Wirtschaftselite in Davos Gipfel der Hilflosigkeit

Eben waren sie noch Giganten, die den Globus beherrschten und allen das wahre Wirtschaften erklärten. Doch im Jahr der Finanzkrise sieht Davos kleinlaute Manager und Börsengurus. Sie haben keine Lösung parat. Es herrscht Unsicherheit - und Angst vor den sozialen Folgen des Marktversagens.

Aus Davos berichtet


Der Appell klingt eindringlich. Das Ziel sei "eine klare Botschaft", mahnt der Moderator. Die Männer und Frauen an den runden Tischen stecken die Köpfe zusammen. Sie kommen aus aller Herren Länder, sind Mitglieder der globalen Elite, zumindest ist das der Anspruch des Weltwirtschaftsforums an seine Gäste. Und sie sollen jetzt, in 90 Minuten, in dem großen Konferenzsaal des Kongresszentrums, zusammenfassen, was die Welt dieses Jahr zu erledigen hat. "The Global Agenda for 2009", heißt diese letzte Veranstaltung, "The View from Davos".

Desmond Tutu, Kronprinz Haakon von Norwegen und der Philosoph Pekka Himanen: Debatten im Strudel der Finanzkrise
DPA

Desmond Tutu, Kronprinz Haakon von Norwegen und der Philosoph Pekka Himanen: Debatten im Strudel der Finanzkrise

Ein älterer Herr in dunklem Anzug schreitet mit großen Schritten zwischen den Arbeitsgruppen umher, wie ein Lehrer, der seine Schüler beaufsichtigt, die Hände in den Anzugtaschen. Es ist Forumsgründer Klaus Schwab. Sein Gesicht ist ernst.

Die Welt befindet sich in einer verzweifelten Situation, ein Land nach dem anderen gerät in den Strudel der großen Finanzkrise, Regierungen pumpen weitgehend wirkungslos Hunderte Milliarden in Märkte und Industrien. Zehntausende Jobs werden vernichtet.

Fünf Tage lang haben über 2400 Manager, Politiker, Wissenschaftler und Religionsführer darüber jetzt diskutiert. Darunter die wichtigsten Firmenlenker und rund 40 Staatschefs. Und trotz aller Versuche Schwabs, Optimismus zu verbreiten – am Ende hinterlässt das Treffen bei vielen Teilnehmern vor allem eins: Verunsicherung.

"Es gibt eine Menge Gespräche, Diskussionen", sagt etwa Kris Gopalakrishnan– CEO des indischen IT-Giganten Infosys – zu SPIEGEL ONLINE. Aber andere, neue Ideen? Fehlanzeige. "Oder ich habe sie nicht gefunden", fügt der Manager hinzu und lächelt hilflos. Er will nicht unhöflich sein.

Merkel wirbt für die soziale Marktwirtschaft

Wenn eine Botschaft von diesem Gipfel ausgeht, dann die, dass sich mit den zahlreichen Beben der Weltwirtschaft auch das Werte- und Machtgefüge verschiebt. Erteilten früher noch Wall-Street-Banker und US-Politiker großspurig in Davos ihre Lektionen über Management und Wirtschaftspolitik, ist es diesmal genau umgekehrt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht sich für die weltweite Einführung der sozialen Marktwirtschaft nach deutschem Modell aus – und erntet zustimmendes Nicken. Der chinesische Premier Wen Jiabao geißelt "die unangemessene makroökonomische Politik" mancher Länder, die sich durch tiefe Sparquoten und hohen Konsum auszeichne. Wen er meint, ist klar. Und der russische Premier Wladimir Putin spottet über US-Vertreter, die im vergangenen Jahr die "wolkenfreien Aussichten" ihrer Wirtschaft gepriesen hätten.

Sicher: Auch er appelliert, die Krise gemeinsam zu meistern. Gleichzeitig aber lässt er kaum eine Gelegenheit aus, um sein Selbstbewusstsein zu demonstrieren – und die angereisten Manager zu düpieren. Als ihm der US-Manager Michael Dell, Chef des gleichnamigen PC-Riesen, Hilfe beim Ausbau der russischen IT-Infrastruktur anbietet, blafft Putin, sein Land sei kein Entwicklungsland. Bei einem Treffen mit einer Gruppe von Vorstandsvorsitzenden lässt der Russe die Top-Manager dann 30 Minuten warten, wie die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" berichtet. Anschließend seien sie "wie Schulbuben behandelt" worden, berichtete ein Teilnehmer der Runde dem Blatt. Bei einer anderen, kurzfristig einberufenen Veranstaltung erscheint Putin gar nicht. Er ist der Gastgeber.

Signale der Bescheidenheit aus den USA

Die US-Vertreter senden dagegen ein Zeichen der Bescheidenheit nach dem anderen aus. Die Regierung selbst ist zwar nicht angereist – sie hat ihre Arbeit erst wenige Tage zuvor aufgenommen. Doch Valerie Jarrett, Sondergesandte von US-Präsident Barack Obama, erklärt vorsichtig, Unternehmen und Regierungen seien "abgrundtief verantwortungslos" gewesen, sowohl in den USA als auch anderswo in der Welt.

Und Ex-Präsident Bill Clinton gesteht gar unumwunden ein, die USA hätten bei der Kreditblase den Anfang gemacht. Weil sie nach dem Platzen der Dot-Com-Blase keine Strategie gehabt hätten, die damaligen Turbulenzen zu überstehen. Also sei der Häusermarkt aufgebläht worden, um Wachstum zu erzeugen.

"Wir werden es überleben", sagt Clinton außerdem nüchtern über die Zukunftsaussichten seines Landes. Allzu optimistisch klingt das nicht.

Kein Wunder, wird in diesen Tagen doch ein Horrorszenario nach dem anderen gemalt. "Das Schlimmste steht uns noch bevor", sagt US-Ökonom Nouriel Roubini in seiner schnoddrigen Art immer wieder. Die Banken der Welt müssten wohl noch Hunderte Milliarden Dollar abschreiben, insgesamt, schätzt er, wird sich die Summe irgendwann auf bis zu 3,6 Billionen summieren. Die US-Banken seien ohnehin schon quasi pleite, glaubt Roubini – und fordert deshalb, Obama solle die angeschlagenen Institute gleich verstaatlichen anstatt erst Versuche mit einer Bad Bank zu starten.

Kollegen wie der Harvard-Wissenschaftler Kenneth Rogoff sehen das ähnlich. "Ich glaube, dass es dazu keine saubere Alternative gibt im Moment", sagt er im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Und dass es bis zu einer Dekade dauern könnte, bis die US-Wirtschaft wieder richtig in Schwung kommt.

Und ein Eklat, der in Erinnerung bleiben wird

Als ob das alles nicht genug wäre, folgt dann auch noch ein diplomatischer Eklat, der mit der Finanzkrise nichts zu tun hat – und dessen Folgen trotzdem noch lange nach Davos zu spüren sein werden. Bei einer Podiumsdiskussion verlässt der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan wütend die Bühne mit den Worten: "Ich komme nicht mehr nach Davos."

Der israelischen Präsident Schimon Peres hatte zuvor seine Redezeit um ein Vielfaches überzogen und ein emotionales Plädoyer für den Krieg im Gaza-Streifen gehalten. Erdogan blieb kaum noch Zeit für eine Erwiderung. Nach seinem empörten Abgang wurde binnen kürzester Zeit eine Pressekonferenz einberufen, bei der Erdogan noch einmal seinen Standpunkt klarmachen konnte. Der Eklat führte in der Türkei zu Begeisterungsstürmen und wird wohl noch lange die diplomatischen Beziehungen überschatten.

Schon vor diesem politischen Desaster war die Stimmung in Davos nüchtern. In der Kulisse aus verschneiten Bergen, Luxushotels und Sicherheitsabsperrungen mache sich eine "neue Nachdenklichkeit" breit, sagt ein Teilnehmer. "Es ist weniger oberflächlich."

Sicher, die legendäre Google-Party gerät noch immer zum hoffnungslos überfüllten Spektakel. Doch die meisten Feiern enden früher und sind sowieso von vorneherein krisengerecht angelegt. Regionale Spezialitäten statt Kaviar, im Nobelhotel Belvedere wird 50 Prozent weniger Champagner ausgeschenkt, wie die "NZZ am Sonntag" berichtet. Wein tut es schließlich auch. Bayer-Chef Werner Wennig bringt wohl das, was alle denken, auf den Punkt: "Ich weiß nicht, ob wir in der Mitte oder am Ende der Krise sind."

Dementsprechend alarmiert geben sich auch die Redner, die nun an diesem letzten Tag die "Agenda 2009" setzen wollen. Wie ein Mantra wird die Forderung nach globaler Zusammenarbeit vorgetragen, Protektionismus verdammt. Und eine Angst scheint die Anwesenden besonders umzutreiben: die Sorge vor sozialen Unruhen infolge der Krise.

Man dürfe keine Zeit verlieren, sagt eine Frau und betont jedes einzelne Wort. Es sei jetzt nicht mehr die Zeit der Worte. "Es ist die Zeit der Umsetzung."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels wurde als CEO des indischen Software-Konzerns Infosys fälschlicherweise Subramaniam Ramadorai genannt. CEO ist jedoch Kris Gopalakrishnan. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, diesen zu entschuldigen

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