WikiLeaks-Informant Bradley Manning Keine Gnade für den Whistleblower

Hartes Urteil gegen den WikiLeaks-Informanten Bradley Manning: In nahezu allen Anklagepunkten hat eine Militärrichterin den 25-Jährigen für schuldig befunden. Nur den Vorwurf der Unterstützung des Feindes ließ sie nicht gelten - damit setzt sie ein Signal.
Bradley Manning: Schuldig in 20 Punkten

Bradley Manning: Schuldig in 20 Punkten

Foto: Jim Lo Scalzo/ dpa

Bevor sie mit der Verlesung des Urteils in ihren Händen beginnt, schaut Richterin Denise Lind noch einmal auf, blickt in den Gerichtssaal, auf die Ankläger, die Verteidiger, auf Bradley Manning natürlich, den schmächtigen 25-Jährigen, der da vor ihr sitzt, neben seinem bulligen Anwalt David Coombs. Es werde eine Weile dauern, sagt Lind mit Blick auf die 22 Anklagepunkte, rückt sich ihre Brille zurecht und legt los.

Aber es geht dann ganz schnell, in knapp fünf Minuten ist die Militärrichterin durch. Es beginnt gut für Manning, den WikiLeaks-Informanten. Am Ende wird es schmerzhaft.

Die erste und schwerste Anklage lautet auf Unterstützung des Feindes. Darauf steht theoretisch die Todesstrafe, doch die Regierung fordert für Manning nur lebenslängliche Haft, ohne Chance auf vorzeitige Entlassung. Nur. Manning steht jetzt, die Richterin schaut ihn an, dann liest sie ab: "Not guilty" - nicht schuldig. Manning müht sich, keine Reaktion zu zeigen. Genau so, wie er es in den gesamten acht Wochen dieses Prozesses bisher gehalten hat.

Und dann macht Richterin Lind weiter, einen Anklagepunkt nach dem anderen. Guilty, sagt sie. Guilty, guilty, guilty. Am Ende hört Bradley Manning das bei insgesamt 20 von 22 Punkten. Schuldig der Spionage, schuldig der Weitergabe der geheimen Botschaftsdepeschen und der Irak-Kriegstagebücher, schuldig des Diebstahls von Regierungseigentum, schuldig der Computerkriminalität, schuldig des Verstoßes gegen interne Regeln des Militärs. Schuldig, schuldig, schuldig.

Auf die meisten Vergehen steht eine Maximalstrafe von zehn Jahren, auf manche auch nur zwei. Alles zusammengerechnet, kommen am Ende rund 140 Jahre zusammen. Wie gesagt: Das wäre die Maximalstrafe. In den kommenden Wochen wird das Militärgericht auf dem US-Stützpunkt Fort Meade über das konkrete Strafmaß weiterverhandeln, erneut werden Zeugen gehört. Mannings Verteidiger scheint guter Hoffnung, nachdem der Vorwurf der Feindesunterstützung - und damit der lebenslangen Haft ohne vorzeitige Entlassung - abgeräumt ist: "Wir haben die Schlacht gewonnen, jetzt müssen wir den Krieg gewinnen", sagt er nach dem Urteil. Es sei ein guter Tag gewesen, "aber Bradley ist nicht aus dem Feuer".

Das soll erfolgreich klingen. Doch einen klaren Sieg hat dieser Dienstag mitnichten gebracht. Richterin Lind hat mit diesem Urteil zum größten Geheimnisverrat in der US-Geschichte zwei Signale gesetzt:

Erstens: Keine Gnade für Whistleblower. Amerika verfolgt die Enthüller seiner Geheimnisse mit großer Härte. Der Fall Manning soll abschrecken.

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Bradley Manning: Prominente Unterstützung

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Zweitens: Lind schreckte davor zurück, einen Präzedenzfall zur Aushöhlung der Pressefreiheit in den USA zu schaffen.

Hätte das Gericht Manning wegen Feindesunterstützung belangt, wäre die Weitergabe von Informationen an Medien und Öffentlichkeit mit der direkten Hilfe etwa für die Terrororganisation al-Qaida gleichgesetzt worden. Oder, wie es Daniel Ellsberg, der einst die sogenannten Pentagon-Papiere an die Presse gab und damit über die Aussichtslosigkeit des Vietnam-Kriegs aufklärte, noch vor dem Urteil gegen Manning feststellte: "Dass man lebenslange Haft oder Tod fürchten müsste, wenn man seine Mitbürger zu deren Wohl informiert, wäre ein potentiell tödlicher Schlag gegen die Freiheit der Rede und der Presse."

Mannings Verteidiger Coombs hatte den Unterschied zwischen der Weitergabe von Informationen an die Öffentlichkeit und an den Feind am vergangenen Freitag so darzustellen versucht: Enthülle man zum Beispiel eine Truppenbewegung von A nach B zu einer bestimmten Uhrzeit, dann profitiere der Feind nur dann, wenn er diese Information direkt erhalte. Würde sie an die Öffentlichkeit gegeben, werde es diese Truppenbewegung letztlich sicher nicht geben, denn man wisse ja nun, dass auch der Feind im Bilde sei.

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US-Soldat Bradley Manning: Urteil gegen WikiLeaks-Informant

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Dass nun Manning in Sachen Feindesunterstützung nicht schuldig gesprochen wurde, mindert keinesfalls den massiven Druck, den US-Präsident Barack Obama auf Medien und potentielle Whistleblower auszuüben sucht. So wurde etwa jüngst der Investigativreporter James Risen von einem Bundesgericht zur Aussage gegen einen vertraulichen CIA-Informanten verpflichtet - unter Androhung von Beugehaft. Risen hat angekündigt, im Zweifel lieber ins Gefängnis zu gehen. Gegenwärtig lässt die US-Regierung sechs vermeintliche Geheimnisverräter anklagen - das sind so viele wie unter keinem Präsidenten zuvor.

Im Manning-Prozess ist die Verteidigung letztlich nicht durchgedrungen mit ihrer Strategie, den 25-Jährigen als Enthüller aus moralischen Gründen zu zeichnen. "Jung, naiv, aber mit guten Absichten", so hatte Coombs seinen Mandanten wieder und wieder beschrieben. Was Manning getan habe, das sei "nicht antiamerikanisch, das ist vielmehr genau das, was Amerika ausmacht". Die Ankläger um Major Ashden Fein hingegen stellten Manning als Verräter aus Eitelkeit dar; als einen Soldaten, dem weder Eid noch US-Fahne etwas bedeuteten. Manning sei kein Whistleblower, sondern ein Hacker und Verräter, erklärte Ankläger Fein stets.

Manning selbst hatte frühzeitig - bereits im Februar - die Weitergabe von Dokumenten an WikiLeaks eingestanden. Er hatte sich in zehn minder schweren Anklagepunkten selbst belastet und damit eine Freiheitsstrafe von rund 20 Jahren in Kauf genommen. Doch es half nichts. Nun muss er mit mehreren Jahrzehnten hinter Gittern rechnen.

Im fernen Moskau wird Edward Snowden genau hingeschaut haben.

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