Winter-Treffen der US-Demokraten "Sie können uns Gott nicht einfach wegnehmen"

Auf ihrem Winter-Parteitag in Washington übt sich die Demokratische Partei in bitterster Selbstkritik: Das Volk vernachlässigt, die Ideale verraten, den Gott verloren. Nun soll der Messias Howard Dean die Delegierten aus ihrer Verzweiflung erlösen.

Von Volker ter Haseborg, Washington


Dean: Krampfhafte Jubelstimmung
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Dean: Krampfhafte Jubelstimmung

Washington - Irgendwie ist schon am ersten Tag des "Winter Meetings" des Democratic National Committee (DNC) die Luft raus. In den mächtigen Hallen des Hilton-Hotels im Washingtoner Stadtteil Dupont Circle kann sich keiner so richtig aufraffen, optimistische Stimmung zu verbreiten. Gleich am Eingang stehen ein paar junge Parteimitglieder und verkaufen Broschen mit der Aufschrift "Howard Dean for DNC Chair".

Als ob sich der ehemalige Gouverneur des US-Staats Vermont und Mitbewerber um das Präsidentenamt in einem Wahlkampf gegen irgendjemand durchsetzen müsste. Seine sechs Kontrahenten hatten schon im Vorfeld signalisiert, dass sie ihn unterstützen wollten. Somit steht schon fest, wie der Parteitag laufen wird, eigentlich könnten die Delegierten wieder nach Hause fahren.

Doch die Wahl Deans ist erst am Sonnabend. Bis dahin wollen die Demokraten in kleinen oder großen Gruppen die Wunden der verlorenen Präsidentenwahl lecken und über die Zukunft ihrer krisengeschüttelten Partei reden. Im "Monroe"-Saal hat sich die "Association of State Democratic Chairs" versammelt, ein mächtiger Parteiflügel der DNC, der für mehr Macht der Bundesstaaten kämpft. Wer die Situation der Demokraten in den USA begreifen will, ist hier genau richtig. "Wir haben die Bindung zum Volk verloren", klagt eine Delegierte. Eine andere Demokratin aus einem "roten" Bundesstaat - also einer Hochburg der Republikaner - kritisiert, dass die Demokraten überhaupt nicht mehr in solchen Gebieten präsent sind, wo die Republikaner die Mehrheit haben.

Dann stellen sich die Bewerber für die drei offenen Posten des Vize-Vorsitzenden der DNC vor. Die Attribute, mit denen sie für sich werben, sind symptomatisch für das, was den Demokraten derzeit fehlt. "Wir müssen viel mehr auf lokaler Ebene arbeiten", findet Mike Honda, der Vize-Vorsitzender werden will. Nelson Diaz, der aus den Reihen der Hispanics kommt, meint: "Ich habe noch Ideale und Führungsstärke. Das ist das, was die Demokraten im Moment brauchen." Eine andere Bewerberin beklagt, dass die Demokraten sich von den Republikanern religiöse Themen haben wegnehmen lassen: "Sie können uns Gott nicht einfach wegnehmen. Er ist für alle da."

Dann der große Augenblick: Howard Dean betritt den Tagungs-Saal. Sofort springen alle Abgeordneten von ihren Sitzen auf und bemühen sich krampfhaft um Jubel-Stimmung. Doch Dean macht aus der schlechten Lage der DNC keinen Hehl: Es gebe viele, die der Partei keine Erfolgsaussichten bescheinigten, weil sie nicht so viel Geld hätte wie pompös ausgestattete Präsidentschafts-Bewerber. "Deshalb müssen wir zurück an die Basis", fordert er und findet ein dankbares Publikum in den Föderalisten im Saal. Dann ist er auch schon wieder verschwunden.

Bis zum Sonnabend müssen die demokratischen Abgeordneten noch in Washington bleiben, bis sie endlich das machen können, was ohnehin schon klar ist: Dean wählen und wieder nach Hause fahren.



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