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19. März 2018, 19:10 Uhr

Putin-Sieg in Russland

Fünf Lehren aus der 77-Prozent-Wahl

Von und , Moskau

Wladimir Putin ist mit einem Rekordergebnis als russischer Präsident wiedergewählt worden, selbst im kritischen Moskau stiegen seine Zustimmungswerte. Die wichtigsten Erkenntnisse aus der Abstimmung.

1. Putin, der 77-Prozent-Präsident

Der Wahlsieg stand von vornherein fest. Überraschend ist seine Höhe: Fast 77 Prozent der Stimmen hat Wladimir Putin erhalten, deutlich mehr als bei seinen früheren Wahlen 2000, 2004 und 2012.

Insgesamt sollen 56 Millionen für ihn gestimmt haben. Damit wäre zum ersten Mal ein russischer Präsident von mehr als der Hälfte aller Wahlberechtigten gewählt worden.

Hinter dem guten Ergebnis stecken verschiedene Gründe. Einer ist der Wahlboykott, zu dem der liberale Oppositionspolitiker Alexej Nawalny aufgerufen hatte. Er hat viele Anhänger in der Hauptstadt Moskau. Weil sie fernblieben und weil der Kreml Putin-Anhänger mobilisierte, stieg Putins Stimmenanteil in Moskau von deutlich unter 50 auf 71 Prozent.

Ein anderer Grund ist Druck auf die Wähler und Manipulation - aber die gab es früher auch schon. Schließlich hat nach Angaben seines Wahlkampfmanagers die außenpolitische Konfrontation dem Amtsinhaber geholfen. Die USA hatten vor der Wahl Strafmaßnahmen gegen Moskau wegen der Einmischung in die Präsidentschaftswahlen verhängt, Großbritannien wegen der Giftattacke gegen den Ex-Spion Sergej Skripal.

2. Die Wahlbeteiligung, ein sprunghaftes Wesen in Russland

Wurde sie kurz nach Schließung der Wahllokale noch mit 60 Prozent angegeben, verschwand die Ziffer in den Einblendungen des staatlichen TV-Senders Rossija 24, auch auf der Seite der Wahlkommission gab es keine Angaben. 60 Prozent - das hätte die schlechteste Wahlbeteiligung bei einer Präsidentschaftswahl seit dem Zerfall der Sowjetunion bedeutet. Am Montag meldete die Wahlkommission dann plötzlich eine Quote von 67,5 Prozent.

Auch das ist nicht der Wert, den man sich im Kreml gewünscht hatte. 70 Prozent, so hatte die Zielvorgabe an die Gouverneure in den Regionen gelautet. Das wirkt angesichts der massiven Mobilisierungsmaßnahmen verwunderlich. "Der Druck, wählen zu gehen, war massiv", sagte der Leiter der OSZE-Wahlbeobachtungsmission, Michael Link.

Ella Pamfilowa, die Leiterin der Wahlkommission, sah hingegen ganz andere Gründe für die Teilnahme an der Wahl - nämlich außenpolitische: "Unser Volk hält in schwierigen Zeiten zusammen." Sie danke bestimmten Führern westlicher Länder, "die ihren positiven Beitrag dazu geleistet haben, zur Konsolidierung und Vereinigung des russischen Volkes bei der Wahl beizutragen".

3. Welche Manipulationen gab es?

Die unabhängigen Wahlbeobachter von Golos sprachen von weniger Gesetzesverletzungen am eigentlichen Wahltag als noch 2012. Sie nahmen über 3000 Manipulationsversuche auf:

4. Unterschiede in den Regionen

Wie bei den Abstimmungen zuvor weichen Wahlergebnis und Wahlbeteiligung in den Regionen stark voneinander ab. Besonders hoch ist die Zustimmung für Putin auf der von Russland vor vier Jahren annektierten Krim: 92,15 Prozent meldeten die Behörden für den Präsidenten. Das Ergebnis wirkte wie ein zweites Referendum für die "Wiedereingliederung".

Hoch sind Wahlbeteiligung und Wahlergebnis traditionell auch in den nationalen Republiken des Kaukasus und an der Wolga. In Tschetschenien gingen angeblich 92 Prozent der Wahlberechtigten zur Wahl, 91 Prozent stimmten angeblich für Putin. Dass es dabei nicht mit rechten Dingen zugeht, war diesmal leicht zu erkennen: Dort, wo unabhängige Wahlbeobachter anwesend waren, lagen diese Zahlen deutlich niedriger, die Wahlbeteiligung betrug etwa in Grosny 29 bis 34 Prozent. "In diesen Wahllokalen waren die Ergebnisse so wie in Moskau. Das ist, als würde man eine schmutzige Glasscheibe putzen, und plötzlich sieht man das wahre Bild", kommentierte Roman Udot, Chef von Golos.

5. Putin und das Ausland

Im Ausland wählten etwa eine halbe Million Russen. Darunter waren auch 2954 Stimmen, die in Syrien abgegeben wurden, darunter wohl viele Soldaten. Die Staatsmedien zeigten nicht nur Bilder von der Militärbasis Hmeimim, sondern auch Schlangen in Deutschland und Großbritannien.

In London wählten 3673 Russen: Hier bekam Putin sein schlechtestes Ergebnis im Ausland mit 51,8 Prozent, die Liberale Xenia Sobtschak landete mit 23,42 Prozent auf Platz zwei.

In Deutschland wählten in den diplomatischen Vertretungen in Berlin, München, Hamburg, Bonn, Leipzig und Frankfurt am Main nach Berechnungen des SPIEGEL 33.799 russische Bürger. Putin gewann hier haushoch mit 82,84 Prozent der Stimmen, Sobtschak folgte mit großem Abstand mit 6,84 Prozent.

Im Video: Putin sichert sich vierte Amtszeit im Kreml

Mitarbeit: Ekaterina Kuznetsova, Tatiana Chukhlomina

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