US-Anklage gegen 13 Russen Wladimir Putins Chef-Troll

Erstmals klagen US-Behörden 13 Russen an, weil sie versucht haben sollen, die US-Wahl zu beeinflussen. Im Zentrum stehen der Putin-nahe Oligarch Jewgenij Prigoschin und dessen "Trollfabrik". Wer ist der Mann?
Prigoschin und Putin

Prigoschin und Putin

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Alexei Druzhinin/ AP

"An Hilary Clinton war immer alles schlecht, sie wurde abgestempelt. Wegen ihrer geleakten E-Mails und wegen der Tatsache, wie reich sie ist. Die Botschaft lautete: Seid ihr, meine amerikanischen Brüder, denn nicht müde von den Clintons?"

So beschrieb ein junger Mann vor wenigen Monaten im kritischen Sender TV Rain  seine Arbeit als sogenannter Troll. Als Kommentator mit gefälschten Profilen hatte er im US-Wahlkampf die demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton verunglimpft.

Auf Anweisung seiner Vorgesetzten habe er auf Englisch Kommentare in Foren von US-Medien, etwa der "Washington Post" und "New York Times" geschrieben, erzählte der Mann, der sein Gesicht verbarg und als "Maxim" vorgestellt wurde. Um seine Spuren nach Russland zu verwischen, habe er eine VPN-Verbindung genutzt. "Wir hatten das Ziel, die Amerikaner gegen ihre Regierung aufzubringen, Unruhen zu provozieren."

Maxim arbeitete in der berüchtigten Kreml-nahen "Trollfabrik" in Sankt Petersburg, einem grauen Bürogebäude in der Sawuschkina-Straße 55. Das Unternehmen firmierte unter dem Namen "Agentur für Internet-Forschung", später nannte es sich nach Medienberichten um. Im Sinne des Kreml wurden erst Oppositionelle in Russland attackiert, später republikanische Konkurrenten des heutigen US-Präsidenten Donald Trump und Clinton.

"Trollfabrik" in Sankt Petersburg

"Trollfabrik" in Sankt Petersburg

Foto: Dmitry Lovetsky/ AP

"Informationskrieg gegen die USA"

Für diesen Troll-Feldzug, bei dem über Foreneinträge und Posts in sozialen Medien wöchentlich Millionen Amerikaner erreicht wurden, sind nun erstmals 13 Russen in den USA angeklagt worden. Sie sollen laut Sonderermittler Robert Mueller seit 2014 versucht haben, die US-Wahl zu manipulieren. (Hier  finden Sie die 37-seitige Anklageschrift.) Das FBI macht die 13 russischen Bürger dafür verantwortlich, diesen "Informationskrieg gegen die USA", wie es in der Anklage heißt, organisiert zu haben. Ihnen wird eine "Verschwörung" gegen die USA zur Last gelegt.

Unter den Angeklagten sind Michail Bystrow, Generaldirektor der Firma und Leiter der Cyberoperation, Michail Butschik, Geschäftsführer des Unternehmens, und Jayhoon Aslanow, Chefübersetzer, der Aktionen zu den US-Wahlen koordinierte. Weitere Übersetzer wie Anna Bogatschew werden genannt, sie reiste wie Aleksandr Krylow, Direktor 2013 bis 2014, in die USA. Dort wollten sie, wie Mueller schreibt, geheimdienstliche Informationen sammeln und Proteste organisieren. Dafür gaben sich die Angeklagten als Amerikaner aus. (Wie die Russen arbeiteten, lesen Sie hier.)

Zentrale Figur in dieser Anklage ist der Oligarch Jewgenij Prigoschin. Er soll sich laut Anklage mit Bystrow regelmäßig über die Cyberoperation ausgetauscht haben. Hacker hatten bereits 2014 Dokumente veröffentlicht, aus denen hervorging, dass die Leiter des Unternehmens ihre monatlichen Abrechnungen an die Holding "Concord" schickten. Diese gehört Prigoschin. Er soll die "Trollfabrik" mit rund 1,25 Millionen Dollar monatlich finanziert haben, ein Großteil des Geldes floss wohl in die Gehälter der Mitarbeiter, die in zwei Schichten rund um die Uhr arbeiten.

Die Mitarbeiter der "Agentur für Internet-Forschung" machten Prigoschin laut US-Schriftsatz wohl ein besonderes Geschenk - am 29. Mai 2016 bezahlten sie einen Amerikaner dafür, sich mit einem selbst gemalten Schild vor das Weiße Haus in Washington zu stellen. "Happy 55th Birthday, Dear Boss" stand da geschrieben - das Foto veröffentlichten sie im Internet. Prigoschin hat am 1. Juni Geburtstag.

Prigoschins Aufstieg zum Milliardär

Der Kreml hat eine Einmischung in die Wahlen immer bestritten. Das ist ihm möglich, weil die Eingriffe von parallelen Strukturen, im Fall der "Trollfabrik" von einem Privatunternehmen, ausgeführt werden.

Prigoschins Aufstieg zeigt, wie verwoben Staat und Wirtschaft sind. Prigoschin, ein stämmiger Mann mit Glatze, 56 Jahre alt, ist im heutigen Sankt Petersburg geboren. Er wuchs in einer armen Familie auf, wollte Profi-Skirennfahrer werden. 1981 aber wurde er wegen Raub und Beihilfe zur Kinderprostitution zu einer Freiheitsstrafe verurteilt.

Video von Nawalny mit englischen Untertiteln:

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Als er nach neun Jahren aus dem Gefängnis entlassen wurde, zerfiel die Sowjetunion. Es waren die Jahre des wilden Kapitalismus, wer konnte, machte Geschäfte. Prigoschin versuchte es mit Hotdogs, eröffnete eine Bude, 1000 Dollar im Monat brachte ihm das.

Heute gehört Prigoschin ein Gastronomie-Imperium mit mehreren Luxusrestaurants in Moskau und Sankt Petersburg sowie Cateringfirmen. Zu seinem Reichtum ist Prigoschin durch die Nähe zu Präsident Wladimir Putin gekommen. Unter anderem gehört dem Unternehmer laut der Stiftung für Korruptionsbekämpfung des Oppositionspolitikers Alexej Nawalny eine Jacht und Millionen teure Anwesen in Sankt Petersburg und am Schwarzen Meer.

Putin und Prigoschin trafen sich laut Medienberichten bereits in den Neunzigerjahren, der Gastronom selbst sprach in einem seiner wenigen Interviews von einer Begegnung in seinem Restaurant New Island. 2001 lud der Präsident dort den französischen Präsidenten Jacques Chirac zum Essen. "Wladimir Putin hat gesehen, wie ich mein Geschäft aus dem Nichts aufgebaut habe. Er sah, dass ich keine Scheu davor habe, gekrönten Häuptern den Teller persönlich zu servieren", sagte der Unternehmer dem lokalen Medium "Gorod 812".

Putin mit seinem "Chefkoch" Prigoschin

Putin mit seinem "Chefkoch" Prigoschin

Foto: POOL New / REUTERS

Danach begann Prigoschins Aufstieg, der in oppositionellen Medien "Putins Chefkoch" genannt wird: Er organisierte das Bankett für Putins Geburtstag 2003, verpflegte Gäste auf Gipfeltreffen, im Kreml, versorgte Armee und Schulen mit Essen. Später baute er eine Militärbasis in der Nähe zur ukrainischen Grenze auf und renovierte Gebäude des Verteidigungsministeriums. Milliardenaufträge des russischen Staats in Höhe von mindestens 3,1 Milliarden Dollar, wie die Stiftung für Korruptionsbekämpfung errechnete.

Vertrauter mit Privatarmee

Prigoschin, der als Vertrauter Putins gilt, wird bereits seit 2016 auf der US-Sanktionsliste geführt. In Briefen, so berichtete das Internetportal "Meduza", nannte er sich Berater des Präsidenten. Der Geschäftsmann ist nicht nur in den Propagandakrieg gegen den Westen involviert, sondern fungiert nach Medienberichten offenbar auch als Investor der Privatarmee "Wagner". Diese ist nach ihrem Chef Dmitrij Utkin benannt, einem Ex-Oberstleutnant mit dem Kampfnamen "Wagner". Die Armee ist unter anderem in der Ostukraine und in Syrien aktiv, wo zuletzt mehrere "Wagner"-Söldner bei einem US-Luftangriff starben.

Ob Prigoschin mit der Gründung der "Trollfabrik" im Auftrag des Kreml handelte oder von sich aus - vielleicht auch um Putin zu gefallen und neue Staatsaufträge gewinnen zu können -, ist schwer auszumachen in einem System, in dem Staat und Privatwirtschaft so verschmolzen sind. Dass sich beide Seiten aber informell abstimmen, erscheint Beobachtern in Russland als sehr wahrscheinlich.

So gesehen ist die erste US-Anklage als deutliches Warnsignal an die Russen zu verstehen, die den Vorgang versuchen kleinzureden. Außenminister Sergej Lawrow tat die Vorwürfe als "Geschwätz" ab. Prigoschin selbst bestreitet die Vorwürfe, er reagierte mit Spott: "Amerikaner sind ein sehr leicht zu beeindruckendes Volk."

In einem US-Gerichtssaal werden aber vorerst weder der Geschäftsmann Prigoschin noch die zwölf anderen Angeklagten landen: Sie alle halten sich wieder in Russland auf.