Abgetauchter Präsident Janukowytsch "Die Ukraine ist ein wildes Land geworden"

Drei Jahre nach dem Maidan-Aufstand meldet sich Wiktor Janukowytsch im Ukrainekonflikt zu Wort - per Brief an Trump, Putin, Merkel und andere. SPIEGEL-Korrespondent Christian Neef traf den Ex-Präsidenten.

Wiktor Janukowytsch
Dmitri Beliakov/ DER SPIEGEL

Wiktor Janukowytsch


Eigentlich ist er seit dem Aufstand auf dem Maidan-Platz in Kiew vor drei Jahren abgetaucht, aber jetzt macht Wiktor Janukowytsch wieder auf sich aufmerksam. Am Dienstagabend präsentierte der frühere Präsident der Ukraine in Moskau ein neunseitiges Schreiben an die Staatsführer der USA, Russlands, Deutschlands, Frankreichs und Polens. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und "Präsident Frank-Walter Steinmeier" bekommen den Brief - obwohl Steinmeier ja noch gar nicht als Staatsoberhaupt amtiert.

Es geht auf halb acht, als Janukowytsch den Raum in einem Haus mitten im Zentrum der russischen Hauptstadt betritt. Er trägt einen schwarzen, fein gestreiften Anzug, dazu einen blauen, gepunkteten Schlips. Er ist nicht so oft in Moskau, die meiste Zeit lebt er in Südrussland, bei Rostow am Don. Aber es ist der 21. Februar, der Jahrestag des blutigen Maidan, und Janukowitsch will in Erinnerung bringen, dass auch er noch ein Spieler im großen Poker um die Ukraine ist.

Es wird ein in vielerlei Hinsicht denkwürdiger Abend. Zuerst schiebt ein Gehilfe die Briefe an Trump, Merkel, Putin und Hollande über den Tisch, die an diesem Mittwoch in Washington, Berlin, Moskau und Paris übergeben werden sollen. Dann erklärt der Ex-Präsident, dass er jede, wirklich jede Frage zu beantworten gedenke, denn er sei zutiefst an der Aufklärung der blutigen Ereignisse von 2014 interessiert.

Doch bevor es dazu kommt, beginnt Janukowytsch einen langen Monolog. Er will noch einmal erklären, warum er im Herbst 2013 im litauischen Vilnius das Assoziierungsabkommen mit der EU nicht unterschrieb und damit den Maidan-Aufstand auslöste. 30 Minuten braucht er dafür.

Er erzählt, dass der Westen kein ehrliches Spiel mit ihm getrieben hätte. Es sei von vornherein klar gewesen, dass Europa "unsere Waren gar nicht benötige". Dass die Verhandlungen mit Brüssel aber den Nachbarn Russland beunruhigt hätten und dass Moskau bereits 2013 "aus Selbstschutz" seine Wirtschaftsbeziehungen mit Kiew zurückgefahren habe.

"Wir hatten damals Recht"

Dass die Handelsverluste mit Russland für die Ukraine deswegen immer größer geworden seien und dass er, Janukowytsch, von den Europäern Kompensationen gefordert habe, falls er das Abkommen mit der EU doch unterzeichne. "200 Milliarden Euro", sagt er auf Nachfrage, "das ist doch nicht mehr gewesen als das, was die EU an Griechenland zahlte". Aber die Europäer hätten gerade mal 5 oder 10 Milliarden geboten, und das auch nur langfristig. Da habe er die Notbremse gezogen. Wenn er sehe, wie schlecht es der Ukraine heute gehe, dann müsse er sagen: "Wir hatten damals Recht."

Soweit so bekannt. Aber dann wird es spannend, dann kommt die Rede auf den Maidan. Wer denn bereits im November 2013 den Befehl zur gewaltsamen Räumung des Platzes gegeben habe, zu einer Zeit, als dort lediglich enttäuschte, unbewaffnete Studenten gestanden hätten? Zuerst streitet Janukowytsch ab, dass es damals auf dem Maidan noch friedlich zugegangen sei. Dann lenkt er auf Nachfrage ein und bestätigt, den Aufmarsch der Spezialeinheiten habe es gegeben, aber den hätten der damalige Chef des Sicherheitsrates und der Chef seiner Präsidialadministration zu verantworten. Und der Oligarch Dmytro Firtasch, der jetzt nach Wien geflüchtet ist. Die hätten hinter seinem Rücken ihr eigenes Spiel getrieben, sie hätten ihn getäuscht, gelogen, betrogen.

Überhaupt: Er sei immer hinters Licht geführt worden, gibt der Ex-Präsident zu verstehen. Auch von den Außenministern Deutschlands, Frankreichs und Polens, als die am 20. Februar 2014 nach Kiew kamen und "wir zusammen mit der Opposition ein Abkommen aushandelten. Ich bin faktisch auf alles eingegangen, was man mir vorgeschlagen hat - auch auf vorzeitige Präsidentenwahlen und eine Verfassungsänderung, nur um Blutvergießen zu vermeiden: Aber das alles war von vornherein eine Maskerade..."

Janukowytsch meint damit, die Außenminister, darunter der Deutsche Steinmeier, hätten ihn mit ihren Verhandlungen hinters Licht geführt und so den "verfassungswidrigen Staatsstreich" unterstützt. Und später hätten sie ihn fallen gelassen - sie hätten den Beschluss des Parlaments sofort anerkannt, der ihn als Präsident absetzte. Steinmeier hätte gesagt, das Abkommen mit der Opposition sei gut gewesen, aber er - Janukowytsch - hätte es gebrochen, er sei aus der Ukraine geflüchtet. "Niemand aus Europa oder Amerika hat in all diesen Tagen auch nur den Kontakt zu mir gesucht." Von diesen Vorwürfen steht jetzt natürlich nichts an dem Brief an "Your Excellency Mr. President Frank-Walter Steinmeier".

Janukowytsch versucht sich zu rechtfertigen

Mit militärischem Einsatz hätte er seine Macht damals wahren können, sagt Janukowytsch, er habe überlegt, in einer anderen ukrainischen Stadt eine Gegenregierung auszurufen. Aber das hätte Bürgerkrieg bedeutet.

Die Vorgänge auf dem Maidan und seine Flucht schildert er in allen möglichen Facetten auch in den Briefen an Trump, Putin, Merkel und Hollande: die Fahrt nach Charkiw, der Flug im Hubschrauber nach Donezk, schließlich die Flucht auf die Krim, die fast in der Nähe von Melitopol gescheitert wäre, weil dort "eine schwer bewaffnete Söldnertruppe auf unsere Kolonne gewartet hat - mit dem Befehl, alle - mich inbegriffen - zu erschießen". Offensichtlich wird: Da will sich ein Mann im Nachhinein rechtfertigen, dem selbst der russische Präsident in aller Öffentlichkeit zu verstehen gab, dass er sein Land in solch einer Situation nie verlassen hätte.

Janukowitsch sagt, er wisse genau, wer die Scharfschützen auf dem Maidan gewesen seien, wer sie durchgelassen habe und aus welchem Haus sie auf die Polizisten und die Männer seiner Spezialeinheiten geschossen hätten. Aber er müsse seine Informanten schützen, er müsse sich jetzt ja auch juristisch verteidigen. Und immer wieder fällt der Satz: "Ich kann Ihnen jetzt nicht alles sagen." Auch nicht die Namen jener Oligarchen oder der Politiker der jetzigen Kiewer Führung, mit denen er sich in letzter Zeit getroffen habe.

Sechs Punkte zur Lösung des Konflikts

Er würde gerne, sagt er an diesem Abend, an einer Friedensmission im Donbass mitwirken, dort, wo jetzt Krieg herrsche, in seiner unmittelbaren Heimat. Das umstrittene Gebiet solle auf jeden Fall im Bestand der Ukraine bleiben, aber eine erweiterte Autonomie erhalten.

In seinen Briefen an die Staats- und Regierungschefs zählt er sechs Punkte einer möglichen Lösung des Konflikts um die Ostukraine auf: Vier davon betreffen die "Aufklärung der Verbrechen auf dem Maidan im Februar 2014", dazu solle eine Sonderkommission des Europarats berufen werden. Dann fordert Janukowytsch, zu den Verhandlungen des Normandie-Formats, das die Einhaltung des Minsker Abkommens überwacht, auch Vertreter der protestierenden Seite im Donbass hinzuzuziehen - also die Separatistenführer von Donezk und Luhansk. Schließlich folgt als sechster Punkt eine Drohung: Würden die Minsker Vereinbarungen von den "gegenwärtigen Kiewer Machthabern" nicht erfüllt, müsse ein Referendum über den Status des Donbass durchgeführt werden.

Was passiert, wenn Russland die Abkommen nicht einhalte, wird nicht mal erwähnt - was darauf schließen lässt, dass das Papier aufs Engste mit der Moskauer Führung abgestimmt, wenn nicht sogar von ihr initiiert worden ist. Der Brief an Putin ist übrigens drei Seiten kürzer als die Schreiben an die westlichen Staatsführer, weil Janukowytsch dort all das ausgespart hat, was Putin ohnehin besser weiß.

Der Abend mit Viktor Janukowytsch geht kurz vor 22 Uhr zu Ende. Fazit: Da kämpft ein zutiefst verunsicherter Mann um seinen Ruf. Weitschweifig und redundant erklärt er die vergangenen drei Jahre, immer um Verständnis heischend, manchmal geradezu inständig bittend.

Man lernt: Im Drama um den Maidan ist er offenbar tatsächlich stets der Getriebene gewesen - gesteuert von seiner eigenen Umgebung und den fernen Freunden in Moskau. Er ist ein Mann, der Entscheidungen scheut. Es ist schließlich einer seiner Berater, der zum Auseinandergehen rät, weil die eigenen Leute endlich Feierabend haben wollen. "Die Ukraine ist ein wildes Land geworden", sagt Janukowytsch und steht zögernd auf. Er hätte sonst bis zum Morgen erzählt.

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