justizministerium nach Möglichkeiten suchen, Assange und andere WikiLeaks-Helfer wegen Anstiftung zum Diebstahl von Regierungseigentum zu belangen, schreibt die Zeitung unter Berufung auf Regierungsmitarbeiter.

Wo sich Assange am Wochenende aufhielt, ist unklar. Er hat keine dauerhafte Adresse, über sein Privatleben ist kaum etwas bekannt. Daniel Schmitt von WikiLeaks sagte der Nachrichtenagentur AP, der Australier habe von den Vorwürfen "aus den Nachrichten" erfahren "beziehungsweise aus einem der Boulevardblätter in Schweden".

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikel fehlte der Hinweis, dass die schwedische Staatsanwaltschaft zwar den Haftbefehl gegen Julian Assange aufgehoben, nicht aber die Ermittlungen wegen sexueller Nötigung eingestellt hat. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

oka/AP/apn/dpa
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