Haltung zu Homosexualität Putin weist Kritik von Elton John zurück

Wer in Russland homosexuell ist, hat es schwer. Wladimir Putin sieht das anders. Sein Land sei nicht homophob, sagte der Kremlchef beim G20-Gipfel. Hintergrund ist der Streit über die Zensur des Elton-John-Films "Rocketman".

Wladimir Putin
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Wladimir Putin hat Kritik des britischen Popstars Elton John an einer homosexuellenfeindlichen Politik in Russland zurückgewiesen. Russland habe gegenüber Lesben, Schwulen sowie Bi- und Transsexuellen (LGBT) eine ausgeglichene Haltung. "Wirklich absolut ruhig und unvoreingenommen", sagte der russische Präsident vor Journalisten beim G20-Gipfel in der japanischen Stadt Osaka.

Elton John hatte bei Instagram einen offenen Brief an Putin veröffentlicht. Darin kritisiert er, dass in Russland aus dem aktuellen Kinofilm "Rocketman" über sein Leben alle schwulen Liebesszenen herausgeschnitten worden seien. Der Musiker warf dem Kremlchef mit Blick auf dessen jüngstes Interview in der "Financial Times" Doppelzüngigkeit vor. Dort hatte Putin gesagt, dass Russland zu Unrecht als homophob bezeichnet werde.

Video: Biopic über Elton John

David Appleby / Paramount

Menschenrechtsaktivisten dagegen beklagen seit Jahren brutale Übergriffe auf Homosexuelle in Russland, die oft folgenlos blieben. In einer Umfrage des staatlichen Meinungsforschungsinstituts WZIOM im Jahr 2015 lehnten 80 Prozent der Befragten die gleichgeschlechtliche Ehe ab. Wer in Russland homosexuell ist, hat es schwer. Kein Küssen, kein Händchenhalten in der Öffentlichkeit, nicht frei lieben.

In Osaka warf Putin nun vielmehr Schwulen und Lesben vor, ihren Standpunkt auf aggressive Weise einer Mehrheit aufdrücken zu wollen. "Lassen wir doch einen Menschen in Ruhe aufwachsen, zu einem Erwachsenen werden und dann entscheiden, wer er ist. Lasst die Kinder in Ruhe", sagte Putin. Er halte John zwar für einen genialen Musiker, teile aber seine Ansichten nicht. In Russland ist die wissenschaftlich nicht belegbare Meinung verbreitet, dass Homosexualität eine Frage der Erziehung sei.

Gesetz gegen "Homosexuellen-Propaganda"

In Russland stehen positive Äußerungen über Homosexuelle in Anwesenheit von Kindern seit 2013 unter Strafe. (Für "Rocketman" gilt allerdings ohnehin ein Mindestalter von 18 Jahren in Russland.) Gegen dieses von Putin unterzeichnete Gesetz gegen "Homosexuellen-Propaganda" gibt es seit Langem internationalen Protest. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte urteilte 2017: Russland verletze mit dem Verbot fundamentale Rechte. Es sei diskriminierend - und wissenschaftlich völlig haltlos.

Viele Schwule und Lesben haben aus Angst Zuflucht im Westen gesucht. Auch das erste schwule Ehepaar Russlands - das im Ausland geheiratet hatte - musste das Land verlassen. (Lesen Sie hier die Geschichte von Pawel Stozko und Jewgenij Wojzechowskij.)

Elton John äußert sich in seinem Post dankbar für die politischen Fortschritte im Bezug auf die Rechte Homosexueller in der westlichen Welt. "Das hat uns beiden enormen Trost und Glück gebracht", schrieb er. Er und sein Ehemann erziehen gemeinsam zwei Söhne.

Kinobesucher in Russland erfahren davon allerdings nichts. Im Original lesen die Zuschauer im Abspann, dass Elton John seine große Liebe gefunden hat und mit seinem Partner zwei Kinder großzieht. In der russischen Version heißt es wohl lediglich, er habe eine Organisation für den Kampf gegen Aids gegründet.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Textes wurde ein Wort aus dem Instagram-Posting Elton Johns falsch übersetzt. Wir haben den Fehler korrigiert.

löw/dpa



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hdwinkel 29.06.2019
1. Enttäuschend
Es ist enttäuschend, daß sich die russische Gesellschaft mit Hinblick auf gleichgeschlechtliche Beziehungen nur wenig bis gar nicht weiterentwickelt hat. Die Rechtssprechung ist sogar noch zurückgefallen. Kaum ein Politiker in Russland wird sich für die Rechte Homosexueller gegen die Mehrheit der russischen Gesellschaft stellen, obwohl es immerhin um ein Menschenrecht geht. Das wird wohl eher noch Generationen brauchen.
sven2016 29.06.2019
2. Scheinheilig zu sein gehört heute
zur Optik des Autokraten. Und die jeweiligen religiösen Autoritäten stimmen zu, hier die Orthodoxen, in USA die Christlichen Freikirchen ... Lug und Trug und Gewalt wie im Mittelalter, nur etwas netter verpackt. In schwarzer Kutte mit Sense würde Putin authentischer wirken. Das 21. Jahrhundert? Wo ist es?
Dieter Koll 29.06.2019
3. wirklich?
Es wundert sich auch nur ein aufgeklärter, denkender Mensch über die russische Politik? Seit über 100 Jahren hat man dort vor allem Angst, was irgendwie anders, individuell oder innovativ ist. Verfolgung, Terror, Krieg, Verleumdung, etc. waren immer die Mittel der Wahl, um solche "subversiven Kräfte" zu unterdrücken oder auszulöschen.
dasfred 29.06.2019
4. Nicht nur Putin
Auch die russisch orthodoxe Kirche hat in Russland einen enormen Einfluss auf die Bevölkerung. Putin wird es kaum wagen sich mit der Kirche anzulegen. Es ist schon ein kleiner Fortschritt, das Homosexualität nicht wie in Deutschland vor gerade mal fünfzig Jahren staatlich verfolgt wird. Die Einschränkungen im Leben gelten dort nicht nur für Schwule. Jeder, der nicht ins Bild passt, auch Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion wird von Rechten und Hooligans verfolgt. Russland ist nun einmal rückständig. Das wird sich so schnell auch nicht ändern.
syracusa 29.06.2019
5. Homophobie ist eine Frage der Erziehung
Homosexualität ist keine Frage der Erziehung, Homophobie aber sehr wohl. Das russische Erziehungssystem versagt auch hier.
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