Wirtschaftsminister in Ägypten Röslers ägyptischer Jungbrunnen

Vizekanzler Philipp Rösler besucht Ägypten. Und wird dort mit Fragen über das deutsche Verhalten gegenüber einer künftigen islamistischen Regierung konfrontiert. Der FDP-Politiker gibt sich diplomatisch - und punktet mit einer Antwort nach seinem Alter.

Wirtschaftsminister Rösler in Kairo: Seine Jugend erstaunt die Reporter
dapd

Wirtschaftsminister Rösler in Kairo: Seine Jugend erstaunt die Reporter

Aus Kairo berichtet


Mancher in Ägypten würde sich wohl einen Mann der Generation Rösler im Kabinett wünschen: Erst 38 Jahre jung und schon Vizekanzler, Bundeswirtschaftsminister und Parteichef. Ein Reporter steht im Presseraum des Handels- und Industrieministeriums in Kairo auf und sagt höflich, man sei "erstaunt über die Jugend des Ministers, der eine große, breite Palette zu bewältigen hat." Wie ihm das gelinge?

Es ist eine Frage, mit der Rösler bei seinem Besuch in Kairo nun wirklich nicht gerechnet hat. Er bleibt ganz und gar ernst. In Deutschland hat man ihm und der jungen Führungsgarde der FDP, dem 34-jährigen Daniel Bahr und dem 32-jährigen Christian Lindner schon mal ihre Jugend in Medien vorgehalten. Nach dem Motto: Können die das überhaupt? Hier aber ist die Frage nach dem Alter gar nicht despektierlich gemeint. In einem Land, in dem 60 Prozent der Bevölkerung unter 30 ist und deren junge Gesellschaft sich nicht wiederfindet im neuen Übergangskabinett. Das besteht nämlich fast nur aus alten, bekannten Gesichtern - vor allem aber vielen Herren über 60.

Rösler amüsiert die Reporter

Die Journalisten blicken auf Rösler. Es sei eine Stärke der Demokratie, unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Religion "und auch Alter" in höchste Ämter gewählt werden zu können, antwortet der Gast aus Deutschland. Schmunzelnd fügt er hinzu: Wenn man als junger Mensch etwas verändern wolle, sei es sinnvoll, in eine Partei einzutreten "und nicht nur Parteivorsitzender, sondern auch gleich Minister für Wirtschaft und Technologie zu werden." Als der Dolmetscher den Satz übersetzt hat, lachen die ägyptischen Reporter und Reporterinnen. Rösler hat einen Punkt gemacht.

Später wird er die Pressekonferenz "beeindruckend" und "spannend" nennen. Die ägyptischen Reporter stellen mehr Fragen als ursprünglich vorgesehen sind, nicht nur nach seinem Alter, sondern auch nach dem Euro, nach den Auswirkungen der Krise auf den Mittelmeerraum, nach deutscher Hilfe - vor allem aber sind die Reporter kritisch. Das sei ja fast wie in der Bundespressekonferenz, stellt Rösler fest. Es ist mehr: Es ist der Geist einer neuen, demokratischen und selbstbewussteren ägyptischen Presse nach der Revolution.

Kairo, das ist nach der modernen Glitzer-Hauptstadt Doha in Katar die andere raue, aber eben auch aufregendere arabische Welt, die Rösler besucht. Ein Dauerstau vom Flughafen, vorbei an dicht aneinander gedrängten Häusern, bei denen manchmal aus den Höfen schwarzer Rauch aufsteigt, weil dort Müll verbrannt wird.

Die Stadt scheint nicht zur Ruhe zu kommen, bis spät in die Nacht hinein. Gleich um die Ecke des Handelsministeriums liegt der Tahrir-Platz, auf dem die Dauerproteste Staatschef Husni Mubarak zum Rücktritt zwangen. Zelte stehen weiter auf dem Platz, die Stimmung ist entspannt, Menschen schlendern herum, Jugendliche rasen mit ihren Motorrädern auf und ab. Noch vor kurzem gab es hier einen heftigen Einsatz der Sicherheitskräfte, der zum Rücktritt der vormaligen Regierung führte - und zum neuen Übergangskabinett der alten Männer. Im Februar war Außenminister Guido Westerwelle, damals noch FDP-Chef, auf dem Platz und wurde bejubelt. Rösler verzichtet bei seinem Besuch auf solche Bilder, ganz bewusst.

Ägypten geht das Geld aus

Eine ungewisse Zeit steht Ägypten bevor. Dem Land droht Anfang des kommenden Jahres die Zahlungsunfähigkeit. Mit dem scheidenden Präsidenten der Zentralbank hat Rösler einen Termin gehabt, dort ging es auch um die andauernde Investitionsflucht aus Ägypten. Die Krise hat das Land im Griff, die Preise steigen. Vor allem die Tourismusbranche als wichtige Einnahmequelle leidet, nach dem Rekordjahr 2010 ist der Markt stark eingebrochen. Noch vor einem Jahr wurden 13,7 Milliarden US Dollar aus dem Tourismus an Devisen erlöst, in 2011 dürften es noch 10 Milliarden US Dollar sein.

Die unklare Lage, die zögerliche Politik des Militärrats sind für deutsche Unternehmer neben der ohnehin schleppenden Bürokratie ein Problem. Die deutschen Direktinvestitionen drohen zu stagnieren, sie wuchsen von 360 Millionen vor fünf Jahren auf 600 Millionen im Jahre 2010. "Wir möchten gerne daran anknüpfen und ich denke, wir haben gute Chancen dazu", sagt Rösler. Deutschland verstehe unter Handel nicht nur, seine Produkte zu verkaufen oder andere zu kaufen. "Wir wollen mithelfen, dass die Revolution in Libyen ein Erfolg werden kann", verspricht er. Doch Konkretes im Gepäck mitzubringen hat Rösler wenig. Deutsche Unternehmen wollen unter der Schirmherrschaft des deutschen Botschafters zusätzlich 5000 Ausbildungsplätze in Ägypten schaffen, junge Manager sollen in Deutschland in kleineren und mittleren Betrieben geschult werden.

In Kairo erlebt Rösler eine Gesellschaft im Umbruch. Er ist der erste deutsche Minister, der Vertreter der Übergangsregierung sprechen kann. Am Tag, als er in Kairo landet, sind sie gerade vereidigt worden. Auch sie dürften bald wieder weg sein. Noch sind die langwierigen Wahlen nicht abgeschlossen, aber ein Sieg der islamistischen Muslimbruderschaft und der noch radikaleren Salafisten zeichnet sich ab.

Es wäre eine Zäsur für das Land - wenn das Militär, der eigentliche Machtfaktor, mitspielt. Die Salafisten wollen das islamische Bankensystem einführen, wollen Männer und Frauen an Badestränden strikt trennen. In Kairo wird Rösler mit der möglicherweise düsteren Perspektive der Revolution konfrontiert. Er ist mit einem Mal nicht nur als Wirtschaftsminister gefragt, sondern auch in der Rolle des Vizekanzlers. Kaum hat er im Handelsministerium ein "Memorandum of Understanding" über die Ausbildung junger ägyptischer Manager in deutschen Mittelstandsbetrieben unterzeichnet, wird aus einer anfänglich langweiligen Pressekonferenz für ihn ein kleiner diplomatischer Drahtseilakt.

"Es gibt keinen Weg zurück"

Ob sich die deutsche Regierung gegenüber einer womöglich islamistischen Regierung zurückhaltender verhalte, fragt ein ägyptischer Reporter. Rösler will sich in das laufende Wahlverfahren nicht kommentierend einmischen. Demokratie sei Souveränität des Volkes, "man muss diese Entscheidung schlicht akzeptieren", sagt er. Aber er sagt auch: Wenn es Demokratie, Menschenrechte, ein klares Rechtssystem gebe, "dann wird es auch weitergehen mit deutschen Direktinvestitionen."

Am letzten Tag seines Besuchs, auf einer Veranstaltung mit Unternehmerinnen, fragt Rösler nach dem Wahlerfolg der Muslimbruderschaft und den Salafisten. Sie seien wohl nicht glücklich über erfolgreiche Businessfrauen, merkt er auf Englisch an. Die Reaktionen der Frauen fallen unterschiedlich aus. "Es gibt keinen Weg zurück, das werden wir nicht zulassen", so eine von ihnen.

Eine andere widerspricht ihrer Kollegin. "Ich habe Angst und fühle mich bedroht", das Ergebnis der Wahlen sei ein Rückschlag nicht nur für Frauen, sondern für alle. Eine andere, die auch die italienische Staatsbürgerschaft besitzt, erzählt, sie werde von ihren Freunden im Ausland gefragt, warum sie nicht gehe. Doch sie wolle bleiben - das sei schließlich ihre Heimat.



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Seite 1
fort-perfect 09.12.2011
1. wenigstens
Zitat von sysopVizekanzler Philipp Rösler besucht Ägypten. Und wird dort mit Fragen über das deutsche Verhalten gegenüber*einer künftigen islamistischen Regierung konfrontiert. Der FDP-Politiker gibt sich diplomatisch - und punktet mit einer Antwort nach seinem Alter. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,802626,00.html
in Ägypten weiss man die Qualitäten des Vizekanzlers zu schätzen. Vielleicht sollte er sich dort für die politische Zukunft des neuen Ägyptens engagieren, am Besten mit Unterstützung von Bahr, Lindner und Co, damit in Deutschland Platz ist für fähige Köpfe, die nicht nach eigener Aussage spätestens mit Mitte 40 den Politikerjob quittieren wollen.... wohl wissend, dass sie bis zum Lebensende eine Fettlebe haben werden...
badabum 09.12.2011
2. Lachnummer
So, Rösler amüsiert die Reporter - mich amüsiert Rösler auch, obgleich mein Lächeln etwas gequält wirkt in der Vorstellung, das dieser...."Mensch" (Politiker wäre wahrlich übertrieben) in der Welt umherreist und Deutschland repräsentiert..
willydaitz 09.12.2011
3. .
---Zitat--- "Wir wollen mithelfen, dass die Revolution in Libyen ein Erfolg werden kann", verspricht er. ---Zitatende--- Ich dachte, Rösler ist in Ägypten. Aber gut: Entweder ist hier Rösler oder, wahrscheinlicher, der Schreiber mit den überall sprießenden islamischen Frühlingen mit ihren Moslembrüdern und Scharia durcheinandergekommen. Sind ja auch zum Verwechseln ähnlich, so daß man prinzipiell zu jedem Jasminland das gleiche sagen/schreiben kann. ---Zitat--- Kairo, das ist nach der modernen Glitzer-Hauptstadt Doha in Katar die andere raue, aber eben auch aufregendere arabische Welt (...). Ein Dauerstau vom Flughafen, vorbei an dicht aneinander gedrängten Häusern, bei denen manchmal aus den Höfen schwarzer Rauch aussteigt, weil dort Müll verbrannt wird. (...) Menschen schlendern herum, Jugendliche rasen mit ihren Motorrädern auf und ab. ---Zitatende--- Hach, wie aufregend. Könnte man glatt in Freiburg einführen. Oder Tübingen. Oder in jeder deutschen Großstadt. Und es wird noch viel rauer und aufregender werden, weil Deutschland auch dann noch zahlt, wenn es in in Ägypten "Demokratie, Menschenrechte, ein klares Rechtssystem" gibt. Die wird es nämlich geben. Allerdings stellen sich korantreue Moslems unter diesen drei Begriffen, die sie selbstverständlich verwenden, etwas ganz anderes vor: Demokratie = Islam, Menschenrechte = Menschenrechte im Islam (siehe Kairoer Erklärung), klares Rechtssystem = Scharia. Mit dem vollen rechtlichen Rundum-Paket, was vom Zivilrecht über das Personenstandsrecht, Erbrecht, Strafrecht, Bankenrecht, Staatsrecht, Kriegsrecht reicht. Beeinhaltet übrigens auch die Dhimma, jener armselige, rechtlich bindene Zustand, der Christen als minderwertigen Menschen unter islamischer Herrschaft zugedacht ist.
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