Wladimir Putin: Der Sportsmann
Wladimir Putin und seine Fußballspiele Der Weltmeister
Dass Wladimir Putin besonders gern Fußball spielt, ist nicht bekannt.
Es gibt nur wenige Bilder, die Russlands Präsidenten, der Judo, Eishockey und das Skifahren liebt, mit Ball zeigen. Doch mit Fifa-Chef Gianni Infantino kickte er im März für ein WM-Werbevideo im Kreml, zehn Sekunden lang, ohne dass das Spielgerät zu Boden fiel.
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— FIFA World Cup (@FIFAWorldCup) March 6, 2018
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Wie lange die Aufnahmen für die Szene dauerten und wie viel geschnitten werden musste, ist nicht überliefert.
Was dagegen durchaus kein Geheimnis ist: Putin ist unzufrieden mit der sportlichen Bilanz der russischen Nationalmannschaft in den vergangenen Jahren. Nach mauen Freundschaftsspielen forderte der Präsident, das Team solle das Land bei der WM würdig vertreten und "möglichst lange im Wettbewerb bleiben". Am Donnerstagabend wird er sich im Luschniki-Stadion beim Eröffnungsspiel Russland gegen Saudi-Arabien persönlich vom Einsatz der Spieler, der Sbornaja, überzeugen.
Auch wenn das Team zuletzt vor allem enttäuscht hat - Putin hat schon jetzt mit dieser Fußball-WM gewonnen - und das in vielerlei Hinsicht.
Gigantisches Modernisierungsprogramm
Die WM ist sein Prestigeprojekt. Putin richtet eine Weltmeisterschaft aus, die als die bislang teuerste in die Fußballgeschichte eingehen wird: Umgerechnet rund 12,2 Milliarden Euro hat Russland laut der Wirtschaftszeitung "RBK" in die zwölf Stadien, in Straßen, Flughäfen, Hotels, Orientierungshilfen auf Englisch in den elf WM-Städten investiert, etwa 2,7 Milliarden Euro mehr, als offiziell angegeben wird.
Blick auf Luschniki Stadion vom Ausblickspunkt vor der Universität.
Foto: SPIEGEL ONLINEEs ist ein gigantisches Modernisierungsprogramm, das den Vorteil hat, dass die Fifa als WM-Organisator die Regeln vorgab, die auch Fristen und Standards für die Fertigstellung der Bauten beinhalteten. Was in Russland nicht unerheblich ist, wo Bauprojekte sich ins Unendliche ziehen können, allerdings den Preis hatte, dass Arbeiter, darunter auch viele Gastarbeiter aus Zentralasien, teils unter schwierigen Bedingungen und am Ende ohne Bezahlung schuften mussten (lesen Sie hier mehr über die Bedingungen beim Bau des Stadions in Sankt Petersburg, das am Ende fast eine Milliarde Euro kostete, und über die Arena in Samara).
Zudem versickerten nach Angaben der liberalen Oppositionspartei Jabloko mindestens 1,3 Milliarden Euro beim Bau der Stadien, mit denen kremlnahe Oligarchen wie Arkadij Rotenberg, Putins Vertrauter und Judo-Partner, beauftragt wurden.
Das passt nicht ganz zum Bild des modernen Russlands, das Putin der Welt präsentieren will, aber am Ende zählt eben das Ergebnis und die Botschaft: Russland kann international mithalten, auch und gerade im Hinblick auf Sportnationen wie die USA.
Identität und Stolz
"Für Putin gilt die Gleichung WM = Großmacht", sagt Politikberater Gleb Pawlowski, "die UdSSR war eine Großmacht dank des Sports. Putin glaubt an diesen Zusammenhang noch heute." Pawlowski war zehn Jahre lang einer der einflussreichsten "Polit-Technologen" des Kreml, ein Spindoctor, bis er in Ungnade fiel. Heute ist der 67-Jährige ein Kritiker des Machtsystems.
Pawlowski sorgte 1999 mit dafür, dass Putin jung und stark erschien - und der Kontrast zu seinem todkranken und dem Alkohol verfallenen Vorgänger Boris Jelzin klar hervortrat. Was lag da näher, als Putin als aktiven Sportler zu präsentieren? Schließlich hatte er mit elf Jahren begonnen, Judo zu trainieren, brachte es gar bis zum Stadtmeister von Leningrad, dem heutigen Sankt Petersburg. "Putin war immer ein Sportler, der sich messen wollte", sagt Pawlowski. Der Präsident präsentiert sich auch heute noch so. Der 65-Jährige ließ sich zuletzt vom Staatsfernsehen beim Eishockeyspielen und auf der Fischjagd in Szene setzen.
Wladimir Putin: Der Sportsmann
Sport ist ein wichtiger Bestandteil von Putins Politik. Er holte die olympischen Winterspiele 2014 nach Sotschi, deren Glanz angesichts des Dopingskandals allerdings international schnell verblasste. Er erreichte, dass Russland die Weltmeisterschaften im Biathlon 2011, in der Leichtathletik 2013, im Schwimmen 2015, den ersten russischen Formel-1-Grand-Prix in Sotschi 2016 veranstaltete und nun Gastgeber für die besten Fußballmannschaften der Welt ist.
Ereignisse wie die WM mit ihren emotionalen Bildern stiften Identität und Stolz, was wichtig ist in so einem großen Land, das nach dem Zerfall der Sowjetunion immer noch seinen Weg sucht. Viele Russen vor allem in den WM-Städten freuen sich deshalb auf das Turnier, auf die Zusammenkunft Zehntausender Fußball-Fans.
Ablenken von Konflikten und Kriegen
Zugleich aber bietet das Fußball-Event Putin die Möglichkeit, sich als Staatsmann in Szene zu setzen - internationale Politiker haben sich angesagt. Aus Deutschland wird Innenminister Horst Seehofer anreisen. Wenn Frankreich es ins Viertelfinale schafft, kommt Präsident Emmanuel Macron.
Angesichts des Fußball-Trubels werden die Konflikte und Kriege Russlands weit weg erscheinen:
- die vom Westen als völkerrechtswidrig betrachtete Annexion der Krim;
- der Krieg in der Ostukraine, wo russische Kämpfer im Donbass Separatisten unterstützen und Zivilisten sterben;
- die 298 Toten der MH17-Maschine, die mit einer russischen Buk-Rakete über dem Donbass abgeschossen wurde, bis heute verlangen die Angehörigen von Moskau eine Erklärung;
- der Krieg in Syrien, wo die russische Armee Diktator Baschar al-Assad unterstützt, der laut der Uno-Untersuchungskommission für Syrien Giftgas gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt hat;
- die immer neuen Erklärungen von russischen Botschaftern und Ministern, die jegliche Verbindung mit dem Giftanschlag auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal abstreiten und das Gefühl vermitteln, Moskau habe keinerlei Interesse, an der Aufklärung mitzuwirken.
Hinzukommt die Lage der Menschenrechte in Russland, die sich laut Amnesty und Human Rights Watch unter Putin nach und nach verschlechtert hat. Im tschetschenischen Grosny, wo die ägyptische Nationalmannschaft ihr Quartier hat, sitzt Ojub Titijew, Leiter der Menschenrechtsorganisation Memorial, in Haft, angeblich wurden Drogen bei ihm gefunden. Im Mai nahm die Polizei bei Protesten gegen Putin Hunderte Demonstranten allein in Moskau fest, darunter den Oppositionellen Alexej Nawalny, der bis zur WM-Eröffnung in Haft saß.
Wladimir Putin, ein Dolmetscher, Gianni Infantino, Unternehmer Sergej Galitsky
Foto: Sergei Karpukhin/ REUTERSDie Fifa ist bei all dem ein angenehmer Partner für Russland, gibt man sich doch offiziell unpolitisch. Dieses "Prinzip Sport ohne Politik" hob Putin am Mittwoch auf dem Kongress des Verbandes in Moskau ausdrücklich hervor.
Die Allianz zwischen Russland und der Fifa hat aus Sicht Moskaus bisher gut funktioniert. Lange durfte Witalij Mutko trotz der umfangreicher Berichte über staatlich organisiertes Doping in Russland an der Seite von Fifa-Boss Infantino auftreten, sich sogar in dessen Beisein über eine angebliche Kampagne des Westens gegen Moskau auslassen. Inzwischen ist er nicht mehr Cheforganisator der WM, als Präsident des russischen Fußballverbandes pausiert Mutko, Mitglied der Regierung ist er weiterhin: Er verantwortet als Vizepremier das Gebiet Bauwesen.
Bei einer Protestaktion in Moskau schlugen im Mai Kosaken mit Peitschen auf Demonstranten ein. Der Verband der Kosaken sollte auch bei der WM in der Hauptstadt für "Sicherheit" sorgen; die Fifa erklärte dazu, dass dies ein Bereich sei, der von den russischen Behörden verantwortet werde. In den WM-Städten herrscht während des Turniers ein Versammlungsverbot.
Untrennbar - Sport und Politik
Die WM sei ein Fest des Sportes, nicht der Politik, sagt Swetlana Schurowa, Duma-Abgeordnete der Regierungspartei Einiges Russland. "Der Sport darf durch Politiker nicht manipuliert werden." Damit meint die 46-jährige Olympiasiegerin im Eisschnelllauf auch die Boykottaufrufe aus dem Ausland, die sie als Propaganda des Westens gegen Russland bezeichnet. Vertreter der britischen königlichen Familie werden nach der Skripal-Attacke nicht nach Russland zur WM reisen, auch Politiker aus Island, Schweden und Dänemark verzichten auf die eigentlich obligatorischen Stippvisiten.
Immerhin würden die Fans nun weniger gestört, kommentiert Schurowa diese Ankündigungen: "Wenn weniger hochrangige Politiker anreisen, dann werden weniger Straßen für all die Premiers und Präsidenten gesperrt."
Swetlana Schurowa
Foto: Alexander Zemlianichenko/ APSchurowa ist eines der Beispiele dafür, wie stark Sport und Politik miteinander in Russland verwoben sind. Inzwischen sitzen rund 20 bekannte Sportler im Parlament. Es müssten viel mehr sein, bei 450 Abgeordneten, findet sie. Denn wer bitte sollte die Entwicklung des "gesunden Lebens" in der Duma präsentieren, wenn nicht Sportler? Schließlich ginge es darum, die Nation voranzubringen.
Welches große Sportereignis Putin dafür nach der WM noch auf seiner Liste hat? Spindoctor Pawlowski lacht: "Eine gute Frage. Schach wird es mit Sicherheit nicht sein."
Was Putin noch fehlt, sind Olympische Sommerspiele.
Aktualisierung: In einer früheren Version des Textes hieß es, dass Alexej Nawalny noch in Haft sitzt. Er wurde am Donnerstagmorgen entlassen.