Nordkorea trifft Russland Warum Kim jetzt lieber mit Putin verhandelt

Kim Jong Un und Wladimir Putin treffen sich zum ersten Mal. Die Gipfelshow im Osten Russlands nutzt beiden - und ist vor allem eine Botschaft an Washington.

KNS/ KCNA/ AFP; DMITRY ASTAKHOV / RIA NOVOSTI/ AFP

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Als Kim Jong Un nach 20 Stunden Fahrt schließlich am Bahnhof in Waldiwostok ankommt, haben seine Mitarbeiter einiges zu tun. Der Zug rollt noch, da putzen sie schon die Scheibe des Waggons Nummer fünf, aus dem der nordkoreanische Machthaber wenig später tritt. Doch erst einmal muss rangiert werden, der Zug ist zu weit gefahren. Er muss zurücksetzen, damit Kim auf den roten Teppich treten kann.

Die 684 Kilometer zwischen Pjöngjang und der ostrussischen Stadt hätte Kim schneller bewältigen können, doch er fliegt nicht gern. Deshalb setzte er sich mit seiner 230-Mann-Delegation in den Zug, auch wenn die Waggons noch an der Grenze wegen der schmaleren nordkoreanischen auf für die breiteren russischen Gleise geeignete Fahrgestelle umgehoben werden mussten.

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Kim besucht Russland zum ersten Mal und trifft am Donnerstag mit Wladimir Putin zusammen. Die Visite findet unter massiven Sicherheitsvorkehrungen statt. Kim ließ sich, nachdem er mit militärischen Ehren empfangen wurde, in seiner vorab nach Wladiwostok gebrachten Limousine zum Gelände der Fernöstlichen Föderalen Universität auf der Insel Ruskij bringen.

Kim-frei für Studenten

Dort wohnt er bis Freitag und wird auch die Gespräche mit dem russischen Präsidenten auf dem abgeschotteten Gelände führen. Die Studenten wurden bis Samstag beurlaubt.

Putin wollte den nordkoreanischen Machthaber schon lange treffen, mehrmals lud er ihn öffentlich ein. Aber Kim war vor allem damit beschäftigt, mit den Staatschefs Chinas und Südkoreas, Xi Jinping und Moon Jae In, und natürlich US-Präsident Donald Trump zu verhandeln. Allerdings brachten zwei Zusammenkünfte von Trump und Kim im Atomkonflikt keinen Durchbruch, der letzte Gipfel in Vietnam platzte.

Im Video: Per Zug zum Putin-Besuch

Zuletzt verhängte Washington neue Sanktionen gegen Pjöngjang. Das nordkoreanische Regime reagierte darauf mit der Forderung, US-Außenminister Mike Pompeo von den Gesprächen abzuziehen. Pjöngjang erklärte außerdem, es habe eine neue "taktische Lenkwaffe" getestet. Dass die Gespräche mit den USA stocken, sei für Moskau eine Chance, sich einzuschalten, sagt Alexander Gabuew, Asienexperte der Carnegie-Denkfabrik in Moskau, dem SPIEGEL.

Schließlich ist Nordkorea einer der Nachbarstaaten im Osten Russlands. Auch wenn die gemeinsame Grenze nur knapp 17 Kilometer misst, sorgt sich Moskau um die Stabilität in der Region - und will mitreden.

"In diesem Konflikt will Russland neben China eingebunden werden, es geht für den Kreml nicht, dass nur Washington allein entscheidet," sagt Andrej Susdaltsew, Vizedirektor der Fakultät für Weltwirtschaft und -Politik an der Higher School of Economics in Moskau, dem SPIEGEL. Wie auch Experte Gabuew erwartet er aber keine großen Ergebnisse von dem Treffen der beiden Staatschefs.

Putin kann Kim nicht allzu viel bieten, wirtschaftlicher Handel mit dem Krisenland Nordkorea ist wegen der internationalen Sanktionen stark beschränkt. Der ohnehin geringe Export von Kohle, Weizen, Trockenfisch, Medikamenten und Kindernahrung aus Russland ging in den vergangenen Jahren noch einmal zurück.

Für den nordkoreanischen Diktator dürften jedoch allein die Bilder mit dem russischen Staatschef die Reise wert sein. So zeigt die Begegnung doch, dass er noch andere diplomatische Gesprächsmöglichkeiten hat - auch diese Botschaft gilt vor allem Trump. Zudem lehnen beide - Putin und Kim - westliche Sanktionen als politisches Mittel ab.

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Züge aus Nordkorea: Kims grüne Giganten

Russland wird in Nordkorea immer noch geschätzt: "Nordkorea glaubt bis heute an Russland: Wenn es schwer wird, hilft Moskau, so denkt man in Pjöngjang", sagt Analyst Susdaltsew. Das hat historische Gründe: Nach dem Koreakrieg zwischen 1950 bis 1953 half Moskau wesentlich beim Wiederaufbau Nordkoreas. Danach kühlten die Beziehungen ab. Mit Putin verbesserten sie sich wieder, er reiste 2000 erstmals nach Pjöngjang, um Kim Jong Il, den Vater von Kim Jong Un, zu treffen. Zwei Jahre später kam dieser dann zu einem Gegenbesuch erstmals nach Wladiwostok.

Die russische Stadt am Pazifik hat also große symbolische Bedeutung. Wie der Kreml erklärte, will der Sohn und jetzige Machthaber Nordkoreas einige Orte, an denen bereits sein Vater weilte, besuchen: den Hafen, die Brotfabrik und das Zimmer des Hotels "Gawan", in dem Kim Jong Il übernachtete und an dessen Besuch eine Gedenktafel erinnert.

Wirtschaftliche Hilfe?

Neben den Bildern, die für Kim bei diesem Besuch wichtig sind, geht es ihm um wirtschaftliche Unterstützung. Pjöngjang will seine wirtschaftliche Abhängigkeit von China reduzieren, auf bis zu eine Milliarde Dollar möchte das Regime angeblich das Handelsvolumen mit Russland im kommenden Jahr anheben. Wie das passieren soll, ist noch unklar.

Putin und Kim Jong Il
Alexander Zemlianichenko/ AP

Putin und Kim Jong Il

Wie die Zeitung "Kommersant" berichtet, könnte ein Mechanismus aufgesetzt werden, bei dem die beiden Länder Waren austauschen, ohne aber dafür zu bezahlen. Am Ende eines jeden Jahres soll dann ermittelt werden, welchen Wert die Lieferungen hatten. Allerdings gibt es ein großes Ungleichgewicht: Russland exportierte zuletzt Waren im Wert von 32 Millionen Dollar nach Nordkorea, importierte aber von dort Produkte für nur zwei Millionen Dollar.

"Ich sehe keinen wirtschaftlichen Sinn in diesem System, Russland würde draufzahlen. Außer es hat genau das vor und es handelt sich um einen versteckten Kredit für Pjöngjang", sagt Experte Gabuew. Deshalb hält er die Chancen, dass dieser Mechanismus in Kraft tritt, für gering - "30 bis 40 Prozent Wahrscheinlichkeit vielleicht". Kim braucht aber dringend Hilfslieferungen. Experten warnen vor einer neuen Lebensmittelknappheit in Nordkorea im Sommer.

Noch rund 8000 Arbeiter in Russland

Außerdem müssen alle nordkoreanischen Arbeiter aus Russland abgezogen werden, da ihre Beschäftigung gegen Sanktionen verstößt. Die hatte der Uno-Sicherheitsrat 2017 ausgesprochen, um Pjöngjang zur Aufgabe seines Nuklearprogramms zu bewegen.

Die Arbeiter bringen dem Regime wichtige Devisen, da sie einen Großteil ihres Verdienstes nach Recherchen von Menschenrechtsorganisationen an den nordkoreanischen Staat abführen müssen. Nach Angaben des russischen Außenministeriums befinden sich noch etwa 8000 Arbeiter im Land, die meisten in Moskau. Zwei Jahre zuvor vor der Fußballweltmeisterschaft waren es noch 37.000.

Für Putin wird es eine kurze Zusammenkunft mit Kim. Er fliegt nach dem Treffen weiter nach Peking, um Xi Jinping auf dem zweiten Gipfel zum Infrastrukturprojekt "Neue Seidenstraße" zu treffen. Ein Ereignis, dem vom Kreml sehr viel größere Bedeutung beigemessen wird.

Moskau sucht seit Jahren die verstärkte Annäherung an China, seit der Westen nach der Krim-Annexion das Land mit Sanktionen belegt hat. Bisher haben sich die russischen Hoffnungen kaum erfüllt.

Mitarbeit: Tatiana Sutkovaja

insgesamt 8 Beiträge
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nanonaut 24.04.2019
1. passt
Zwei Anführer, denen Macht alles, Moral nichts bedeutet. Besser für Kim als Trump. Putin wird weder durch Kongress, Presse oder Gerichte kontrolliert. Passt!
steinbock8 24.04.2019
2. Die USA
begegnen anderen Staaten, jedweder Couleur mit Dummheit und Arroganz. Sie treten, besonders unter Trump, überall in der Welt, als Besatzer und Herren der Welt auf. Natürlich läßt sich nicht jeder dieses undiplomatische Gehabe bieten. Am Ende, auch durch Herrn Kim, läßt man die Amerikaner abblitzen.
wolla2 24.04.2019
3. Er hat ...
... Tramp schneller durchschaut, als so manche Politiker in Europa. Ein kluger Schritt, sich mit Russland an einen Tisch zu setzen denn auf die USA kann nicht nur Nord Korea sich nicht mehr verlassen. Und wenn Japan schon darum bittet, zukünftig nicht mehr mit Außenminister Pompeo verhandeln zu müssen, weil er die diplomatischen Grundkenntnisse nicht beherrscht, kann man den Schritt Nord Koreas umso mehr verstehen. Es wird Zeit, den Petro$ zu ersetzen und mit ihm die derzeitige Weltordnung.
Atheist_Crusader 25.04.2019
4.
Zitat von steinbock8begegnen anderen Staaten, jedweder Couleur mit Dummheit und Arroganz. Sie treten, besonders unter Trump, überall in der Welt, als Besatzer und Herren der Welt auf. Natürlich läßt sich nicht jeder dieses undiplomatische Gehabe bieten. Am Ende, auch durch Herrn Kim, läßt man die Amerikaner abblitzen.
...während Russland direkt andere Staaten besetzt und Nordkorea atomaren Tod und Vernichtung androht wärend es seine Leute auf Generatione nin Arbeitslagern zu Tode schindet. Tun wir doch mal nicht so, als sei das hier gerechtfertigte Empörung über amerikanische Eskapaden. Hier haben sich zwei Diktatoren gefunden die beide der Überzeugung sind dass ihre Macht es ihnen erlauben sollte, mit Schwächeren so zu verfahren wie sie es wollen.
steinbock8 25.04.2019
5. zu 4
Ich wieder spreche nicht. Meine Einlassung ist jedoch die, daß Amerika auf der ganzen Linie versagt und Herr Kim jetzt zu den Russen geht. Und das ist Weltweit kein Einzelfall. Die USA benehmen sich unter Trump wie der Elefant im Porzellanladen. Diplomatie gleich Null.
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